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Autumn Blue(s)

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25. Oktober 2019 – Kii-Mountains, südlich von Tokyo

Das bunte Laub raschelte unter meinen Füßen, die in hölzernen Geta steckten und ein Vorankommen über den unebenen Waldboden nicht gerade leicht machten. Doch diese kleine Unannehmlichkeit hatte ich früher am Morgen gern in Kauf genommen und mittlerweile hatte ich mich an das langsamere Tempo meiner Schritte gewöhnt.

Langsam – dieses Wort beschrieb diese Gegend hier wohl am treffendsten, sah man von weitaus poetischeren Beschreibungen, wie wunderschön, atemberaubend oder verzaubert mal ab.

An einer kleinen Holzbrücke, die sich in einem eleganten Bogen über einen munter rauschenden Bachlauf spannte, hielt ich inne und stützte meine Unterarme auf das Geländer. Der Ausblick war tatsächlich atemberaubend schön und wie um diesen Eindruck zu verstärken, sog ich die frische Morgenluft tief in meine Lungen, während ich den Nebelfetzen folgte, die über das weitläufige Tal schwebten. Die Luft hier oben in den Kii Mountains war weitaus kühler als in der Großstadt und vielleicht hätte ich nicht nur in meinem leichten Yukata nach draußen gehen sollen, dachte ich mir, als sich eine sachte Windböe unter den dünnen Stoff mogelte und mich erzittern ließ. Eine Gänsehaut prickelte über meinen Rücken und fast wünschte ich mir, wieder auf den gemütlichen Futons liegen zu können. Uruha und Aoi hatten eine so angenehme Wärme ausgestrahlt, als ich mich vorhin unter den weichen Decken hervor gekämpft hatte und dennoch hatte mich nichts mehr in unserer Unterkunft gehalten. Ich hatte einfach nach draußen gehen müssen, hatte vor meinen melancholischen Gedanken zu fliehen versucht, die mich in dieser Abgeschiedenheit und Stille nur noch umso nachdrücklicher einzuholen schienen.

 

Ein leises Seufzen entrang sich meiner Kehle, während ich den Kopf senkte und das Kinn auf meine verschränkten Arme legte.

Was tat ich hier? Warum hatte ich mich von Uruha und Aoi überreden lassen, sie hierher zu begleiten? Nicht, dass die Gegend hier nicht all das war, was der Werbeprospekt versprochen hatte und nahm man es genau, hatte ich Urlaub kaum weniger nötig als meine Freunde, dennoch fühlte ich mich absolut fehl am Platz; und das war ich auch. Ich gehörte nicht hierher, nicht, wenn Uruha und Aoi ihre Zweisamkeit, ihre … Flitterwochen genießen sollten.

 

Flitterwochen – allein dieses Wort zu denken bereitete mir körperliche Schmerzen. Mein Magen verkrampfte sich und ich war froh noch nichts gegessen zu haben, als eine Welle der Übelkeit über mich hereinbrach. Angestrengt schluckte ich und versuchte mich auf die Geräusche der Natur um mich herum zu konzentrieren. Von der Talsohle herauf drang das aufgeregte Kreischen eines Krähenschwarms, während sich kleinere Vögel nicht von der Unruhe anstecken ließen und weiter ihre munteren Lieder zwitscherten. Der Bach unter meinen Füßen gluckerte und plätscherte leise und der Wind hatte wieder nachgelassen, ließ die Bäume um mich herum nun nur noch sacht rauschen.

 

Ruhe.

Stille.

Einsamkeit.

 

Und ich fühlte mich als müsste ich innerlich zerbersten.

Ich wollte laufen, bis meine Beine unter mir nachgaben. Wollte schreien, bis ich keine Luft mehr in den Lungen hatte und hätte meine Unsicherheit am liebsten in Aggression münden lassen, bis meine Fäuste schmerzten und die Knöchel blutig waren.

Stattdessen blieb ich unbewegt hier stehen und starrte blicklos vor mich hin.

 

In sechs Tagen wären es zwei Jahre, seit mich Uruha und Aoi zum ersten Mal in ihrer Mitte aufgenommen hatten. In dieser Nacht hatten sie mir gezeigt, dass sie mich genau so sehr wollten, wie ich sie wollte. Dass sie mich begehrten, mich … liebten, genau wie ich sie liebte und begehrte. Alles hatte sich so richtig angefühlt. Meine Liebe zu Uruha, die ich so viele Jahre verbergen musste und die ich in dieser Nacht endlich ausleben durfte. Genau wie mein Verlangen nach Aoi, dem ich mich so vollständig hingeben konnte und welches sich danach schneller, als ich je vermutet hätte, in Liebe gewandelt hatte.

Und nun? Nun ergab irgendwie nichts mehr Sinn und ich ertappte mich immer öfter dabei, wie ich alles, was wir uns zu dritt über die letzten Jahre aufgebaut hatten, infrage stellte.

War es richtig von mir an einer Beziehung festzuhalten, in der ich genaugenommen einfach nichts mehr zu suchen hatte?

Ich sollte einen Schlussstrich ziehen, bevor mich das Unvermeidliche verletzen würde.

Uruha und Aoi waren nun verheiratet, verdammt noch mal, was bildete ich mir also ein?

 

Mit einem leisen Stöhnen presste ich beide Hände an meine Schläfen, als sich erneut all die Stimmen zu Wort meldeten, die meine Zweifel nur noch verstärkten.

„Fühlst du dich denn gar nicht, ich weiß nicht, ausgeschlossen irgendwie? Immerhin werden die beiden bald etwas haben, von dem du kein Teil sein wirst.“ Tora, eine Flasche Bier in der Hand, während die andere warm und sicher auf meiner Schulter lag.

„Bist du wirklich glücklich, mein Junge?“ Meine Mutter, Sorge in ihren Augen.

„Was genau hast du eigentlich mit den beiden zu schaffen?“ Aois Onkel, die Nase gerötet und der Blick trüb vom Alkohol.

„Na, Rei? Wie fühlst du dich als fünftes Rad am Wagen, jetzt wo Aoi und Uruha verheiratet sind?“ Ruki, mit einem frechen Grinsen auf den Lippen, welches seinen Worten die Schärfe hätte nehmen sollen.

Von Anfang an hatte ich versucht die Bedenken auszuräumen, den Skeptikern Kontra zu bieten und nichts auf dumme Sprüche oder Neckereien zu geben. Immerhin hatte ich doch gewusst, dass sich an unserer Beziehung nichts ändern würde, nur weil Uruha und Aoi ihre Verbindung hatten offiziell machen wollen. So offiziell es ihnen möglich gewesen war, zumindest.

Aber nun? Ich hatte einfach keine Kraft mehr.

 

Wie sehr ich mir doch die Euphorie zurückwünschte, die mich durchströmt hatte, als Aoi mich vor Monaten eingeweiht hatte. Als er mir nervös bis unter die Haarspitzen erzählt hatte, dass er Uruha einen Antrag machen wollte. Ich hatte mich so für meinen besten Freund gefreut. Uruha verdiente es, sich Aoi auf diese Weise sicher zu sein, ihrer Verbindung noch so viel mehr Bedeutung verleihen zu können. Ich war so unendlich froh gewesen, dass meine beiden Liebsten ihr Glück finden würden … bis mich meine Unsicherheiten einholten und die Zweifel der Menschen um mich herum immer lauter wurden.

 

„Reita?“

 

Ich schreckte hoch und wischte mir über die verräterisch feuchten Augen, bevor ich mich umdrehte und in Richtung der beiden Gestalten blickte, die sich mir langsam näherten. Ohne mein bewusstes Zutun entlockte mir ihr Anblick ein sanftes Lächeln und ich hatte schon zwei Schritte auf sie zugemacht, bevor ich wieder innehielt.

 

Himmel, sie waren so schön zusammen. Uruha trug den cremefarbenen Yukata vom Vorabend, dessen Säume mit kräftig roten Kamelien bestickt waren und der seiner hochgewachsenen, schlanken Gestalt unglaublich schmeichelte. Um seine Schultern lag ein beiger Überwurf aus dicker Wolle und wieder ging ein Zittern durch meinen Körper – ob nun vor Kälte oder, weil ich mich so nach ihm sehnte, wusste ich nicht. Seine dunkelbraunen Haare hingen ihm wirr ins Gesicht – ein deutlicher Beweis dafür, dass er sich wohl nicht die Mühe gemacht hatte sie zu kämmen – und verliehen ihm beinahe etwas Jungenhaftes. Aoi hingegen sah wie immer unverschämt attraktiv aus.

Seine schulterlangen, schwarzen Haare hatte er in einem losen Zopf gebunden und nur einige freche Strähnen hatten sich gelöst, tanzten nun im sachten Wind um sein Gesicht. Ich verspürte den unbändigen Drang sie sanft hinter sein Ohr streichen zu wollen, stattdessen schüttelte ich nur sacht den Kopf. Es war so klar gewesen, dass er sich für den schlichten, dunkelblauen Yukata entscheiden würde, einfach, weil das Schicksal etwas gegen mich hatte und wusste, wie sehr er mir darin gefiel. Dass er auch noch den graumelierten Wollschal um den Hals trug, den ich ihm im letzten Herbst geschenkt hatte, weil er ständig erkältet gewesen war, machte die Sache nun auch nicht besser. Meine Mundwinkel zuckten leicht, aber ein Lächeln wollte sich nicht formen, obwohl es mich unglaublich freute, dass Aoi diesen Schal so gerne trug, auch wenn er bei weitem nichts Besonderes war. Meine Linke, die noch immer auf dem kühlen Holz des Brückengeländers ruhte, verkrampfte sich und alles in mir schrie danach zu ihnen zu gehen. Ich wollte Uruha in meine Arme nehmen, wollte, dass Aoi mich hielt und dennoch rührte ich mich nicht von der Stelle.

 

„Reita?“ Wieder Aois dunkle Stimme, wieder mit diesem fragenden, ja, fast schon besorgten Unterton. „Ist alles in Ordnung?“

 

„Wir haben uns Sorgen gemacht, als du plötzlich verschwunden warst.“ Uruha beschleunigte seine Schritte und Aoi griff nach seiner Hand – eine so vertraute Geste, die ich in den letzten Jahren so oft gesehen hatte, dass mein Herz erneut schmerzhaft stach.

Kaum eine Armeslänge von mir entfernt blieben sie stehen. Uruhas warmer Blick ruhte auf mir und er legte seinen Kopf sacht schief, als würde er so ergründen können, warum ich in aller Frühe unsere gemütliche Schlafstätte verlassen hatte, nur um nun frierend und unglücklich auf einer Brücke im Wald zu stehen.

Himmel, wenn ich meinen Gedanken so folgte, war es kein Wunder, dass mich nun beide Männer betrachteten als wäre ich verrückt geworden.

 

„Geht es dir gut?“ Uruhas Hand war angenehm warm, als sie sich auf meine Stirn legte und reflexartig schloss ich die Augen. Super, jetzt dachten sie wohl, ich wäre krank und im Fieberwahn nach draußen gegangen. Zu Verübeln war es ihnen nicht, immerhin hatte ich schon einmal davon halluziniert ein Fisch-Fräulein zu sein, die es mit üblen Schurken hatte aufnehmen müssen. Ich seufzte, öffnete die Augen wieder und versuchte meine Lippen erneut zu einem Lächeln zu bewegen, vergebens.

 

„Mit mir ist alles in Ordnung, Ruha. Ich hab nur frische Luft gebraucht.“

 

„Du siehst aber nicht so aus, als wäre alles in Ordnung.“ Aois Stimme war skeptisch, als nun auch er näher an mich herantrat und eine Hand anhob, wohl um sie mir auf die Schulter zu legen. Das Sonnenlicht fing sich in dem weißgoldenen Band, welches sich um seinen Ringfinger schlängelte und ich blinzelte, nahm seine Hand in meine, noch bevor er mich berühren konnte. Traurig blickte ich auf den Ring herab, zeichnete ihn mit der Fingerspitze nach. Omnia vincit amor – die Liebe besiegt alles – war in die Innenseite graviert worden. Der Spruch, den ich für die beiden ausgesucht hatte, und der mir so viel Hoffnung gegeben hatte.

 

„Dir entgeht aber auch gar nichts, Blue“, wisperte ich, einen Mundwinkel zu einem sachten Lächeln hochgezogen. Aoi spiegelte dieses, vermutlich des Spitznamens wegen, aber sein Blick war noch genauso forschend, vielleicht sogar noch besorgter als eben.

 

„Reita.“ Nachdrücklicher, fordernder und obwohl Aoi mich nicht hielt, konnte ich mich doch nicht von ihm lösen. Nicht, wenn mich diese Augen gefangen nahmen und nicht, wenn ich Uruhas Wärme an meiner Seite spüren konnte, als er einen Arm um meine Mitte legte.

 

„Seit wann bist du so naturverbunden, dass du freiwillig ein warmes Bett und morgendliche … Aktivitäten opferst, nur um hier in der Gegend herumzustehen?“, raunte Uruha in einer Mischung aus Belustigung und unterschwelligem Verlangen in mein Ohr, bevor ich seine warmen Lippen an meinem Hals spüren konnte. „Wir haben dich vermisst.“

 

Wieder schloss ich die Augen, ließ mich näher an Uruhas Körper ziehen, spürte nun auch Aois Wärme direkt vor mir. Verflucht, warum schwiegen meine Unsicherheiten nicht endlich? War es nicht offensichtlich, dass meine Partner mich noch immer genauso liebten, wie vor ihrer Hochzeit? Sie vermissten mich, machten sich Sorgen um mich, also warum hörte ich nur die Zweifel in meinen Ohren wiederhallen?

 

„Lass uns zurückgehen, ich hab da so eine Idee, was ich nach dem Frühstück gerne vernaschen würde.“ Uruhas Stimme war die pure Erotik und ein heißes Prickeln sammelte sich in meinen Lenden, ließ meinen Körper trotz der wirbelnden Gedanken genauso reagieren, wie er es sich wohl erhofft hatte. Aber nein, ich hatte eine Entscheidung gefällt und selbst Uruha würde mich nicht umstimmen können.

Ich schüttelte den Kopf, trat ein paar Schritte von den Männern zurück, die ich mehr als alles andere auf der Welt liebte und blickte ihnen fest in die Augen.

 

„Ich werde nach Hause fahren.“ Ich versuchte die ungläubigen Blicke zu ignorieren, mit denen ich nun bedacht wurde und schob mich an ihnen vorbei. Wieder knirschte das Herbstlaub unter den Holzsohlen meiner Geta, aber anders als noch früher am Morgen hörte es sich nun so an, als würde es mich mit jedem weiteren Schritt verspotten. Beinahe konnte ich hören, wie es mich einen Feigling schimpfte, wie es mich undankbar und egoistisch nannte, weil ich Uruha und Aoi zurückließ.

Recht hatte es. Ich war feige, ich war undankbar und egoistisch, weil ich meinen Liebsten einfach nicht sagen konnte, was mich beschäftigte. Was mich nachts nicht schlafen ließ und mir jede Freude raubte.

 

„Reita, bleib hier, bitte.“ Aois erstaunlich warme Finger schlossen sich sanft um meine Hand und hielten mich so davon ab, mehr Abstand zwischen uns zu bringen. „Ich verstehe nicht, was mit dir los ist. Seit Tagen bist du nun schon so in dich gekehrt, so kenne ich dich gar nicht.“

 

Ich seufzte und ließ den Kopf hängen. Natürlich kannte Aoi mich so nicht, ich kannte mich doch selbst nicht einmal so, aber das machte es auch nicht besser. Wenn ich wüsste, wie ich diese nervenden Zweifel wieder loswerden könnte, würde ich es doch tun.

 

„Siehst du, Aoi, das ist der Grund, weshalb ich besser nach Hause fahren sollte. Ich will euch eure … Flitterwochen nicht mit meiner schlechten Laune verderben.“

 

„Und du denkst, wenn du jetzt fährst, werden wir noch Spaß an unserem Urlaub haben?“ Uruhas Worte klangen mehr wie eine Feststellung und weniger wie der Vorwurf, mit dem ich insgeheim schon gerechnet hatte. Als er dann auch noch seine Arme um meine Mitte legte und sich an meinen Rücken schmiegte, gab irgendetwas in mir nach und ich lehnte mich Halt suchend in seine Umarmung. „Ich liebe dich, Rei“, murmelte er so leise gegen mein Ohr, dass wohl nur ich ihn hören konnte. „Und daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Aoi und ich nun verheiratet sind.“

 

„Woher …?“, platzte es fast schon entsetzt aus mir heraus und ich drehte mich in Uruhas Armen herum, um ihm mit offensichtlicher Verwunderung in die Augen sehen zu können.

 

„Wie lange kennen wir uns nun schon?“, erkundigte er sich mit etwas gelangweiltem Unterton in der Stimme, trug jedoch ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen.

 

„Viel zu lange, wie mir scheint“, murrte ich etwas unzufrieden, während sich Uruhas Lächeln zu einem selbstzufriedenen Grinsen weitete. Dann senkte er den Kopf, bot mir keine Gelegenheit mehr, mich erneut von ihm loszumachen und begann mich stattdessen tief und liebevoll zu küssen.

Himmel, das tat so unendlich gut und ich drängte mich nur noch näher gegen ihn, gab mich ganz dem warmen Gefühl hin, das nur meine beiden Partner in mir auszulösen vermochten. Ich spürte Aois ruhige Präsenz in meinem Rücken, dann seine Lippen, die zärtlich über meinen Hals wanderten. Gerade wollte ich die Arme heben, um meine Finger in Uruhas Schopf wühlen zu können, da ergriff Aoi meine Handgelenke. Ich stockte, löste mich, bereits etwas schwerer atmend, von Uruhas süßem Mund um über meine Schulter nach hinten schielen zu können. Aoi hatte seinen Schal abgenommen, nur um ihn nun um meine Handgelenke zu winden und mit einigen festen Knoten zu fixieren. Eine Welle der Erregung flutete meinen Körper und vertrieb tatsächlich für einen Moment jeden Gedanken, der nichts mit dem Hier und Jetzt zu tun hatte.

 

„Du machst es uns aber auch nie leicht, was Süßer?“ Aoi streichelte meine Oberarme empor, bis seine Hände an meinen Schultern ruhten. „Komm mit uns zurück“, wisperte er süß wie eine Sirene, die mich in ihren Bann schlagen wollte.

 

„Das ist nicht fair, Aoi, und du weiß das.“ Ich versuchte, eher schlecht als recht, das erwartungsfrohe Zittern in meiner Stimme zu unterdrücken, während sich Uruhas Oberschenkel verheißungsvoll gegen meine erwachende Körpermitte presste.

 

„Ich weiß.“ Aoi lachte leise, was mir eine weitere Gänsehaut über den Rücken jagte, die nun jedoch rein gar nichts mit der kühlen Herbstluft zu tun hatte. „Und ich weiß auch, dass du es liebst, wenn ich auf diese Weise unfair bin.“

 

Was sollte ich dazu noch sagen? Nichts, wie mir schien, denn als mich Uruha erneut küsste und ich Aois Erregung selbst durch den Stoff unserer Kleidung hindurch an meinem Hinterteil spüren konnte, hatte ich auch gar kein verlangen mehr danach, auch nur im Ansatz zu protestieren. Es war mir egal, dass wir mitten auf einem öffentlichen Waldweg standen, wo jederzeit ein Gast oder ein Mitarbeiter des Ryokans vorbeikommen konnte. Es war mir egal, dass ich Uruha und Aoi heute noch würde erzählen müssen, was mich so verunsicherte, weil sie es einfach verdienten, dass ich endlich ehrlich zu ihnen war. Im Moment zählten nur meine beiden wunderschönen Männer und das, was sie sich für uns überlegt hatten.

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14. Februar 2019 – Tokyo

Gibt es etwas Schöneres, als den ersten richtig warmen Tag des Jahres damit zu verbringen, auf dem Motorrad durch die Straßen Tokyos zu fahren? Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte ich diese Frage mit einem überzeugten Nein beantwortet. Doch, wenn ich jetzt so darüber nachdachte, gab es tatsächlich noch etwas Besseres als das. Nämlich den Gedanken daran, dass, wenn ich gleich heimkam, Uruha und Aoi auf mich warten würden. Ich lächelte, was dank des getönten Visiers meines Helms nicht zu erkennen war und bog in die Straße ein, in der ich seit nunmehr über einem Jahr wohnte.

 

Als ich die Rampe zur Tiefgarage herab rollte, beglückwünschte ich mich, Uruhas Rat, doch lieber den Wagen zu nehmen, nicht befolgt zu haben und stattdessen den Weg zum Feinkostladen in der Innenstadt mit meiner Maschine gefahren zu sein. Der frühe Morgen war heute einfach viel zu schön gewesen, um ihn eingesperrt im Auto oder den öffentlichen Verkehrsmitteln verbracht zu haben. Mir war zugegebenermaßen jetzt zwar eiskalt – Februar war trotz des schönen Wetters eben doch noch mitten im Winter – aber mein kleiner Ausflug hatte sich rundum gelohnt.

Nicht nur, dass ich alles bekommen hatte, womit ich meine Süßen heute überraschen wollte, nein, ich hatte auch noch Sonne tanken können. Was wollte ich also mehr?

 

„Reita-kun!“, sprach mich eine vertraute, leicht kratzige Männerstimme von der Seite an, als ich gerade die letzten Stufen in unser Stockwerk hinauf eilen wollte.

 

„Ah, Mori-san, ich hab sie ganz übersehen“, erwiderte ich mit einem Lächeln auf den Lippen und drehte mich zu dem älteren Herren um. „Guten Morgen, wie geht es Ihnen?“

 

„Gut, gut, danke mein Junge. So früh schon unterwegs?“

 

„Ja, ich wollte nicht mitten in den Berufsverkehr geraten.“ Mori-san nickte verstehend und ich lehnte mich nach hinten gegen das Geländer des Treppenaufgangs, um es ein wenig bequemer zu haben. Hätte man mir vor einigen Monaten erzählt, dass ich es einmal genießen würde, mich mit meinem ältlichen Nachbarn zu unterhalten, hätte ich vermutlich nur herzhaft gelacht. Mori-san und ich hatten nicht gerade den besten Start gehabt, um es einmal milde auszudrücken. Ich schmunzelte verstohlen in mich hinein. Was so eine Flasche Sake und ein echtes Männergespräch nicht alles wieder ins Lot bringen konnte.

 

„Ich hab eine gute Nachricht für dich, Reita-kun“, eröffnete mir der alte Herr gerade mit einem verschwörerischen Augenzwinkern und ich grinste ihm mit unverhohlener Vorfreude entgegen.

 

„Lassen Sie mich raten: Es ist fertig?“

 

„Ganz genau. Und ich sag dir, diesmal ist es besonders gut geworden. Komm nachher doch mal vorbei.“

 

„Na, das brauchen Sie mir nicht zweimal sagen, Mori-san.“

 

„Sehr gut.“ Mein Nachbar grinste mich vollends zufrieden an, was ihn gleich um zehn Jahre jünger aussehen ließ. „Dann will ich dich nicht länger aufhalten, grüß deine Freunde von mir.“

 

„Mache ich …“, rief ich noch, während ich die Treppen schon halb nach oben gestiegen war.

 

Innerlich rieb ich mir die Hände in unverhohlener Vorfreude. Seit der alte Mori in Ruhestand gegangen war, hatte er das Bierbrauen als Hobby für sich entdeckt und über die letzten Monate hinweg war ich mit Abstand der größte Fan seines handgemachten Ambrosias geworden. Ich übertreibe an dieser Stelle übrigens nicht, wer einmal von Mori-sans Selbstgebrautem gekostet hatte, war ein für alle Mal für die schnöde Welt des industriell hergestellten Bieres verdorben. Ehrlich, das war ein Problem, auch wenn mir das vermutlich niemand glauben würde.

Nur aus diesem Grund hatte ich meinen beiden süßen auch noch immer nicht verraten, wie es mir gelungen war, den grimmigen Mori, der mich von der ersten Sekunde meines Einzugs an nicht hatte leiden können, so komplett umzustimmen. Es hatte rein gar nichts damit zu tun, dass ich Moris flüssiges Gold mit niemandem teilen wollte, wirklich nicht.

 

Leise summend schloss ich unsere Tür auf und hätte Uruha beinahe das Türblatt gegen die Nase geschlagen, weil dieser keine zehn Zentimeter davon entfernt im Flur stand und sich gerade die Schuhe zuband.

 

„Huch“, entkam es mir erschrocken, bevor ich fragend die Augenbrauen nach oben zog und mich durch den Türspalt quetschte. „Gehst du weg?“

 

„Hey, Reita“, strahlte mich mein bester Freund von unten herauf an, zog die Schleife seiner Schuhbänder nochmal prüfend fest und machte alles in allem den Eindruck, als hätte er mich gerade in dieser Sekunde erst bemerkt. Ich schmunzelte - Uruha war wirklich eine Marke für sich und wenn jemand behaupten würde, dass er die meiste Zeit des Tages in seiner eigenen, kleinen Welt verbrachte, dann würde ich das sofort glauben.

 

„Hey, Ducky“, sagte ich also, ohne meine Frage von gerade eben zu wiederholen, trat auf ihn zu und wartete, bis er sich aufgerichtet hatte, bevor ich die Einkäufe beiseite stellte und meine Arme um seinen Nacken legte. Wie, als wäre es die natürlichste Reaktion der Welt, fanden seine Hände ohne Umschweife den Weg auf meinen Hintern und drückten zu, als ich seine Lippen für mich eroberte. Mein durchaus angetanes Seufzen wurde von unserem Kuss erstickt, der von der ersten Sekunde an alles, nur nicht unschuldig war und den ich mehr genoss, als es eine knappe Stunde, die ich nicht in seiner Gegenwart verbracht hatte, eigentlich rechtfertigte. Uruhas Lippen waren herrlich weich, sein Körper wohltuend warm, während er sich immer stärker gegen mich drängte. Wieder entkam mir ein leiser Laut und wie von selbst schlossen sich meine Augen, um all den Gefühlen und Empfindungen noch besser nachspüren zu können. Langsam kraulte ich durch sein Haar, brachte die vorherrschende Ordnung ein wenig durcheinander und fühlte mein Herz schnell in meinem Brustkorb schlagen. Ich war glücklich, schlicht und einfach und hey, wer wäre das nach so einer ausführlichen Begrüßung nicht? Ich grinste durchaus selbstzufrieden, als sich Uruhas süßer Mund irgendwann – ich hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war – doch wieder von meinem löste und schaute meinem Schatz ins schöne Gesicht.

 

„Uruha?“

 

„Mhmh?“

 

„So darfst du mich gerne immer begrüßen“, stellte ich fest und drückte ihm nochmal einen kurzen Kuss auf die Lippen. „Aber ich hatte dich vorhin eigentlich schon gefragt, ob du noch weggehst?“. Mein Grinsen weitete sich, als ich in seinem Gesicht ganz genau ablesen konnte, dass er gerade so gar nicht wusste, wovon ich sprach. Und wer wäre ich denn, würde ich ihn jetzt schon daran erinnern, dass er eigentlich hatte gehen wollen? Eben. Also presste ich mich nur noch mehr gegen seinen Körper oder besser gesagt versuchte ich es, denn mittlerweile hatte er mich zwischen der Flurwand und sich so eingeklemmt, dass ich mich kaum bewegen konnte. Aber das störte mich nicht, ganz im Gegenteil. Leise keuchend ließ ich mein Becken kreisen und rieb meine Körpermitte ein wenig gegen seinen Oberschenkel, den er bestimmt nicht ohne Hintergedanken zwischen meine Beine geschoben hatte.

 

„Weggehen? Oh. Ach nö, Mist aber auch“, brummte mein Freund nun doch noch ziemlich verspätet und sogar ein bisschen unwillig klingend, rieb mit der Nase über meinen Hals und ich konnte mir ein leises Lachen nicht verkneifen, als ich ihm nun liebevoll das Haupthaar tätschelte.

 

„Was denn? Kommst du wieder einmal zu spät?“

 

„Du bist ein schrecklicher Mensch, Reita, das hast du doch mit voller Absicht gemacht!“

 

„Was genau? Dich geküsst? Stimmt, das war volle Absicht.“

 

„Mich abgelenkt.“

 

„Hab ich das, ja? Ich darf dich dran erinnern, dass ich es bin, der hier ziemlich bewegungsunfähig im Flur herumsteht und es dein Oberschenkel ist, der sich in meinen Schritt presst.“

 

Uruha blinzelte, als wäre ihm dieser Umstand erst jetzt bewusst geworden, hatte sich aber noch immer nicht von mir gelöst und lächelte nun ziemlich verschmitzt auf mich herab.

 

„Mh, so gesehen hast du recht“, schnurrte er und drückte sein Bein noch stärker gegen meine Körpermitte, die mit vorfreudigem Zucken auf all diese Aufmerksamkeit reagierte. „Wo war ich noch gleich stehengeblieben?“, nuschelte er gegen meine Halsbeuge und zupfte an der geröteten haut des Knutschflecks, den er mir eben noch verpasst hatte.

 

„Ich glaube, du warst dabei deine Verabredung zu verpassen.“

 

„Mist!“

 

Leise glucksend schaute ich mit einer gewissen Portion Genugtuung dabei zu, wie sich mein Schatz deutlich widerwillig von mir löste, nur um im nächsten Moment hektisch nach seiner Jacke zu suchen.

 

„Verrätst du mir jetzt, wo du hingehst?“

 

„Ich bin mit Saga verabredet.“

 

„Na, dann brauchst du dir ja keine Sorgen machen. Saga kommt doch sowieso grundsätzlich erst eine halbe Stunde nach der vereinbarten Zeit, weil er haargenau weiß, dass du immer zu spät kommst.“ Ich lachte leise und zog mir nun endlich auch mal die Lederjacke aus.

 

„Eben nicht“, grummelte Uruha, den Blick noch immer suchend umherschweifen lassend, „wir haben gewettet, dass ich diesmal pünktlich komm – ah, da ist sie ja.“

 

Amüsiert beobachtete ich weiterhin meinen Freund, während ich mich nun auch meiner Schuhe entledigte.

 

„Um was habt ihr gewettet?“, fragte ich, ein kleines, scheinheiliges Lächeln auf den Lippen, als ich erneut an ihn herantrat und meine Arme um seine Taille legte.

 

„Reita~. Ich komm zu spät.“

 

„Was war der Wetteinsatz, Uruha?“, widerholte ich und tupfte kleine Küsse auf seinen gestreckten Hals. Trotz seines eben noch geäußerten Protests hielt er nun ganz still, lehnte seinen Kopf sogar ein Stückchen zur Seite, um mir mehr Spielraum zu geben und seufzte eindeutig angetan.

 

„Mmmh, ich muss sein Auto waschen, wenn ich zu spät komme.“

 

„Uh, ein Grund mehr dich aufzuhalten, das will ich sehen.“

 

„Rei~!“

 

„Schon gut“, lachte ich, „wann kommst du wieder?“ Ich löste mich von ihm, bückte mich nach der Tüte mit den Einkäufen und achtete peinlich genau darauf, dass mein neugieriger Schatz nicht zufällig sehen würde, was sich darin befand.

 

„Ich weiß noch nicht, wieso?“

 

„Ach, nur so …“, trällerte ich scheinheilig, hob die Tüte hoch und schwenkte sie vielsagend hin und her. „Es könnte rein theoretisch möglich sein, dass ich Champagner und Pralinen besorgt habe“, verriet ich nun doch, auch wenn das nur die Hälfte dessen war, was ich eingekauft hatte. „Und eventuell könnte ich mich auch noch zu einer Massage überreden lassen.“ Uruhas Augen wurden groß und ein vorfreudiges Funkeln machte deutlich, was er von meinen Plänen hielt.

 

„Ich bin spätestens um zwei wieder hier.“

 

„Perfekt.“ Jetzt erst ließ ich von ihm ab und wollte schon in die Küche gehen, um meine Errungenschaften nun endlich im Kühlschrank zu verstauen, da hielt mich Uruhas Stimme noch einmal auf.

 

„Rei? Hab ich schon wieder irgendwas Wichtiges vergessen?“, fragte er mich kleinlaut und als ich mich erneut zu ihm umdrehte, machte er doch tatsächlich einem kleinen Jungen Konkurrenz, so schuldbewusst sah er mich an. Mein Herz machte einen verliebten Hüpfer und am liebsten hätte ich ihn schon wieder in meine Arme gezogen, aber stattdessen grinste ich nur. Uruha wusste wirklich gar nicht, wie niedlich er ab und an sein konnte. Gut, zugegeben, eigentlich hatte ich gehofft, den Valentins-Morgen gemütlich mit meinen beiden Liebsten verbringen zu können und später vielleicht mit ihnen in den Park zu gehen, aber ich war ihm ehrlich nicht böse, dass er durch seine notorische Verpeiltheit meine Planung ein bisschen über den Haufen geworfen hatte. So war mein bester Freund nun mal, das hatte ich schon vor einer halben Ewigkeit akzeptiert. In meinen Augen machte ihn dieser Wesenszug nur noch begehrenswerter, keine Ahnung warum das so war.

 

„Du wirst schon noch herausfinden, was du vergessen hast und dann wirst du dir was Schönes überlegen, um es wieder gutzumachen.“ Ich drückte ihm einen kurzen Kuss auf die Nasenspitze und zwinkerte ihm keck zu, ohne mir anmerken zu lassen, wie vernarrt ich in seine Schmollschnute war, die er gerade zum Besten gab.

 

„Reita … sag’s mir, sonst grüble ich wieder den ganzen Tag.“

 

„Nö~!“

 

„Du bist gemein.“

 

„Gemein ist mein zweiter Vorname und du kommst zu spät zu deiner Verabredung“, trällerte ich, mittlerweile in der Küche angekommen und lauschte amüsiert dem leisen Fluchen, das vom Flur her an meine Ohren drang.

 

„Ich bin dann weg!“, rief mein Schatz fünf Minuten später, dann fiel die Tür ins Schloss und Stille herrschte in unserer Wohnung. Ich schüttelte den Kopf, gab einen Schluck Milch in meinen Kaffee, den ich mir eben noch eingegossen hatte und schlenderte ins Wohnzimmer. Eigentlich hatte ich damit gerechnet Aoi auf dem Sofa sitzen zu sehen, die Nase in einem Buch oder über Notenblätter gebeugt, wie es in letzter Zeit so oft der Fall gewesen war. Aber die Couch war leer und auch auf dem Sofatisch lag bis auf eine Zeitschrift nichts, was darauf schließen ließ, dass er eben noch hier gewesen war. Seltsam. Statt es mir also gemütlich zu machen, ging ich weiter zum Schlafzimmer, aber auch hier war Aoi nicht. Leise klopfte ich also an der Badezimmertür und erhielt sogar eine Antwort.

 

„Komm rein.“

 

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und ein nicht unangenehmer Schauer rann mir über den Rücken, als mir warmfeuchte und wohlriechende Luft entgegenschlug. Aoi lag mit geschlossenen Augen in der Wanne, nasse Strähnen seines schwarzen Haares hingen ihm wirr in der Stirn und alles in allem gab er einfach nur ein wunderschönes Bild der absoluten Entspannung ab. Dennoch legte sich meine Stirn in besorgte Falten und ich schloss leise die Tür, bevor ich auf ihn zuging und meine Tasse vorerst auf der Ablage hinter seinem Kopf abstellte. Mich auf den Wannenrand setzend musterte ich meinen Freund kritisch, aber Aois Augen blieben geschlossen, beinahe so, als wollte er meine Gegenwart nicht wirklich registrieren.

 

„Ist alles in Ordnung mit dir? Geht es dir nicht gut?“ Sanft strich ich ihm die Haare aus der Stirn und lächelte tatsächlich ein wenig erleichtert, als er mich nun doch aus nur halb geöffneten Augen anblinzelte.

 

„Nee, alles gut, ich … ist Uruha schon weg?“

 

„Ja.“ Ich nickte, auch wenn das ungute Gefühl in meinem Bauch nach dieser doch irgendwie seltsamen Antwort nur noch stärker geworden war. „Also ich weiß ja nicht, aber irgendwie hat sich das gerade so angehört, als hättest du dich hier vor ihm versteckt. Hattet ihr Streit?“

 

Aoi schüttelte den Kopf, die Augen wieder geschlossen und ich konnte am verkniffenen Zug um seinen Mund sehen, dass er mir nicht ganz die Wahrheit sagte.

 

„Aoi.“

 

Keine Antwort, nur das Wasser geriet in Unruhe, als sich mein Freund erst übers Gesicht rieb und sich dann aufsetzte. Dunkle Augen richteten sich plötzlich mit einer derartigen Intensität auf mich, dass ich unwillkürlich schwer schluckte, einfach, weil ich noch immer nicht wusste, was hier eigentlich los war. Und dass irgendetwas nicht in Ordnung war, da war ich mir mittlerweile sicher. Aoi wirkte besorgt und von seiner eben noch vorherrschenden Entspannung war nun nichts mehr übrig. Sein Mund öffnete sich, aber mit einem seichten Kopfschütteln schloss er ihn wieder, ohne etwas gesagt zu haben.

 

„Kommst du auch ins Wasser?“, fragte er mich einen Herzschlag später und ich war mir verdammt sicher, dass es nicht das war, was er eigentlich hatte sagen wollen. Dennoch hatte ich schon genickt, bevor ich richtig darüber hatte nachdenken können. Das hatte sich nicht nach einer schlichten Frage angehört, vielmehr nach einer Bitte, eine Bitte, die ich ihm nicht abschlagen wollte. Außerdem fühlten sich meine Glieder noch immer durchgefroren an und was würde dagegen besser helfen, als ein warmes Bad? Ich entledigte mich also meiner Kleidung und wollte vor Aoi in die Wanne steigen, da jedoch rutschte er ein Stück vor und bot mir so den Platz genau hinter ihm an. Meine Augenbraue wanderte fragend ein Stückchen nach oben – eigentlich war Aoi nicht der Typ, der sich gerne halten ließ oder verkuschelt war, aber hey, diese Chance würde ich mir gewiss nicht nehmen lassen. Lächelnd stieg ich also in das warme Wasser, seufzte genießend, als meine Beine sogleich zu kribbeln begannen und zog ihn in meine Arme.

 

„Sagst du mir jetzt, was los ist?“ Langsam streichelte ich über seinen Oberkörper, hauchte kleine Küsse auf seinen Hals und merkte, wie er mit jedem verstreichenden Moment weicher wurde, bis er sich leise seufzend gegen mich lehnte.

 

„Ich … später, okay?“

 

Für einen langen Augenblick starrte ich nur stumm geradeaus und versuchte das ungute Gefühl zu ignorieren, welches mir nachdrücklich sagen wollte, das hier irgendwas absolut faul war, bis ich lautlos seufzte und dann für mich selbst nickte. Ich versuchte mich zu entspannen, verteilte sanfte Küsse auf seinem Nacken, aber erst, als Aoi seine Finger mit den meinen vor seinem Bauch verschränkte und sich so drehte, dass er sein Gesicht an meiner Halsbeuge verbergen konnte, vertrieb die Zufriedenheit, die ich in seiner und Uruhas Gegenwart immer verspürte, einen Teil meiner Anspannung.

 

„Okay“, murmelte ich also bestätigend und versuchte nicht weiter über sein seltsames Verhalten nachzugrübeln. Ich kannte ihn nun schon lange genug und wusste, dass er irgendwann von selbst mit der Sprache herausrücken würde und bis dahin würde ich ihn nicht quälen, in dem ich auf eine Antwort pochte. Ja, man mochte es nicht glauben, aber auch ich konnte ab und an einfühlsam sein, auch wenn Uruha mir dies gerne abzusprechen versuchte. Ich grinste, lehnte mich etwas gemütlicher gegen den Wannenrand und spielte mit Aois Fingern.

 

„Wo warst du eigentlich?“, fragte er mich einige Zeit später und verhinderte damit, dass ich doch tatsächlich beinahe eingeschlafen wäre. Aber wäre mir das zu verübeln gewesen, wenn das Wasser so angenehm warm und Aoi so herrlich anschmiegsam war? „Reita?“ Oops, ich sollte wohl mal antworten und nicht weiter vor mich hin träumen, was? Ich schüttelte leicht den Kopf und drückte einen entschuldigenden Kuss auf seine Schulter.

 

„Sorry, bin fast weg genickt“, gab ich zu und schmunzelte, als Aoi leise und deutlich belustigt schnaubte. „Ich war beim Feinkostladen, weil ich für Uruha und dich eigentlich ein paar Leckereien zum Frühstücken besorgt habe, aber die Planungen haben sich ja geändert.“

 

Mein Schatz seufzte leise und nun war er es, der meine Hand anhob, um mir einen kleinen Kuss auf die Fingerknöchel zu drücken.

 

„Tut mir leid.“

 

„Wie? Was denn?“

 

„Na, du hast die Sachen doch bestimmt wegen dem Valentinstag heute besorgt, oder?“

 

„Ja, schon, aber warum entschuldigst du dich? Uruha ist doch ausgeflogen. Außerdem macht das nichts, aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben und so.“

 

„Nein … ist es nicht.“ Wieder seufzte er und verdammt noch mal, so kannte ich ihn wirklich nicht.

 

„Jetzt mal ernsthaft, Aoi, was ist los mit dir?“ Gut, ich hatte vorhin noch beschlossen, dass ich ihn nicht unter Druck setzen würde, aber so, wie sich mein Schatz gerade gefühlt innerlich selbst zerfleischte, würde ein wenig Druck von meiner Seite auch nicht mehr schaden. Im Gegenteil.

 

„Lass uns aus der Wanne gehen und frühstücken, okay?“

 

„Aoi …“

 

„Bitte.“

 

„Na schön.“

 

~*~

 

Bemüht entspannt kaute ich auf meinem Frühstück herum, obwohl ich mit jeder verstreichenden Sekunde das Gefühl bekam, es würde immer mehr in meinem Mund werden. Aoi neben mir hatte kaum drei Worte gesagt, seit wir aus der Wanne gestiegen waren und es uns im Wohnzimmer gemütlich gemacht hatten. Die einzige Geräuschkulisse war der Fernseher, aber nicht einmal die fröhliche Stimme der Moderatorin vom Morgenmagazin schaffte es gegen die ungute Stimmung anzukämpfen, die mein Freund wie eine Leuchtreklame auszustrahlen schien. Himmel, ich hörte sogar die Uhr auf der Kommode ticken, obwohl mir das Ding sonst wirklich nie auffiel. Angestrengt schluckte ich und spülte mit einem großen Schluck Kaffee nach.

 

„So, jetzt reicht’s. Ehrlich mal Aoi …“ Schwungvoll hatte ich mich zur Seite gedreht, um meinen Schatz ansehen zu können, aber das Häuflein Elend, welches mir nun gegenübersaß, wischte sämtliche Worte erfolgreich aus meinen Hirnwindungen. Ein dumpfes Ziehen setzte in meinem Magen ein und ich bereute zutiefst eben etwas gegessen zu haben. Gerade so konnte ich noch verhindern, dass ich gequält das Gesicht verzog, legte Aoi stattdessen sanft eine Hand aufs Knie und versuchte mich an einem, vermutlich ziemlich missglückten, Lächeln. „Hey, nun sag mir schon, was los ist. Du siehst aus, als würdest du mir sagen müssen, dass mein Haustier gestorben ist.“ Gut, meine Späße waren auch schon mal lustiger gewesen, aber was war in einer solchen Situation schon zu erwarten? Ruckartig stand Aoi auf und begann vor dem niedrigen Couchtisch, auf dem unser fast unberührtes Essen nur allzu deutlich machte, wie angespannt wir beide waren, auf und ab zu tigern.

 

„Es ist meine Schuld, dass dein Valentinstags-Frühstück ins Wasser gefallen ist. Ich hab Saga gebeten mit Uruha heute was zu unternehmen …“

 

„Ehrm …“ War so ziemlich das Einzige, was ich gerade als Antwort geben konnte, denn damit hatte ich nun nicht gerechnet. Aoi, mein Aoi, der eigentlich immer ruhig und besonnen war, immer einen kühlen Kopf behielt und ganz anders als Uruha oder ich irgendwie immer einen Plan im Leben zu haben schien, machte so einen Aufstand wegen einem ins Wasser gefallenen Frühstück? Ich konnte nicht anders und musste leise Lachen, vorrangig aus Erleichterung, aber auch irgendwie, weil ich meinen Schatz so durch den Wind bislang nur selten – oder eigentlich noch nie – erlebt hatte.

 

„Ernsthaft jetzt? Das ist der Grund, warum du hier mit Grabesmiene herumläufst und den Anschein machst, als würdest du jeden Moment einen Herzinfarkt erleiden? Verdammt Aoi, ich dachte schon, du willst schlussmachen oder so.“ Ich grinste breit und wischte mir demonstrativ über die Stirn, als hätten sich dort Schweißperlen gebildet, was mich jedoch auch nicht wirklich gewundert hätte.

 

„Was?“ Aois Augen waren groß geworden und er hatte endlich aufgehört eine neue Laufspur in unseren Teppich zu treten. „Wie kommst du denn bitte auf sowas?“

 

„Keine Ahnung?“ Ich zuckte mit den Schultern und erhob mich ebenfalls, um mich vor ihn stellen zu können. „Du ziehst eine Miene, wie drei Tage Regenwetter, machst einen total schuldbewussten Eindruck, aber willst mir ums Verrecken nicht erzählen, was überhaupt passiert ist. Du schickst Uruha quasi weg, um allem Anschein nach mit mir alleine reden zu können … ganz ehrlich, was genau soll ich deiner Meinung nach denken?“

 

„Rei, es tut mir leid, versteh doch, es ist nicht nur, dass ich allein mit dir reden will …“ Aoi fuhr sich durch die Haare, bis die schwarzen Strähnen in alle Himmelsrichtungen abstanden. „Ich dachte mir, wenn Uruha entspannt und zufrieden nach Hause kommt, fällt es mir vielleicht leichter und ich … Himmel Reita, ich kann das nicht.“

 

Ich konnte nicht anders, als ihn anzustarren.

 

„Ehrm …“, machte ich erneut überaus eloquent und hätte mich für meinen Mangel an verbaler Schlagfertigkeit am liebsten selbst geohrfeigt. Hundert Fragen flatterten mir durch den Kopf, nicht zuletzt die, was genau hier eigentlich los war, aber im Grunde kam ich schlicht und einfach nicht damit klar, meinen starken, besonnenen Aoi so außer Fassung zu sehen. Was zum Geier wollte er mir und augenscheinlich auch Uruha sagen, was ihn so fertigmachte?

Sanft versuchte ich den Mob auf seinem Kopf zu bändigen, damit Zeit zu schinden, um endlich angemessen reagieren zu können, da hatte ich plötzlich beide Arme voller Aoi, der mich so fest hielt, als könnte ich ihm jeden Moment davonlaufen. Überrumpelt atmete ich ein und hatte automatisch beide Hände an seine Schultern gelegt, um ihm den Halt zu geben, den er allem Anschein nach gerade so dringend nötig hatte.

„Himmelherrgott, Aoi“, schnappte ich lauter, als gewollt und hätte ihn am liebsten einmal kräftig durchgeschüttelt, unterließ dies aber, als mir auffiel, wie stark mein Freund zitterte. „Verdammt noch mal, wenn du mir nicht gleich sagst, was Sache ist, hatte Gazette die längste Zeit einen Bassisten, weil mir die Sicherungen durchgebrannt sind. Das hält doch keiner aus hier!“ Trotz meines kleinen Ausbruchs, der einzig und allein meiner Anspannung zu schulden war, hatte ich ihn noch immer nicht losgelassen und spürte seine nächsten Worte daher mehr gegen meinen Hals gewispert, als dass ich sie hören konnte. Dachte ich jedenfalls, denn kaum hatte Aoi gesagt, was ihm so schwer auf dem Herzen lag, hatte ich das Gefühl, der Boden unter meinen Füßen hätte sich in Treibsand verwandelt.

 

„Was willst du tun?“, fragte ich zwischen tauben Lippen hindurch, so überrumpelt war ich in diesem Augenblick.

 

„Ich werde Uruha heute fragen, ob er mich heiraten will.“

 

 

 

-_-_-_-_-_

Also, ich würde mal sagen, das Camp NaNoWriMo hat sich definitiv schon gelohnt – unabhängig davon, was ich in dem Monat noch so schaffe oder ob ich mein Schreibziel von 10.000 Worten erreiche. Dieses Kapitel hab ich tatsächlich im Februar begonnen und seit dem lag es mehr oder weniger unbeachtet auf meiner Festplatte herum. Ich weiß, Schande über mein Haupt und mir bleibt nur zu hoffen, dass es noch Leser da draußen gibt, die die Story hier noch nicht ganz aufgegeben haben.

Drückt mir mal die Daumen, dass die Motivation zu Schreiben den Juli über anhält und ich euch noch weitere Kapitel hier liefern kann. Feedback würde dem Ganzen natürlich auch durchaus behilflich sein. *lacht*

In diesem Sinne, jetzt erst mal viel Spaß beim Lesen. ^^

Chapter Text

02. März 2019- Saint James Pub - Shinjuku/ Tokyo  

Ich musste mich wirklich zusammenreißen, um meinem Gegenüber nicht aus Versehen mein Getränk ins Gesicht zu spucken, von dem ich gerade einen Schluck genommen hatte. Immerhin wäre es ziemlich schade um das Bier gewesen, auch wenn es keinesfalls an Mori-sans Selbstgebrautes heranreichte. Allerdings taten dies auch nur wenige materielle Dinge im Leben, wenn man mich fragte.
Toras perplexe Miene war aber auch wirklich bares Gold wert und nachdem ich etwas umständlich geschluckt hatte, hielt mich nichts mehr und ich brach in schallendes Gelächter aus.

„Ich hab bestimmt genauso dämlich geschaut wie du gerade, als Aoi mir das erzählt hat“, gluckste ich und klopfte ihm kumpelhaft auf die Schulter. Toras Mund hingegen öffnete und schloss sich nur einige Male, ohne dass er einen Ton herausgebracht hätte, bevor er den Kopf schüttelte. Ob in Fassungslosigkeit oder nur, um seine zeitweilige Erstarrung loszuwerden, wusste ich nicht, aber es war nicht zu leugnen, wie unterhaltsam ich dieses kleine Schauspiel fand.

„Aoi hat das dann auch wirklich durchgezogen, ja? Die beiden werden heiraten?“, fragte er schließlich doch und ich konnte aus seiner Stimme heraushören, dass er mir das noch immer nicht so ganz abkaufte.

„Jupp, werden sie … oder zumindest wird es eine mehr oder weniger offizielle Zeremonie geben. Viel mehr ist momentan hierzulande ja leider nicht drin.“

„Und Uruha hat tatsächlich ja gesagt? Unser Uruha? Ich kann das gar nicht glauben.“

„Glaub es ruhig. Die beiden machen Ernst und ich kann es kaum erwarten, wenn ich meinen ach so beziehungsunfähigen besten Freund ein bisschen aufziehen kann, sobald er unter der Haube ist. Das darf er sich dann definitiv länger anhören.“

Tora grinste breit, fand diese Vorstellung allem Anschein nach genauso belustigend wie ich und legte seinen Arm freundschaftlich um meine Schulter.

„Dann gibt’s ja bald was richtig Großes zu feiern.“

„Worauf du einen lassen kannst. Das wird die feuchtfröhlichste Hochzeit, auf der du jemals eingeladen warst.“

„Daran hab ich keinerlei Zweifel, nicht, wenn du was mitzureden hast.“ Tora und ich lachten schallend, prosteten uns zu und leerten unsere Flaschen mit nur einem kräftigen Zug. Als ich meinem Kumpel jedoch wieder ins Gesicht sah, hatten sich skeptische Falten auf seiner Stirn gebildet und der Arm auf meiner Schulter fühlte sich mit einem Mal seltsam schwer, beinahe erdrückend an.

„Was’n nu kaputt? Liegt dir das Bier quer oder was?“, fragte ich etwas verwirrt, versuchte dies jedoch mit einem breiten Grinsen zu überspielen.

„Fühlst du dich denn gar nicht, ich weiß nicht, ausgeschlossen irgendwie?“, fragte er nachdenklich, ohne auf meine flapsigen Worte eingegangen zu sein und ich spürte mein eben noch so ehrliches Grinsen hölzern werden. Tora räusperte sich, unverkennbare Besorgnis in seinem Blick, der mir regelrecht körperliches Unbehagen bereitete. „Ich mein ja nur. Immerhin werden die beiden bald etwas haben, von dem du kein Teil sein wirst.“

„Ach so ein Quatsch“, wiegelte ich ab und versuchte mich an einem unbekümmerten Lächeln, doch meine Gesichtszüge fühlten sich wie eingefroren an und der unsichere Teil in mir, der vor etwas mehr als zwei Wochen auf Aois Offenbarung mit blanker Panik hatte reagieren wollen, streckte erneut seine eisigen Finger nach mir aus und ließ mich frösteln. Ich konnte spüren, wie mich der Sturm meiner widersprüchlichen Gefühle erneut einzuholen versuchte, als ich glaubte, Aois Stimme wie ein Echo aus weiter Ferne hören zu können.

„Ich werde Uruha heute fragen, ob er mich heiraten will.“

~*~



14. Februar 2019 - Tokyo

Aois Umarmung hatte sich noch immer nicht gelockert, obwohl ich nun schon bestimmt geschlagene fünf Minuten bewegungslos hier mitten im Wohnzimmer stand und einfach meine Gedanken nicht ausreichend sortiert bekam, um in welcher Form auch immer auf das Gesagte reagieren zu können. Er wollte Uruha also einen Antrag machen. Das war doch wunderbar, oder nicht? Mein bester Freund hatte es verdient sich Aoi auf diese Art und Weise sicher zu sein, wenn nicht Uruha, wer dann? Also, warum zum Teufel hatte ich das Gefühl, als würde ich am liebsten weit, weit wegrennen wollen? Warum schmerzte mein Herz, als hätte ich gerade etwas unendlich Wichtiges verloren?

„Sag was, bitte“, wisperte der Mann in meinen Armen in diesem Moment gegen meinen Hals und schickte mir damit eine Gänsehaut über den gesamten Körper.

„Wird … wird sich etwas ändern? Zwischen uns …?“, flüsterte ich durch taube Lippen hindurch, auch wenn meine Worte nicht einmal im Ansatz ausdrücken konnten, wie panisch ich mich gerade wirklich fühlte.

Werde ich dich jetzt verlieren?
Wollt ihr mich überhaupt noch?
Bin ich euch im Weg?
War es das jetzt?
Oh Gott Aoi, ich will dich nicht verlieren, ich will Uruha nicht verlieren …


Das waren meine wahren Gedanken in diesem Moment, meine wahren Empfindungen, die mir wie zähe Melasse in der Kehle steckten und mich zu ersticken drohten. Mein Kopf fühlte sich an, als müsste er in den nächsten Sekunden implodieren und am liebsten hätte ich hier und jetzt meine Koffer gepackt und wäre verschwunden, bevor mein viel zu weiches Herz Gefahr lief, verletzt zu werden.

„Nein, Rei, nicht wenn es nach mir geht.“ Aois Worte waren so leise, dass ich sie kaum verstand, aber der Druck seiner Arme verstärkte sich erneut, bis er mich fast schmerzhaft festhielt.

„Gut … das ist gut.“ Ich schloss die Augen, die bis eben noch blicklos vor sich hin gestarrt hatten und presste meine Nase gegen seine Schulter, um ihm irgendwie noch näher sein zu können. Wieder ging ein Zittern durch meinen Leib, als Aois Worte wie eine Welle über mich schwappten und mich beinahe in die Knie gehen ließen. Es würde sich nichts ändern, Himmel, es würde sich nichts ändern …
Ein kleiner Teil in mir blieb jedoch skeptisch, konnte ihm nicht glauben, denn woher sollte er auch so genau wissen, dass alles beim Alten bleiben würde? Vielleicht würde die Hochzeit Uruha und ihn einander nur noch näher bringen, dann wäre ich gänzlich überflüssig.
Bunte Punkte tauchten vor meinen geschlossenen Augenlidern auf, so fest kniff ich sie zusammen und versuchte nicht zu hören, was dieses immer zweifelnde Stimmchen in meinem Inneren zu sagen hatte.
Warum konnte ich mich nicht einfach für meine Liebsten freuen? Das schlechte Gewissen kroch so schnell in mir hoch, dass es mir regelrecht den Atem verschlug.
Verdammt, was war ich nur für ein Freund?

„Tut mir leid, Aoi“, murmelte ich Kleinlaut und küsste entschuldigend die weiche Haut unter meinen Lippen. „Du hattest dir bestimmt eine andere Reaktion erhofft.“

„Ich weiß nicht, was ich gehofft hatte, Rei, aber befürchtet … befürchtet hab ich eine Menge.“

„Komm her“, bat ich unsinnigerweise, denn so fest, wie Aoi mich noch immer hielt, wurde ich das Gefühl nicht los, dass er am liebsten in mich hineingekrochen wäre, wäre das physikalisch möglich gewesen. Langsam ging ich ein paar Schritte rückwärts, bis ich mich auf das Sofa setzen und ihn auf meinen Schoß ziehen konnte. Meine Rechte fand den Weg in seine Haare, begann sanft durch die weichen und noch leicht feuchten Strähnen zu kraulen. Ob ich damit ihn oder nur mich selbst beruhigen wollte, wusste ich nicht, aber es tat gerade einfach nur unendlich gut und ließ  mich nach und nach wieder klarer denken. Lange Momente verharrten wir so, unbeweglich und einfach die Nähe des anderen in uns aufnehmend, bis ich spüren konnte, wie sich auch Aoi langsam zu entspannen begann. Der Teil meines Hirns, der wohl wieder zu logischen Gedanken fähig war, stellte erfreut fest, wie verdammt gut es sich doch anfühlte, meinen Schatz auch einmal so halten zu dürfen, und für einige Sekunden badete ich regelrecht in der Zufriedenheit, die diese Tatsache mit sich brachte. Der Tumult in meinem Kopf begann sich zu legen und nach und nach dieses seltsame Gefühl des Verlusts mit sich zu nehmen, das mich so aus der Fassung gebracht hatte. Am liebsten hätte ich über mich selbst gelacht – wie konnte ich nur wegen Nichts in derartige Panik ausbrechen? Stattdessen war ich gerade nur froh wieder freier atmen zu können, bis mir bewusst wurde, was Aois Vorhaben eigentlich noch so alles mit sich brachte.

„Du wirst ihn damit heillos überfordern, ist dir das bewusst?“, stellte ich beinahe beiläufig fest und spürte, wie sich meine Mundwinkel bei dem Gedanken hoben, wie überrumpelt Uruha sein würde. „Das wird er dir so schnell nicht verzeihen.“ Ich richtete mich ein wenig auf und legte Aoi sanft die Hand unters Kinn, bis er seinen Kopf soweit gehoben hatte, dass ich ihm in die Augen sehen konnte. „Hey, Blue.“ Ich lächelte besänftigend und tupfte einen kleinen Kuss auf seine Lippen. „Kein Wunder, dass du schon die ganze Zeit über so durch den Wind bist.“ Wieder fanden meine Finger den Weg in seine Haare, streichelten sanft hindurch und ich konnte dabei zusehen, wie sich die Angst langsam aus seinem Blick zurückzog und so etwas wie Unglaube und Hoffnung an ihre Stelle trat.

„Ich mag es wirklich, wenn du mich so nennst“, murmelte er und ein feines Lächeln legte sich auf seine Lippen.

„Blue?“

„Ja …“

Ich war zugegeben ein wenig überrumpelt, als er mich plötzlich gegen die Sofalehne drückte und mich tief und mit einer Leidenschaft, die ich ihm in diesem Moment gar nicht zugetraut hätte, zu küssen begann. Nicht, dass ich mich beschweren würde, viel zu gut fühlte es sich an und viel zu erleichtert war ich darüber, dass meine irrationale Sorge vollkommen unbegründet gewesen war.
Nach und nach zog sich die Kälte aus meinen Gliedern zurück und machte einem warmen Gefühl der Freude Platz. Die beiden Menschen, die mir auf der Welt am wichtigsten waren, würden heiraten und ich? Ich würde ein Teil davon sein, bleiben, wie auch immer. Ein leises, erleichtertes Lachen kroch aus meiner Kehle empor und irritierte Aoi wohl genug, dass er sich von meinem Mund löste, um mich fragend anzusehen. Mittlerweile lag ich unter ihm, hatte gar nicht mitbekommen, wann ich mich auf dem Sofa ausgestreckt hatte, und mein ganzer Körper prickelte an den Stellen, an denen Aoi ihn berührte.

„Ich freu mich, ehrlich.“

„Himmel, Reita, du bist einmalig.“ Aoi schüttelte den Kopf und lächelte auf so wunderschöne Weise auf mich herab, dass mir die Knie weich geworden wären, würde ich nicht ohnehin schon auf der Couch liegen. Wie konnte man nur so verschossen sein? Vermutlich hätte ich über mich selbst mit den Augen gerollt, hätte mein Schatz nicht damit begonnen sanfte küsse auf meinem Gesicht und Hals zu verteilen. „Ich liebe dich.“ Ein wahres Feuerwerk explodierte in meinem Magen, als ich das hörte und jetzt gerade, in diesem Augenblick, war es mir tatsächlich komplett egal, dass er das grenzdebile Grinsen sehen konnte, das sich daraufhin so frech auf meine Züge gelegt hatte.

„Dich auch … Softie.“

„Ich zeig dir gleich, wer hier ein Softie ist!“

Ich lachte, was in ein angetanes Keuchen überging, als ich Aois Zähne an meinem Hals spüren konnte. Himmel, wie ich es liebte, wenn er so war.

„Nnnh, nicht, dass ich das gerade nicht genießen würde …“, murmelte ich und drückte meinen Rücken zum Hohlkreuz durch, als ich seine Finger unter meinem Shirt und seine Nägel leicht über meinen Oberkörper kratzen spüren konnte. „Aber hast du für deinen großen Auftritt nicht noch ein wenig vorzubereiten?“

„Du hast recht.“ Erneut lächelte er auf mich herab, machte trotz seiner zustimmenden Worte jedoch so gar keine Anstalten von mir abzulassen. „Aber weißt du was?“ Ich schüttelte den Kopf und haschte nach seinen Lippen, während sich seine geschickten Finger am Knopf meiner Jeans zu schaffen machten. „Ich kann gerade einfach nicht die Finger von dir lassen.“

„Das … wär mir gar nicht aufgefallen.“ Ich grinste und rekelte mich genüsslich unter Aois Händen, die wohl jeden Zentimeter meines Körpers erkunden wollten. „Blue, mmmh.“ Genießend brummte ich und grub meine Hände in den schwarzen Haarschopf, während viel zu sanfte Küsse auf meine Brust hernieder regneten und sich viel zu langsam für meinen Geschmack ihren Weg in südlichere Gefilde bahnten. Hitze sammelte sich in meiner Körpermitte und ich hatte es schon längst aufgegeben, dass es mir noch peinlich war, wie stark ich jedes einzelne Mal auf meine Männer reagierte. Immerhin – und das hatte ich ziemlich bald in unserer Beziehung bemerkt – ging es Uruha und Aoi im Gegenzug genauso. Was ich auch jetzt wieder spüren konnte, als sich mein Schatz erneut über mich schob, um mich zu küssen und sich seine Härte herrlich gegen meine presste. Nur der Stoff seiner Boxershorts störte diese Empfindung, aber dem konnte man oder besser ich ja Abhilfe schaffen. In unseren Kuss schmunzelnd schob ich also beide Hände unter den Gummibund und ließ es mir nicht nehmen, Aois kleinen, knackigen Hintern nachdrücklich zu kneten.

„Du hilfst mir nachher doch bei den Vorbereitungen, oder?“, nuschelte er gegen meine Lippen, gefolgt von einem leisen Stöhnen, das mich schmunzeln ließ. Ich liebte es einfach, wenn ich meinem stoischen Süßen diese kleinen, meist eher ungewollten Laute entlocken konnte.  

„Wenn ich nein sage, hörst du dann auf?“, neckte ich ihn, obwohl ich mir sicher war, die Antwort schon zu kennen und haschte keck nach seiner Unterlippe.

„Glaubst du wirklich, ich könnte jetzt noch aufhören?“ Wieder fanden Aois Lippen ihren Weg an meinen Hals und ich keuchte angetan, nicht zuletzt, weil ich ihn endlich von der störenden Shorts befreit hatte und ihn nun endlich richtig spüren konnte.

„Klar helf ich dir.“

„Danke.“

Einer Eingebung folgend drehte ich mich mit ihm herum, was nicht ganz einfach war, immerhin lagen wir hier auf unserer nicht allzu breiten Couch, aber nach einigem Manövrieren lag mein Schatz schließlich unter mir und ich konnte ihm wieder in die schönen Augen sehen. „Mh, und ich helf dir sogar nicht nur bei den Vorbereitungen.“ Für einen Moment legte sich Aois Stirn in Falten, vermutlich verstand er gerade nicht so ganz, was ich meinte, als ich mich jedoch kurz aufrichtete, um mich meiner überflüssigen Kleidung zu entledigen und auch ihm das Shirt zu klauen, begriff er wohl, was ich vorhatte. Ein wenig nervös strich ich mir durchs Haar, bevor ich mich wieder über ihn legte und damit begann sanfte Küsse auf seinem Hals und der Brust zu verteilen. „Lass mich einfach machen, okay?“, murmelte ich und lächelte, als ich eine gewisse Skepsis in seinem Blick erkannte. Mein Schatz liebte es alles unter Kontrolle zu haben, entscheiden zu können, was Uruha und ich im Bett so alles miteinander anstellten, besonders, wenn er uns dabei zusehen konnte. Aber es kam nur sehr selten vor, dass er sich einfach mal fallen ließ und dann meist auch nur, wenn Uruha besonders … überzeugend war. Aber mein bester Freund war nicht hier und Aoi angespannt wie eine Bogensehne, würde er Uruha so später unter die Augen treten, würde der doch sofort wissen, dass irgendwas im Busch war.

„Du gehörst mir …“, war Aois einzige Reaktion auf meine Bitte und auch, wenn sich seine Worte für einen Außenstehenden wohl unangemessen besitzergreifend anhören mochten, für mich waren sie das Schönste, was er in diesem Moment hätte sagen können und mein Herz machte einen verliebten Hüpfer.

„Immer, das weißt du doch.“ Ich lächelte, haschte nach seinen Lippen und  ließ mir Zeit seinen Mund zu erkunden, als hätten wir in den letzten Momenten nichts anderes getan, als uns zu küssen. „Genau wie du mir gehörst, Blue.“ Ja, ja ich weiß, die Schnulze trieft und tropft, na und? Mein Lächeln weitete sich und diesmal war der Kuss, mit dem ich die Lippen meines Schatzes eroberte, wild und leidenschaftlich und raubte uns beiden binnen Sekunden den Atem. Schnaufend blickte ich auf ihn herab, unverhohlene Zufriedenheit auf meinen Zügen und begann genüsslich damit, meinem Liebsten nach und nach den Verstand zu rauben. Es dauerte nicht lange, bis ich ihm die ersten, hingerissenen Laute entlockte und er sich meinen Berührungen katzengleich entgegen rekelte.

„Reita …“, nörgelte er und ich musste mich zusammenreißen, um nicht leise in mich hineinzulachen. So geduldig Aoi auch sein konnte, wenn er mich systematisch um den Verstand brachte, waren unsere Rollen vertauscht, war von seiner Engelsgeduld rein gar nichts mehr übrig. Himmel, das gefiel mir. Lange Finger wühlten sich in mein Haar und versuchten mich dort hin zu dirigieren, wo der Herr mich wohl gerade am meisten brauchte. Aber ich dachte gar nicht daran, dieser stummen Aufforderung jetzt schon nachzukommen, knabberte viel lieber an der Innenseite seiner Oberschenkel und ergötzte mich regelrecht an den leisen Lauten, die ich ihm wieder und wieder entlockte. An einer besonders schönen Stelle saugte ich mich fest und konnte einige Momente später den dunkelroten Knutschfleck bewundern, der mir wirklich ziemlich gut gelungen war. Wieder grinste ich und biss leicht in die gereizte Haut, was von Aoi mit einem weiteren unterdrückten Stöhnen quittiert wurde, bevor ich mich aufrichtete, um ihm für einen Augenblick ins Gesicht sehen zu können.

„Wo hättest du mich denn gerne?“, erkundigte ich mich neckend und presste einen Kuss auf seine Männlichkeit. „Hier?“ Mein Mund wanderte tiefer und ich ließ es mir nicht nehmen, ihn auch ein wenig mit der Zunge zu verwöhnen, bis ich einen weiteren Kuss auf die prallen Hoden drückte, während sich Aois Griff in meinen Haaren nur noch mehr verstärkte. „Oder vielleicht hier?“ Ich war tatsächlich ein wenig nervös, als ich noch tiefer glitt, die Hände an seine Kniekehlen legte und seine Beine so dirigierte, bis ich einen noch besseren Ausblick auf mein nächstes Ziel hatte. „Oder hier?“, murmelte ich noch, bevor für eine ganze Weile nur noch genießendes Seufzen und lauter werdendes Stöhnen den Raum erfüllte.

Nicht zuletzt dank Aoi wusste ich nur zu gut, wie unglaublich intensiv es sich anfühlte so verwöhnt zu werden und ich wollte gerade nur eines – meinem Schatz die Anspannung nehmen und ihm gleichzeitig schöne Gefühle bereiten. Und es schien mir zu gelingen, wenn ich mal davon ausging, wie sich Aoi unter mir wandt und sich jeder meiner Berührungen entgegen reckte.

„Reita, hnnng, bitte!“ So sehr ich seine mittlerweile hemmungslosen Lustlaute liebte, gab es doch nichts schöneres, als meinen Namen so herrlich gestöhnt aus seinem Mund zu hören. Ich lächelte glücklich und betrachtete ihn für einen langen Moment. Die wirren Haare, sein feuriger blick und das Verlangen, welches er mit jeder Faser seines Körpers auszustrahlen schien, ließen nicht nur mein Herz schneller schlagen, sondern führten mir auch nur zu deutlich vor Augen, wie sehr sich meine eigene Erregung nach Aufmerksamkeit sehnte. Aber sie würde wohl noch warten müssen, denn dieser wunderbare Mann unter mir war nun deutlich wichtiger als alles andere. Aoi leckte sich über die Lippen und hob sein Bein an, legte es über die Sofalehne und öffnete sich mir so noch mehr. Ich erschauerte wohlig und mein Lächeln wurde raubtierhaft, als ich mich erneut über seinen Schoß beugte. „Oh ja … Rei … genau so.“

In diesem Moment hätte ich wohl niemandem beschreiben können, wie unendlich glücklich ich mich fühlte. Das Vertrauen, welches mir Aoi entgegenbrachte und der Wille, seine sonst so eiserne Kontrolle aufzugeben und mich einfach machen zu lassen, erfüllten mich mit unendlichem Stolz und bewiesen mir deutlicher als alle Worte, dass … ja, dass ich ein Teil von ihm war.

„Oh  Reita … ahng!“

Meine Lippen suchten sich ihren Weg über seine Hoden nach oben, küssten die feuchtglänzende Spitze, bis sie sich gierig um seine Erregung legten. Aoi bäumte sich unter mir auf, doch ich hatte meine Hände in weiser Voraussicht an sein Becken gelegt, drückte ihn zurück in die Polster und brummte angetan, als sich sein Griff in meinen Haaren verstärkte. So sehr ich es auch genoss gerade die Kontrolle zu haben – Aois dominante Art war es, die mich jedes einzelne Mal um den Verstand brachte. Ich löste meine Hände von seinem Becken, presste die Rechte in meinen Schritt, als mein Schatz begann ungezügelt in meinen Mund zu stoßen.

„Wehe du kommst“, knurrte er und ich wusste ehrlich nicht, ob ich lachen oder weinen wollte, denn allein sein Tonfall brachte mich an den Rand meiner Selbstbeherrschung. Ich schnaubte angestrengt durch die Nase, entspannte meine Kehle und ließ ihn so noch tiefer vordringen, während ich das gedämpfte Stöhnen nicht mehr zurückhalten konnte. Ebenso wenig wie die Bewegungen an meiner eigenen Härte, aber noch bevor es hätte kritisch werden können, versteifte sich Aois Körper unter mir und wohlig erschauernd schmeckte ich keinen Herzschlag später auch schon seine Erlösung auf meiner Zunge.

„Reita“, schnurrte er und streichelte nun wieder zärtlich durch mein Haar, während ich ihn noch etwas länger liebkoste und mich dann erneut über ihn schob. „Danke.“ Aus nur halb geöffneten Augen lächelte er mich an, streichelte mir über die Wange und haschte nach meinen Lippen. „Gib mir eine Minute, dann kümmere ich mich um dich.“

„Aoi“, jammerte ich und rieb meine arme, vernachlässigte Erregung nachdrücklich gegen seinen Oberschenkel. „Das halt ich nicht aus.“

„Tja, das wirst du wohl müssen … Softie.“

~*~



02. März 2019 -Saint James Pub - Shinjuku/ Tokyo

Ich rieb mir über die Nasenwurzel und fragte mich nicht zum ersten Mal in den letzten Wochen, warum mich diese dämlichen Unsicherheiten ständig von neuem einholten. Es war ja nun wirklich nicht so, als hätte Aoi mir nicht mehr als einmal gesagt, dass sich trotz der bevorstehenden Hochzeit nichts ändern würde. Nein, er hatte es mir auch mehr als deutlich gezeigt und dennoch erwischten mich die Zweifel immer wieder.

„Okay, das war jetzt bestimmt ein ganzes Drama in Spielfilmlänge, was da über dein Gesicht gehuscht ist.“ Toras forschender Blick traf mich, als ich den Kopf hob und ich hätte mir am liebsten in den Hintern gebissen, weil er mir meine aufgewühlten Gedanken so deutlich an der Nasenspitze ablesen konnte. „Wenn du jemanden zum Reden brauchst … ich bin für dich da, Mann.“

Ich atmete einige Male tief ein, bis sich das Karussell in meinem Kopf endlich zu drehen aufhörte und ich ein sarkastisches Grinsen auf meine Lippen zaubern konnte.

„Sind wir Weiber oder was?“, fragte ich schließlich und rempelte meinen Kumpel neckend an, um meinen Worten die Schärfe zu nehmen. „Aber du kannst nächstes Wochenende mal vorbeikommen, die Tigers spielen gegen die Giants und mein herzallerliebster Baseball-Muffel fährt mit zu Aois Eltern.“

„Das heißt, Bier, Sport und Männergespräche?“

„Bingo.“

„Ich bin dabei.“ Tora nickte zustimmend und bedeutete der Barfrau, die im Übrigen ein wirklich ansehnliches Dekolleté aufweisen konnte, dass wir auf dem Trockenen saßen. „Du fährst also nicht mit?“

„Wohin?“ Ich runzelte die Stirn und riss meinen Blick von besagter Oberweite los, die eine seltsam hypnotische Wirkung zu haben schien.

„Erde an Reita.“ Tora grinste mich vielsagend an und ich spiegelte seinen Gesichtsausdruck, zuckte aber nur lapidar mit den Schultern.  Hey, ich steckte zwar mitten in einer Beziehung, einer Beziehung mit zwei unglaublich tollen Menschen, zugegeben, aber ich war weder blind noch tot, also keine Verurteilungen hier. „Zu Aois Eltern, Schnellchecker.“

„Ach so. Nee, du weißt doch, dass sie mit seinem Lebensstil nicht so ganz einverstanden sind und wenn ihnen Aoi offenbart, dass er und Uruha Ernst machen …“ Ich zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, das ist genug zu verdauen für einen Tag.“

„Möglich.“ Tora brummte überlegend und wollte dann erneut zum Sprechen ansetzen, aber ich schnitt ihm mit einer wirschen Handbewegung das Wort ab.

„Lass es.“

„Was denn?“

„Versuch gar nicht erst so zu tun, als wärest du weise und wüsstest auch nur im Ansatz über diesen ganzen Beziehungskram Bescheid.“

„Das … verletzt mich jetzt aber.“

„Klar, weil dich Holzkopf auch was verletzen kann, was nicht gerade eine Dampfwalze ist.“

„He~!“ Tora blies empört die Backen auf und schlug mir mit Schmackes gegen die Schulter. Ich jedoch grinste nur und war insgeheim mehr als froh, diesen Vollpfosten meinen Freund nennen zu dürfen.


-_-_-_-_-_-
Und da ist es auch schon, das dritte Kapitel zu Autumn Blue(s). Es hat mich im Übrigen wirklich sehr gefreut, dass die Story tatsächlich noch gelesen wird, ihr habt sie also nicht vergessen. *yay* Das mit dem Feedback müssen wir allerdings noch üben und von daher gilt wie immer, Kommentare wären super und würden mir echt weiterhelfen. ;)
Nun denn, viel Spaß mit dem Kapitel. ^^

Chapter Text

  1. Juni 2019 - Präfektur Kanagawa - Reitas Elternhaus

 

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“

 

Wie brave Schuljungen standen Uruha, Aoi und ich geschniegelt und gestriegelt vor dem kleinen Einfamilienhaus mitten im Nirgendwo und lächelten meine Mutter an, die uns gerade freudestrahlend die Tür geöffnet hatte. Sogar auf mein Nasenband hatte ich heute verzichtet und das, ohne dass Uruha mich hatte bestechen müssen. Nein, diesmal hatte ich es tatsächlich vollkommen freiwillig weggelassen, weil ich wusste, wie wenig meine Ma es leiden konnte. Und immerhin war heute ihr Ehrentag, ihr sechzigster Geburtstag um genau zu sein und zu diesem Anlass hatte sie natürlich ihre Jungs, wie sie mich und meine Liebsten immer nannte, eingeladen.

 

„Oh, meine Jungs, da seid ihr ja. Danke euch.“

 

Genau das meinte ich. Mir wurde ganz warm ums Herz und ich lächelte sie glücklich an, aber noch bevor ich etwas hätte sagen können, hatten wir nacheinander schon jeweils einen dicken Schmatzer auf die Wange gedrückt bekommen. Bei mir schien ein Küsschen allein allerdings nicht auszureichen und ehe ich es mich versah, fand ich mich zusätzlich in einer fast knochenbrechenden Umarmung wieder. Ich lachte und drückte sie nicht minder fest an mich. Meine Ma war immerhin kein zierliches Pflänzchen, um das man sich Sorgen machen musste. Nein, sie war kaum einen halben Kopf kleiner als ich und mit dem schicken Kurzhaarschnitt, den sie sich vor ein paar Wochen gegönnt hatte, dem sommerlich luftigen Hosenanzug und ihren rosigen Wangen sah sie einfach nur wie das blühende Leben aus.

 

„Megumi, du siehst blendend aus“, bestätigte Uruha da auch meine Gedanken und konnte es mal wieder nicht lassen, ihr mit den Fingern durch die Haare zu fahren, um ein paar Strähnen zu Recht zu zupfen. „Die neue Frisur steht dir unglaublich gut. Welchen Geburtstag feiern wir noch gleich? Deinen Fünfundvierzigsten?“, ließ er weiter seinen Charme sprühen und zwinkerte seinem Gegenüber keck zu. Eine Geste, die einen Großteil unserer Fans wohl mit wackligen Knien zurückgelassen hätte – bei mir zumindest hatte sie diesen Effekt – aber meine Ma schmunzelte nur und drückte ihn einmal fest gegen ihre Brust.

 

„Du bist wirklich ein geborener Charmeur und weißt, wie man Komplimente macht.“ Sie strahlte meinen Freund an und wandte sich dann Aoi zu, der dem ganzen Schauspiel bislang amüsiert, aber wortlos gefolgt war. „So, jetzt kommt aber erst einmal rein.“ Nicht lange fackelnd schob sie ihn an der Schulter ins Haus, während Uruha und ich uns einen Moment lang nur stumm angrinsten, bevor auch wir nach drinnen gingen. „Fühl dich ganz wie zu Hause, mein Lieber.“ Meine Ma tätschelte gerade Aois Schulter, der sie nur etwas verschämt wirkend anlächelte, und wandte sich dann geschäftig ab, um in der Küche zu verschwinden. „Wir sind im Garten!“, hörten wir sie noch rufen und ich schüttelte belustigt den Kopf. so war meine Ma halt, immer energiegeladen und um kein Wort verlegen. Ganz anders als Aoi, der gerade tief durchatmete und sich durch die Haare fuhr.

 

„Hey, was ist denn?“ Ich schmunzelte und rempelte ihn spielerisch an der Schulter an. „Du hättest mir ruhig glauben können, als ich meinte, dass sie dich schon längst adoptiert hat. Kein Grund also schüchtern zu sein.“ Aoi seufzte nur leise und lächelte dann, als Uruha ihm einen kurzen Kuss auf die Wange drückte.

 

„Ich glaube, wenn es nach Megumi geht, hat sie mittlerweile drei Söhne“, bestätigte er meine Worte und strich Aoi eine wirre Haarsträhne aus der Stirn.

 

„Ganz genau“, ich nickte und entledigte mich meiner Schuhe. „Wenn sie sogar unseren Uruha in ihr Herz geschlossen hat …“ Ich beendete den Satz nicht, zwinkerte Aoi nur vielsagend zu und zog vorsichtshalber die Schultern hoch, weil ich die Kopfnuss schon spüren konnte, noch bevor mein bester Freund ausholte. „Autsch“, grinste ich und rieb mir über den Hinterkopf. Als ich meinem süßen einen entschuldigenden Kuss auf die Lippen drücken wollte, wich er mir allerdings nur aus und zog eine seiner berüchtigten Schmollschnuten.

 

„Mit dir rede ich nicht mehr, mein lieber, und Küsse gibt es so schnell auch keine mehr.“ Uruha streckte die Nase in die Luft und marschierte in Richtung Küche davon.

 

„Uh, da hat jemand später was gutzumachen“, stellte Aoi mit einem frechen Funkeln in den Augen fest und schien zum Glück wieder etwas aufgetaut zu sein.

 

„Ach Quatsch, Uruha übertreibt nur mal wieder maßlos. Der bekommt ein extra Stück Kuchen, dann ist er wieder glücklich.“

 

„Na, wenn du da mal recht behältst.“

 

Ich wartete noch, bis sich auch Aoi die Schuhe ausgezogen hatte und drückte ihm dann noch einmal einen kurzen Kuss auf die Lippen.

 

„Alles gut, ja?“

 

„Ja, alles in Ordnung. Ich hab mich nur noch immer nicht so ganz daran gewöhnt, dass deine Mutter so …“

 

„Das sie unsere Beziehung von Anfang an so einfach akzeptiert hat?“

 

„Ja, das und auch, dass sie sich jetzt so über die Verlobung freut und mir gegenüber so offen ist.“

 

„Meine Ma hat sich in den 80ern Hals über Kopf in eine Frau verliebt und sich mit ihr ein Leben aufgebaut. Wenn sie nicht tolerant und aufgeschlossen ist, wer dann? Außerdem, wie Uruha schon gesagt hat, wenn es nach ihr geht, bist du jetzt ihr dritter Sohn.“ Ich lachte leise und zuckte mit den Schultern. „So war sie schon immer.“

 

„Das scheinst du wohl von ihr geerbt zu haben.“ Aois dunkle Augen fixierten mich, was meinen Magen dazu veranlasste wie wild zu kribbeln. Ich schluckte und schüttelte leise lachend den Kopf.

 

„Ich hab keine Ahnung, was du meinst.“ Tat ich seine Worte jedoch ab, ging ja nicht an, dass er mir schon wieder unterstellte ein Softie zu sein, auch wenn ich durchaus wusste, dass das nicht sein Ziel gewesen war. Aber ich hatte mit Komplimenten noch nie umgehen können, besonders nicht, wenn sie von Menschen kamen, die mir so wichtig waren, wie Uruha und Aoi.

 

„Natürlich nicht.“ Sanft strich er mir über die Wange und ergriff dann wie selbstverständlich meine Hand, obwohl er wusste, dass wir nicht die einzigen Gäste im Haus meiner Familie sein würden. Nicht, dass ich glaubte, dass jemand, der mit meinen Müttern befreundet war, etwas gegen dieses Zeichen der Zuneigung sagen würde, aber dennoch erfüllte es mich mit Stolz, dass sich Aoi nicht verbog, nur weil wir nicht alleine waren. „Ich muss mich nur noch daran gewöhnen, dass deine Familie so ganz anders ist als meine.“

 

„Das wirst du.“ Ich lächelte ihn an und drückte ihm einen weiteren Kuss auf die Schläfe. „Ist ja nicht so, als hättest du dafür nicht alle Zeit der Welt, wenn es nach mir geht.“

 

Ich stockte. Verdammt, das war jetzt ein bisschen zu direkt gewesen, oder? Schließlich wollte ich meinen Schatz ja nicht einengen oder zu viel fordern oder …

Aoi drückte nickend meine Hand und ich bekam so das dumpfe Gefühl, dass er mir meine Gedanken gerade schon wieder an der Nasenspitze ablesen konnte. Aber er sagte nichts weiter, hatte nur dieses sanfte Lächeln auf den Lippen, das ich so sehr an ihm mochte, ganz so, als hätten ihn meine Worte glücklich gemacht. Am liebsten hätte ich mir vor die Stirn geschlagen, weil ich in diesem Moment wieder mal nur zu deutlich merkte, wie unbeholfen ich doch war, wenn es um diesen ganzen Gefühlskram ging. Uruha konnte das, auch wenn man ihm hin und wieder gut zureden musste, und Aoi war generell nicht der Mann vieler Worte, aber ich fühlte mich mal wieder wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen. Hätte Uruha vor knapp zwei Jahren nicht die Initiative ergriffen, würde ich mich noch heute nach ihm verzehren und hätte Aoi nie lieben gelernt. Wenn das nicht nur zu deutlich zeigte, wie wenig ich von Gefühlsdingen verstand, wusste ich auch nicht.

 

„Erde an Reita?“, riss mich die tiefe Stimme meines Liebsten aus diesen unglaublich bedeutungsvollen Gedanken und beinahe hätte ich über mich selbst mit den Augen gerollt.

 

„Sorry.“ Ich verzog den Mund zu einem verlegenen Lächeln und winkte ab, als mich sein fragender Blick streifte. „Nicht so wichtig, lass uns zu den anderen gehen“, wechselte ich also lieber schnell das Thema, bevor es noch peinlich werden konnte … peinlicher, als es ohnehin schon war. „Und nimm deine Schuhe mit, wir feiern draußen.“

 

~*~

 

Als wir die Küche durchquerten, um in den Garten zu gelangen, fühlte ich mich trotz meiner eben noch so wirren Gedanken rundum wohl und glücklich. So fackelte ich auch nicht lange und ergriff wieder Aois Hand, nachdem wir unsere Schuhe erneut angezogen hatten. Sein Daumen streichelte sanft über meinen Handrücken und die Sonne blendete mich für einen Moment, als wir ins Freie traten. Ich reckte ihr das Gesicht entgegen, während wir langsam über den saftig grünen Rasen schlenderten und noch bevor wir gänzlich an die festlich geschmückte Tafel herangetreten waren, ging schon ein munteres „Hallo“ durch die Runde der anwesenden Gäste. Meine Begrüßung fiel vermutlich nicht minder enthusiastisch aus, bis Aoi meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte.

 

„War ja so klar, dass Uruha erst einmal das Kuchenbuffet inspiziert“, meinte er deutlich amüsiert und schnalzte gespielt entrüstet mit der Zunge. Ich blickte zur Seite in sein Gesicht und genoss für einen Moment den zufriedenen Ausdruck, den ich dort erkennen konnte, während er unseren Schatz betrachtete.

 

„Hattest du tatsächlich etwas anderes erwartet?“ Ich winkte Uruha zu uns, aber er streckte mir nur die Zunge heraus und fuhr damit fort, sich einen kleinen Kuchenteller mit Leckereien zu überladen. Oh je, da war wohl wirklich jemand eingeschnappt?

 

„Sagen wir es mal so, es hätte mich überrascht, wenn es anders gewesen wäre.“ Aoi lächelte mir zu und die nächsten Augenblicke verbrachten wir damit, weitere Begrüßungen auszutauschen, bis sich Uruha doch noch zu uns gesellte. Ihm waren die meisten Anwesenden ebenso bekannt wie mir – kein Wunder, hatte er früher doch mehr Zeit hier, als bei seinen Eltern verbracht, aber der Freundeskreis meiner Familie schien mit jedem Jahr größer zu werden und ich hatte es längst aufgegeben, mir jedes neue Gesicht merken zu wollen.

 

Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen auch meine ältere Schwester und meinen Schwager begrüßend zu umarmen und meiner Nichte, die in ihrer Trage auf der Bank friedlich schlief, einen Kuss auf die Stirn zu drücken. Ich war regelrecht vernarrt in die kleine Akemi, was vermutlich keine große Kunst war, immerhin konnte ich sie am Ende des Tages immer an ihre Eltern zurückgeben und musste mich nicht mit Gequengel oder Schreianfällen auseinandersetzen. Onkel sein war schon was Feines.

 

Kaum hatten wir uns gesetzt, erschien auch noch das letzte Mitglied meiner Familie und schaffte es mit nur einem Satz, dass ich am liebsten im Erdboden versunken wäre.

 

„Da sind ja meine Gummibärchen.“ Schlanke Arme legten sich von hinten um meine und Uruhas Schultern, bevor die kleine Frau uns jeweils einen Kuss auf den Schopf drückte.

 

„Tomo“, nörgelte ich, auch wenn ein Lächeln an meinen Mundwinkeln zupfte, als ich der Partnerin meiner Mutter ins Gesicht sah. „Uruha und ich sind doch keine zehn mehr. Wann hörst du endlich mit diesem schrecklichen Kosenamen auf.“

 

„Nie, mein Schatz. Hallo Aoi.“ Noch immer lächelnd drehte sie sich zu Aoi herum und drückte auch ihn kurz, ohne weiter auf mich einzugehen. Typisch.

 

„Ach, mich kannst du immer Gummibärchen nennen.“ Meinte Uruha beiläufig und zwinkerte mir frech zu. „Ist doch süß.“

 

„Fall mir nur in den Rücken, du Pharisäer.“ Ich funkelte meinen besten Freund an, der sich aber gänzlich unbeeindruckt zeigte.

 

„Gummibärchen?“, fragte zu allem Überfluss auch noch Aoi in diesem Moment mit hochgezogener Augenbraue und einem derart amüsierten Funkeln im Blick, dass er damit wohl eine ganze Großstadt hätte erhellen können.

 

„Das willst du nicht wissen.“

 

„Doch … erzähl.“

 

Ich schlug mir die Hand vor die Stirn und war plötzlich ziemlich begeistert von dem Blumendekor auf dem Kuchenteller vor mir, während meine Lieblingsmenschen – diese Verräter – damit begannen, uralte Kamellen aus meiner Kindheit aufzuwärmen. Womit hatte ich das nochmal verdient?

 

„Reita hat zu Weihnachten mal einen Schlafanzug mit lauter Gummibärchen darauf bekommen …“, fing Uruha an und ich konnte aus seiner Stimme heraushören, dass er sich innerlich gerade die Hände rieb. Das war nun wohl seine Rache für meinen Spruch von vorhin und er genoss sie in vollen Zügen. Verdammt.

 

„Den hatte ich ihm geschenkt“, nickte Tomo bestätigend, hatte sich mittlerweile neben Aoi gesetzt und schien ebenso begeistert zu sein mich leiden zu sehen, wie Uruha es war.

 

„Er hat ihn gehasst.“ Uruha lachte und tätschelte mir das Haupthaar, worauf ich nicht übel Lust gehabt hätte, ihm seine langen Finger abzubeißen. „Aber ich fand ihn todschick und wollte auch unbedingt einen.“

 

„Also hat er monatelang sein Taschengeld gespart“, hakte Tomo ein, „um dir einen zum Geburtstag zu schenken.“

 

„Ganz genau.“ Uruha grinste noch immer, „Ich hätte das Ding am liebsten auch zur Schule getragen …“

 

„Du warst als Kind schon ein Nerd“, brummte ich, wurde aber erneut einfach ignoriert.

 

„Weil das aber nicht ging, hab ich Reita genötigt, die Teile wenigstens immer zu Hause mit mir zu tragen“, sagte Uruha bekräftigend nickend und so, als wäre es das normalste der Welt, einen Schlafanzug mit dem wohl peinlichsten Muster überhaupt tragen zu wollen. Vermutlich würde er das heute noch tun, würde es diese Zumutung in seiner Größe geben.

 

„Davon gibt es auch Bilder“, setzte Tomo dem Ganzen noch die Krone auf und ich wäre am liebsten auf der Stelle implodiert. Meine Ohren fühlten sich schon ganz heiß an, als ich dann aber Aois warmen Atem an meinem Hals spüren konnte und die Worte hörte, die er mir leise zuflüsterte, war wirklich alles aus.

 

„Du hattest also schon als kleiner Junge ein so großes Herz.“

 

„Aoi“, jammerte ich und hätte mein glühendes Gesicht am liebsten in beiden Händen vergraben.

 

„Du bist wirklich niedlich, wenn dir was peinlich ist.“

 

„Ruha!“, schnappte ich, schaffte es aber nicht, das verlegene Lächeln von meinem Gesicht zu wischen. Eigentlich waren die Worte meiner Männer ja wirklich lieb und so, aber ich konnte einfach nicht damit umgehen.

 

„Schon gut, ich hör schon auf.“ Uruha grinste mich an und küsste meine Stirn, bevor er versöhnlich auf seinen ziemlich beladenen Kuchenteller deutete. „Willst du was abhaben?“ Aois hand streichelte über meinen Oberschenkel, während er sich mit Tomo unterhielt und zum Glück ein neues Thema gefunden zu haben schien.

 

„Du bringst mich wirklich gern in Verlegenheit, mh?“, grummelte ich vor mich hin und bediente mich an Uruhas Kuchenauswahl.

 

„Hey, ich hab mit dem Thema nicht angefangen.“

 

„Na klar, du bist wie immer gänzlich unschuldig.“

 

„Ganz genau.“ Uruhas Arm schlängelte sich hinter meinem Rücken vorbei, bis seine Hand an meiner Seite lag und er mich gegen sich ziehen konnte. „Du würdest es doch gar nicht anders haben wollen, Gummibärchen, gib’s zu.“

 

Ich schnaubte nur, aber das Lächeln hielt sich hartnäckig und ich lehnte mich zufrieden gegen Uruhas Seite, nachdem ich Aois Rechte auf meinem Oberschenkel umfasst und unsere Finger miteinander verflochten hatte.

 

~*~

 

Genüsslich an meiner Zigarette ziehend beobachtete ich Uruha, wie er mit Akemi auf dem Arm im Garten auf und ab ging und das quengelnde Mädchen mit erstaunlicher Geduld zu beruhigen versuchte. Was mich aber noch viel mehr verblüffte war die Tatsache, dass meine kleine Nichte sich tatsächlich beruhigen ließ und wenig später leise plappernd mit großen Augen über Uruhas Schulter in die Welt guckte. Lag vielleicht an der Höhenluft, dachte ich mir im Stillen und schmunzelte. Die Sonne schien angenehm wärmend auf mich herab, während ich meine Beine ausstreckte und mich gemütlich gegen das Rückenteil der weißen Gartenbank lehnte, auf die ich mich vor einer ganzen Weile schon verzogen hatte. Ich saß ein wenig abseits von den Gästen, um niemanden mit meinem Zigarettenrauch zu stören und hatte gerade beschlossen, Onkel Naohito später am Grill behilflich zu sein, da setzte sich jemand neben mich und drückte mir unaufgefordert einen Teller mit einem ziemlich großen und ziemlich schokoladigen Cupcake darauf in die Hand.

 

„Du hast ja noch kaum was gegessen.“ Dieser mir nur allzu bekannte Satz begleitete ihre mir nicht minder bekannte Geste und ich gluckste leise.

 

„Ich hab mit Uruha zusammen zwei gut gefüllte Kuchenteller verputzt …“, stellte ich schmunzelnd fest, drückte im gleichen Atemzug jedoch meine aufgerauchte Zigarette im Aschenbecher zu meinen Füßen aus und griff nach der Kuchengabel.

 

„Siehst du? Ich sag doch, du hast noch kaum was gegessen. Hör auf deine Mutter.“ Schmunzelnd ließ sie sich wie immer von meinen Einwänden nicht beirren und ganz ehrlich? Wenn ich diese dekadente Sünde so ansah, bekam ich doch tatsächlich wieder Appetit. Außerdem hatte ich schon sehr früh in meinem Leben feststellen müssen, dass es einfach keinen Sinn hatte, meiner Mutter oder Tomo widersprechen zu wollen. Das funktionierte sowieso nie oder endete in einem schlechten Gewissen meinerseits, was so oder so zu viel Energie verbrauchte, um es darauf ankommen zu lassen. Vor allem nicht heute.

 

„Du hast wie immer recht.“ Ich nickte übertrieben einsichtig und lachte erneut leise, als sie daraufhin nur schnaubte, als wären meine Worte nicht genau das gewesen, was sie insgeheim hatte hören wollen. „Na, brauchst du auch eine kleine Auszeit von all dem Trubel?“, erkundigte ich mich ein paar Augenblicke und schokoladige Bissen später, während ich nun Aoi beobachtete, wie dieser ganz verträumt wirkend seinen Blick nicht mehr von Uruha und meiner kleinen Nichte nehmen konnte. Meine Ma summte zustimmend, hatte sich ebenfalls gemütlich zurückgelehnt und ihr Gesicht der Sonne zugewandt. „Wenn Aoi weiter so schaut, werde ich ihm heute Abend wohl ausreden müssen, dass es eine gute Idee ist, nach der Hochzeit gleich mal Adoptionspapiere auszufüllen. Siehst du seinen verklärten Blick?“

 

„Mh, für eine Adoption ist es dann wohl doch noch ein bisschen früh“, sinnierte sie, ihre Aufmerksamkeit nun ebenfalls auf Uruha und den schmachtenden Aoi gerichtet und ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen. „Aber vielleicht gibt’s ja bald ein Haustier, so als Familienzuwachs?“

 

„Dabei sind Uruhas Fische so schön pflegeleicht“, spann ich unsere kleine Vorhersage weiter und ließ für einen Moment den utopischen Gedanken zu, wie es wohl wäre, mir eine eigene kleine Familie mit meinen Männern aufzubauen.

 

„Aber jetzt erzähl mal, wie war der Antrag?“, riss sie mich aus meinen Tagträumereien, lehnte sich näher und ich konnte ihre Neugierde förmlich am eigenen Leib spüren.

 

„Schön war er“, entgegnete ich also und tat so, als würde ich mich über die Details ausschweigen wollen. Und wie ich schon vermutet hatte, hielt ihre Geduld nur Sekunden an, bis sie mir leicht in die Seite piekte und auffordernd brummte.

 

„Lass dir nicht alles aus der Nase ziehen.“

 

„Was willst du denn wissen?“

 

Alles.“

 

„War ja klar.“

 

 

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Chapter Text

  1. Februar 2019 - auf einem Hausdach - Tokyo

 

„Glaubst du, wir haben alles?“ Aoi lief nun bereits zum fünften Mal um die Picknickdecke herum, die wir an einem windgeschützten Fleckchen auf dem Flachdach unseres Appartementblocks ausgebreitet hatten und auf der sich alles tummelte, was ich heute für den Valentinstag besorgt hatte. Jetzt würde ich also doch noch zu meinem Picknick mit meinen Liebsten kommen, auch wenn der Anlass ein etwas anderer sein würde, als ich es geplant hatte. Aber je länger ich Zeit hatte, mir Gedanken über Aois Vorhaben zu machen, umso mehr freute ich mich für die beiden und desto glücklicher war ich darüber, dass mein Liebster mich nicht nur wie selbstverständlich dabei haben wollte, sondern vielmehr darauf bestanden hatte. Ich lächelte und schnaubte leise, als ich ihn noch einen Moment länger beim nervösen Hin- und Herlaufen betrachtete, bis es mir doch zu viel wurde und ich ihn einfach um die Taille fasste, als er das nächste Mal an mir vorbeikam.

 

„Ja, Schatz. Wir haben alles, genau wie beim ersten Mal, als du mich das gefragt hast.“ Ich küsste seinen Nacken und zog ihn näher gegen mich. „Du läufst noch einen Graben in den Beton, wenn du so weitermachst.“

 

„Wo bleibt er denn?“

 

„Du kennst ihn doch …“ Ich hatte noch weiterreden wollen, aber genau in dem Moment quakte mein Handy laut und aufgebracht und als ich unnötigerweise aufs Display schaute, leuchteten mir die Worte, „Ducky ruft an“, entgegen. „Ruha?“, meldete ich mich und bekam das vorfreudige Grinsen kaum unter Kontrolle, was sich soeben auf meine Lippen geschlichen hatte.

 

„Da bin ich einmal pünktlich und ihr seid nicht da“, nörgelte es mir entgegen und ich riskierte einen flüchtigen Seitenblick auf meine Armbanduhr, was mein Schmunzeln nur noch weiter werden ließ.

 

„Es ist viertel nach zwei, das ist nicht pünktlich, mein Schatz.“

 

„Alter Erbsenzähler“, grummelte er und ich hörte, wie er in der Wohnung auf und ab ging. „Jetzt sag schon, wo seid ihr?“

 

„Auf dem Dach.“

 

„Hä?“

 

„Wir sind auf dem Dach. Beeil dich lieber, der Champagner wird warm.“ Mit diesen Worten legte ich auf und gab Aoi, der sich während meines kurzen Telefonats aus meiner Umarmung gelöst hatte, um erneut wie ein eingesperrter Tiger auf und ab zu laufen, ein aufmunterndes Daumenhoch. Daraufhin wurde er allerdings nur noch blasser um die Nase, als er ohnehin schon die ganze Zeit über war, bevor er sich im nächsten Augenblick merklich am Riemen Riss, die Schultern straffte und ein fast schon ergeben wirkendes Lächeln auf seine Lippen zauberte.

 

„Mein Testament liegt in der zweiten Schublade vom Schreibtisch“, teilte er mir mit Grabesstimme mit. „Du weißt also Bescheid, wenn ich diesen irrsinnigen Plan aus irgendwelchen Gründen … du weißt schon, ein Herzinfarkt oder so … nicht überleben sollte.“

 

„Weichei“, neckte ich ihn, im Versuch seine Anspannung ein wenig zu zerstreuen, trat noch einmal an ihn heran und küsste ihn für einen langen Moment. „Du hast schon ganz andere Herausforderungen gemeistert, Blue, das kriegst du jetzt auch noch hin.“

 

„Hab ich das, ja?“ Nachdenklich legte sich seine Stirn in Falten, bevor er mich nach einigen Sekunden verschmitzt anlächelte und weitersprach. „Dich dazu gebracht, aus deinem kleinen Kabuff auszuziehen, zum Beispiel?“

 

„He~!“, entrüstete ich mich, „das war mein Junggesellen-Hauptquartier.“

 

„Junggesellen-Hauptquartier, na klar.“ Aois Augenbraue wanderte ein ganzes Stück nach oben und zeigte mir so überdeutlich, was er von dieser Bezeichnung hielt. „Ich bleib bei Kabuff und es war ein hartes Stück Arbeit, dich davon zu überzeugen, dass du es bei Uruha und mir viel schöner haben würdest.“ Er nickte bekräftigend, fuhr sich in einer mir nur allzu bekannten Geste durchs Haar und atmete tief durch. „Du hast recht … ich schaff das … glaub ich.“

 

„Sag ich doch.“ Ich verdrehte neckend die Augen. „Aber viel bedeutender, als mich aus meiner gemütlichen Wohnung zu vertreiben …“

 

„Also das ist jetzt aber unfair“, echauffierte sich mein Liebster, aber ich grinste nur und fuhr fort.

 

„… Ist doch, dass du unseren Uruha eingefangen und ihm gezeigt hast, dass es okay ist, geliebt zu werden.“

 

„Oh Reita.“ Für einen Moment wurde Aoi ganz still und erwiderte meinen Blick, bevor er seine Stirn sacht gegen meine lehnte. „Immer, wenn ich zu wissen glaube, was als Nächstes von dir kommt, sagst du sowas und wirfst mich damit vollkommen aus der Bahn.“ Ein kleiner Kuss folgte seinen Worten, auf die ich nicht wirklich etwas zu erwidern wusste.

 

„Ehm“, machte ich also leicht überrumpelt und versuchte auf die Schnelle herauszubekommen, ob ich mal wieder irgendwas Dummes gesagt hatte. Passierte mir ja öfter mal; und vielleicht sollte ich doch endlich lernen erst zu denken und dann zu reden. „Tut …“, setzte ich an, aber Aoi schüttelte nur noch immer lächelnd den Kopf und legte mir seinen Zeigefinger auf die Lippen.

 

„Danke, Rei.“

 

Im selben Moment, als ich trotz der zarten Berührung seines Fingers den Mund geöffnet hatte, um ihm zu sagen, dass er sich nun wirklich nicht bei mir bedanken musste – denn was hatte ich schon großartig getan? – ging in unmittelbarer Nähe die Tür zum Dach auf und Uruha streckte seinen Kopf hindurch.

 

„Da seid ihr ja“, lächelte er uns entgegen und betrat, gefolgt von einer Wolke roter Herzluftballons, ins Freie. „Ich weiß jetzt, was ich vergessen habe.“ Sein Lächeln wurde schief und er zwinkerte mir zu, währenddessen ich mich tatsächlich für einige lange Sekunden nur eines fragen konnte:

Wie um Himmelswillen war er mit all den Ballons durchs Treppenhaus gekommen?

 

~*~

 

Wir hatten uns das Picknick schmecken lassen und auch wenn Aoi etwas stiller war als sonst und ganz offensichtlich keinen übermäßigen Appetit zu haben schien, hatte ich den Eindruck, als würde Uruha nicht bemerken, dass was im Busch war.

Bis er sich irgendwann zu mir herumdrehte und mir leicht gegen den Oberarm boxte.

 

„Raus mit der Sprache!“

 

„Hä?“ Überrumpelt blinzelte ich ihn an und schluckte erst einmal die Erdbeere herunter, die es sich soeben zur Aufgabe gemacht hatte, meine Lebensspanne signifikant zu verkürzen. Tod durch Ersticken und das am Valentinstag, ging doch nicht theatralischer oder? „Was denn?“, röchelte ich zur Untermalung meiner Ahnungslosigkeit und sah wohl jämmerlich genug aus, sodass sich mein Süßer doch tatsächlich dazu hinreißen ließ, mir sacht auf den Rücken zu klopfen.

 

„Ich meine die Blicke, die Aoi und du euch ständig zuwerft, irgendwas heckt ihr doch aus.“

 

Ich schaute erst Uruha, dann Aoi an und wusste um ehrlich zu sein nicht, was ich darauf nun hätte antworten sollen. War schließlich nicht an mir, mit der Sprache herauszurücken. Aoi war merklich blasser geworden, hatte aber dieses entschlossene Funkeln in den Augen, das mich unter anderen Umständen immer ganz nervös machte. Auf eine sehr, sehr gute Art und Weise.

 

„Uruha“, fing er an und ich hatte das unbestimmte Gefühl, nun ganz dringend Chips oder Popcorn zu brauchen, um die beinahe unerträgliche Spannung, die sich binnen Sekunden in mir aufgebaut hatte, durch lautes Kauen abbauen zu können.

 

Minuten verstrichen, in denen ich zu meiner Schande gestehen musste, dass ich kaum etwas von Aois Antrag mitbekam. Zumindest nicht die Worte, denn ich war viel zu beschäftigt damit, die Gesichtszüge meiner beiden Liebsten zu studieren. Meine Finger glitten nervös an der Halskette entlang, die Uruha mir vorhin stolz wie Oskar zum Valentinstag geschenkt hatte und die in einem hübschen Medaillon ein Bild von uns Dreien verbarg.

 

In diesem Augenblick ergriff Aoi die Hand meines besten Freundes und ich schloss meine Finger so fest um das Schmuckstück, innerlich hoffend und bangend, dass alles gutgehen würde, dass sich später vermutlich rote Abdrücke auf meiner Haut abzeichnen würden. Verdammte Nervosität. Spätestens jetzt konnte ich noch besser verstehen, wie mein armer Aoi sich den ganzen Tag über gefühlt haben musste. Ich erwischte mich dabei, wie ich auf meiner Unterlippe herumkaute, so angespannt war ich mittlerweile.

Hoffentlich ging jetzt alles gut.

 

Uruha konnte irrational handeln, wenn er sich in die Enge getrieben fühlte, was ganz sicherlich mit ein Grund für die knochentiefe Aufregung und Angst meines Liebsten gewesen war. Ich konnte Aoi absolut verstehen, ganz ehrlich, hatte ich diese Reaktion meines besten Freundes doch schon hautnah miterlebt, als er vor so vielen Jahren mitten in der Nacht vor meiner Wohnung gestanden und beinahe schmerzhaft überfordert von der Tatsache gewesen war, dass Aoi wirkliche Gefühle für ihn empfand.

 

Ich schluckte und versuchte Uruhas panischen Blick von damals aus meiner Erinnerung zu vertreiben, als Aoi genau in diesem Moment eine schwarze Schmuckschatulle aus der Innentasche seiner Jacke zauberte und sie unserem Süßen entgegenhielt. Mein Atem stockte und ich konnte den Blick nicht von den beiden Männern vor mir nehmen.

 

„Willst du mein Mann werden?“

 

Uruha versteifte sich merklich und presste die Lippen so fest aufeinander, dass sie nur noch zwei schmale, weiße Striche waren. Innerlich feuerte ich ihn an und sagte ihm mental noch einmal all die Dinge, die ich ihm auch schon vor so vielen Jahren erzählt hatte.

 

„Du verdienst es, glücklich zu sein“, wisperte ich so leise, dass ich nicht gedacht hätte, er hätte meine Worte gehört, aber plötzlich konnte ich in seine geweiteten Augen blicken, in denen sich die Fassungslosigkeit nur zu deutlich abzeichnete. Ich lächelte und hätte ihn am liebsten in meine Arme gezogen, aber stattdessen nickte ich nur sacht. Einen langen Moment sahen wir uns an, bis auch er kaum merklich nickte und sich wieder Aoi zuwandte.

 

„Ja“, sagte er mit kratziger Stimme und nach einem tiefen Atemzug noch einmal, diesmal deutlich lauter, bevor er unserem Liebsten erleichtert lachend um den Hals fiel. „Ja, will ich.“

 

„Halleluja! Braucht noch jemand einen Schnaps?“ Ich grinste frech, als mich Uruhas entrüsteter Blick traf und streckte ihm die Zunge heraus, einfach, weil ich so unendlich erleichtert war.

 

„Banause“, grummelte er, nicht ganz ernst gemeint, und streckte einen Arm nach mir aus. Das ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen und fand mich keine Sekunde später von meinen beiden Männern umarmt wieder. Und nein, ich will jetzt keine Kommentare übers Gruppenkuscheln hören, okay? Nach so einem nervenaufreibenden Tag hatten wir uns diese kleine Zuneigung ja wohl alle drei mehr als verdient.

 

„Ich liebe euch“, nuschelte ich gegen Uruhas Schulter und spürte keinen Moment später Aois Lippen hauchzart an meinem Ohr.

 

„Wir dich auch, Reita, wir dich auch.“

 

~*~

 

Langsam verschwand die Sonne hinter den Hausdächern der Großstadt und tauchte die Schleierwolken am dunkler werdenden Himmel in sanfte Pastelltöne. Ich folgte den Rauchkräuseln meiner Zigarette mit den Augen, wie sie träge nach oben stiegen und mein leises, zufriedenes Seufzen mit sich nahmen. Auf dem gegenüberliegenden Hausdach versammelte sich gerade eine Schar Spatzen, zwitscherte lautstark durcheinander, bis die kleinen Vögel einem unhörbaren Signal folgend gemeinsam in die Luft stiegen, um sich wohl einen geschützten Schlafplatz zu suchen. Ich lächelte und blickte der erstaunlich geordneten Formation nach, als mir das altbekannte Kratzen der Schiebetür zeigte, dass ich nicht mehr allein auf unserem Balkon war.

 

„Hey.“ Uruhas lange Arme schlangen sich um meine Mitte und erst, als sich der warme Körper meines Süßen gegen meinen Rücken presste, fiel mir auf, wie kühl es mittlerweile geworden war. Eine dicke Gänsehaut suchte sich ihren Weg über meinen gesamten Körper, während ich die Zigarette im Aschenbecher neben mir auf dem kleinen Klapptisch ausdrückte und die Arme vor dem Bauch verschränkte, um gleichzeitig Uruhas Hände in meine zu nehmen.

 

„Selber hey“, schmunzelte ich und blickte über die Schulter nach hinten. Uruha senkte den Kopf und ich konnte nicht anders, als leise, aber deutlich genießend zu brummen, als ich seine weichen Lippen an meinem Hals spürte. „Hast du etwa Sehnsucht nach mir?“

 

„Das; und ich wollte sicherstellen, dass du noch nicht erfroren bist.“

 

Ich erschauerte wohlig, als mich sein warmer Atem kitzelte und mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen lehnte ich mich stärker gegen ihn.

 

„Ach Quatsch, so kalt ist es doch gar nicht.“

 

„Nee, natürlich ist es das nicht. Und darum fühlen sich deine Finger auch wie Eiszapfen an.“ Er umarmte mich nur noch fester. „Aoi ist auf dem Sofa eingeschlafen.“

 

Ich schnaubte belustigt und konnte aus Uruhas Worten das liebevolle Lächeln heraushören, das nun auch seine Lippen zierte.

 

„Kein Wunder, so angespannt wie er den ganzen Tag über war“, meinte ich mitfühlend und sah wieder Aois dunkle Augen vor mir, aus denen mich seine Angst und Nervosität regelrecht angesprungen hatten. Sacht schüttelte ich den Kopf, hob Uruhas linke Hand an und betrachtete den schlichten Ring, der seinen Finger zierte. „Ich freu mich so für euch, Ruha.“ Langsam führte ich seine Hand zu meinen Lippen und drückte einen langen Kuss auf das silberne Band.

 

„Ehrlich?“ Uruha senkte den Kopf und legte sein Kinn auf meiner Schulter ab. „Ist das für dich wirklich in Ordnung?“

 

Ich ließ seine Hände los und drehte mich im Kreise seiner Arme herum, bis ich beide Hände an seine Schultern legen und ihm in die Augen sehen konnte. Lächelnd strich ich ihm durch die Haare, die der aufziehende Ostwind frech in seine Stirn wehte und nickte bekräftigend.

 

„Ja, Ducky, es ist mehr als nur in Ordnung für mich. Ich freue mich wirklich unheimlich für euch und …“ Ich schmunzelte etwas verlegen und zuckte mit den Schultern. „Wie ich auf dem Dach schon gesagt habe, du hast es verdient, glücklich zu sein und ich glaube fest daran, dass es für Aoi und dich einfach die richtige Zeit ist, um den nächsten Schritt zu tun.“ Uruha blinzelte, senkte für einen Moment den Kopf und als er mich wieder ansah, glänzten seine Augen verräterisch.

 

„Danke“, wisperte er und fing meine Lippen für einen langen, unendlich liebevollen Kuss ein. „Ich würde dich übrigens auch vom Fleck weg heiraten.“

 

Blinzelnd erwiderte ich seinen Blick, noch zu sehr in dem angenehmen Gefühl seiner Lippen auf den meinen gefangen, um überhaupt irgendwie reagieren zu können. Ich leckte mir über die prickelnde Unterlippe und schüttelte dann, ziemlich verspätet, aber nicht minder energisch, den Kopf.

 

„Lass mal.“

 

„Hey, warum denn? So eine Dreier-Hochzeit wäre doch spitze, hat auch nicht jeder.“

 

„Na klar. Und das hat auch gar nichts damit zu tun, dass du Aois überaus liebenswürdigem Onkel nicht auf jede erdenkliche Art und Weise eins auswischen willst?“

 

„Als ob der das nicht verdient hätte.“ Uruha verzog das Gesicht, wurde aber im nächsten Moment wieder ernst. „Ich meine das wirklich so, Rei. Du gehörst zu mir, zu Aoi, wir gehören einfach zusammen und ich will nicht, dass …“

 

„Ruha …“ Lächelnd schüttelte ich den Kopf und streichelte ihm über die Wange. „Ich weiß, was du meinst. Sag mir das in ein paar Jahren nochmal und ich werde der glücklichste Mann auf der Welt sein. Aber das hier …“ Damit machte ich eine vage Handbewegung in Richtung Wohnzimmer und dem Mann, der auf dem Sofa friedlich schlummerte, „… ist nur für euch beide.“ Einen langen Moment blickte ich ihm in die schönen Augen, bevor ich erneut im Gefühl seiner Lippen versank.

 

Wie lange wir hier so standen, uns küssten und Zärtlichkeiten austauschten, wusste ich nicht, aber als ich meine Augen nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete, war auch die letzte natürliche Helligkeit am Horizont verschwunden und durch das grünliche Leuchten der Lichtimmissionen Tokyos ersetzt worden.

 

„Außerdem …“, ergriff ich schließlich das Wort, als sich Uruha von mir löste, um den Reißverschluss seiner Kapuzenjacke fröstelnd zuzuziehen, „… mag ich mein Junggesellendasein.“

 

„Bitte was?“ Empört blies mein Gegenüber die Wangen auf, worauf ich ihm nur frech die Zunge herausstreckte und mich unter seinen Armen hindurch duckte, um im Wohnzimmer Schutz vor seiner Rache zu suchen. „Na warte, du!“

 

~*~

 

  1. Juni 2019 - Präfektur Kanagawa - im Garten von Reitas Elternhaus

 

 

„Bist du wirklich glücklich, mein Junge?“

 

Die Stimme meiner Mutter riss mich so erbarmungslos aus meinen verträumten Gedanken, dass ich sie für einen langen Moment nur verdutzt ansehen konnte.

 

„Ehm … Ja, warum sollte ich das denn nicht sein?“ Ich verstand gerade wirklich nicht, wo dieser Schimmer der Besorgnis plötzlich herkam, den ich in ihren Augen erkennen konnte. Sah ich etwa unglücklich aus oder wie kam sie auf diese Frage?

 

„Tut mir leid, Schatz. Ich wollte dich nicht irritieren. Ich dachte nur … Die Verlobung, die ganzen Veränderungen, die bei euch Dreien in nächster Zeit ins Haus stehen …“ Sie lächelte mich an und strich mir durchs Haar, als wäre ich noch immer der kleine Junge, der vor so vielen Jahren mit angeknackstem Arm und tierischen Schmerzen vom Fußballplatz nach Hause gekommen, aber zu stolz zum Weinen gewesen war. Ich lachte kurz, nicht, weil ich ihre Worte oder Geste sonderlich amüsant fand, sondern eher als Zeichen meiner anhaltenden Verunsicherung. Immer, wenn ich dachte, ich hätte die Tatsache, dass Uruha und Aoi heiraten würden, verdaut und der Gedanke an die Hochzeit würde endlich keine Zweifel in mir mehr auslösen, schaffte es irgendwer aus meinem Umfeld, sie wieder aufleben zu lassen.

 

„Ach, Ma …“, seufzte ich langgezogen und schloss für einen Moment die Augen. „Ich bin glücklich. Sieh dir die beiden doch an.“ Ich lächelte, als ich den Blick wieder auf meine zwei Lieblingsmenschen richtete. „Wie könnte ich mit ihnen an meiner Seite nicht glücklich sein?“

 

„Aber?“ Ihre Stimme war leise, einfühlsam und hatte mich schon früher immer dazu gebracht, ihr mein Herz auszuschütten. Meine Mutter hatte schon immer die göttliche Gabe besessen, mir all meine Sorgen zu entlocken, auch wenn ich sie lieber mit mir selbst ausgemacht hätte. Ob dies nun Fluch oder eher Segen war, hatte ich bis heute nicht herausfinden können, aber funktionieren tat es noch immer und würde es vermutlich auch immer, egal wie alt ich wurde. Ich schüttelte den Kopf und schwieg einige lange Minuten, in denen sie einfach nur geduldig und verständnisvoll neben mir saß, ohne mich zu einer Antwort zu drängen.

 

„Ich weiß, wie dumm das ist, aber manchmal fühle ich mich, als würde ich die beiden verlieren. Als würde ich irgendwann nicht mehr mithalten können, verstehst du, was ich meine?“

 

„Gefühle sind nie dumm, mein Schatz. Irrational manchmal, aber nie dumm. Das einzige, was unklug ist, ist Schweigen.“

 

Ich hob eine Augenbraue und konnte mir aufgrund der beinahe poetischen Qualität ihrer Worte ein Schmunzeln nicht verkneifen.

 

„Du meinst also, ich sollte mit ihnen darüber reden?“

 

Meine Mutter nickte nur und schaute dann wieder zu Aoi und Uruha hinüber.

 

„Aber wie könnte ich sie mit diesen dämlichen Unsicherheiten ausgerechnet jetzt vor ihrer Hochzeit belasten?“, murmelte ich leise und unterdrückte ein Seufzen. „Das ist alles so dumm, ich weiß doch, dass sich zwischen uns deswegen nichts ändern wird, das haben sie mir doch auch oft genug gesagt und bewiesen, und trotzdem lässt mich diese Angst nicht los.“ Jetzt entkam mir doch das Seufzen, das ich mir eben noch verkniffen hatte und ich verbarg mein Gesicht für einen langen Moment hinter meinen Händen. „Du kennst Uruha und du weißt, wie er ist. Er würde doch sofort alles absagen, wenn er Wind davon bekommen würde. Das kann ich weder Aoi noch ihm selbst antun.“

 

„Du wolltest ihn schon als Kind immer vor allem beschützen.“ Meine Ma lächelte mich an und strich mir durchs Haar. „Dabei übersiehst du, wie stark er wirklich ist. Die beiden haben verdient, dass du ehrlich mit ihnen bist. Auf lange Sicht kann eure Beziehung nur funktionieren, wenn ihr offen auch über Dinge sprechen könnt, die euch schwerfallen.“

 

„Das weiß ich doch, Mama.“ Ich rieb mir über die Nasenwurzel, um die sich anbahnenden Kopfschmerzen vielleicht doch noch im Zaum zu halten. „Aber das ist alles nicht so einfach.“

 

„Das hab ich auch nie behauptet, mein Schatz.“

 

„Megumi, Liebling, kannst du mir schnell helfen?“ Tomo winkte in unsere Richtung und meine Ma blickte mich für einen langen Moment aus ihren weisen Augen an, bevor sie sich erhob.

 

„Du musst nicht immer alles mit dir selbst ausmachen, mh?“

 

Ich nickte, auch wenn mir gerade wieder so viel im Kopf umherging, dass ich keinen Gedanken wirklich fassen konnte. Ich sah ihr nach, wie sie auf Tomo zuging, ihr einen kleinen Kuss auf die Lippen drückte und dann mit ihr im Haus verschwand. Sie hatte recht, das wusste ich, was es mir aber dennoch nicht leichter machte. Ja, ich wollte Uruha beschützen, wollte nur das Beste für Aoi und ihn und würde es mir nie verzeihen, wenn ich schuld daran sein würde, dass sie ihre Hochzeit absagten, nur weil mich diese nervenden Zweifel ständig aufs neue einholten.

 

//Oder dir von anderen eingeredet werden …//, dachte ich grimmig und erinnerte mich an all die besorgten oder mitleidigen Blicke zurück, die ich immer dann erhielt, wenn die Hochzeit zur Sprache kam. //Als würden Aoi und Uruha dich sitzenlassen, sobald sie einen Ring am Finger hatten.“ Meine Zähne knirschten, so fest presste ich die Kiefer aufeinander.

Warum musste auch wirklich jeder eine Meinung zu dieser Hochzeit haben?

Warum wurde uns ständig unterstellt, dass unsere Beziehung zum Scheitern verurteilt war?

Als würden Uruha, Aoi und ich selbst nicht am besten wissen, was gut für uns war.

Das war alles so unfair.

 

Ich hob den Kopf, als ich Akemis begeistertes Kreischen hörte und musste trotz meiner trüben Gedanken grinsen. Uruha saß mit der Kleinen auf dem Schoß auf dem Rasen und half ihr den weichen Stoffball zu fangen, den Aoi ihr aus gefühlten fünf Zentimetern Entfernung in die Händchen warf. Wieder lehnte ich mich zurück und steckte mir eine Zigarette an, während meine Augen regelrecht an dem harmonischen Bild hängen blieben, welches meine beiden Männer und das kleine Mädchen abgaben. Ganz so, als hätte Aoi meinen Blick bemerkt, richtete sich seine Aufmerksamkeit keine Sekunde später auf mich.

 

„Magst du nicht zu uns kommen, statt so ganz allein ab vom Schuss auf der Bank zu sitzen?“

 

„Deine Art zu Flirten war auch schon mal besser, mein Lieber“, erwiderte ich mit einem frechen Schmunzeln auf den Lippen und hielt dann vielsagend meine dampfende Kippe hoch, während nun auch meine Nichte ihre Patschehändchen auffordernd in meine Richtung streckte, ganz so, als würde sie auch wollen, dass ich zu ihr komme. „Schon gut, ich komm gleich zu euch.“ Ich lachte leise in mich hinein. Diese eine Zigarette Auszeit würde ich mir noch gönnen, um meine Gedanken zu sortieren und dann würde mich nichts mehr davon abhalten, den Nachmittag mit meiner Familie und meinen Liebsten in vollen Zügen zu genießen.

 

 

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Hallo ihr lieben,

hier nun Teil zwei vom vierten Kapitel und sogar wie versprochen noch vor meinem Kurzurlaub.

Ich hoffe, er gefällt euch und Feedback wäre wie immer sehr gerne gesehen. ^^

Chapter Text

09. September 2019 - in einer geschützten Bucht - Ise Shima/ Präfektur Mie

 

„Hey, da hab ich auch noch einen.“ Ich grinste Ruki und Kai breit an, mit denen ich mir die Zeit bis zur Zeremonie damit vertrieb, dass wir doch eher unnütz in der Lobby herumstanden und uns schlechte Flachwitze an den Kopf warfen. „Wie heißt ein Spanier ohne Auto?“

 

„Reita? Reita!“

 

Ich hatte gerade Luft geholt, um meine Pointe zum Besten zu geben, als ich Aois aufgeregte Stimme hinter mir hörte. Kaum hatte ich mich herumgedreht, sah ich meinen Freund auch schon mit schnellen Schritten auf uns zukommen und sein Gesichtsausdruck versprach nichts Gutes. Diese Sorgenfalte zwischen seinen Augenbrauen hatte ich in den letzten Tagen und Wochen wirklich schon viel zu oft gesehen.

 

„Reita! Oh Hallo Kai, Ruki.“ Aoi schnaufte, als wäre er die gesamte Strecke von den Suiten, in denen Uruha und er für das große Ereignis aufgehübscht wurden, bis zu uns gerannt. Und bis in die Lobby des Hotels war es doch ein ganzes Stückchen Weg.

 

„Aoi, was ist denn?“ Besorgt machte ich einen Schritt auf ihn zu, während mein Hirn schon eine Liste der Dinge herunter ratterte, die auf den letzten Drücker nun doch noch schiefgehen konnten.

 

Hatten die Wetterfrösche nun doch Regen angesagt?

War die Torte auf dem Transport kaputtgegangen?

War etwas mit dem Essen nicht in Ordnung?

Verspätete sich die Fähre, mit der die letzten Gäste eintreffen würden?

 

Ich fühlte mich von einem Augenblick auf den nächsten wie unter Strom, gespannt wie eine Bogensehne und zu allen Schandtaten bereit, um meinen Liebsten auch ja die Traumhochzeit zu ermöglichen, die sie verdient hatten, verdammt. Innerlich kochte ich schon und war auf 180 bei dem Gedanken, dass es irgendwer oder irgendetwas wagen würde, uns einen Strich durch unsere Pläne zu machen.

 

Aber als Aoi den Mund öffnete und mit der Sprache herausrückte, wo genau das Problem nun lag, entkam mir nur ein langgezogenes Seufzen.

 

„Aoi, warum suchst du nach Uruha, wenn ihr euch vor der Zeremonie gar nicht sehen sollt, mh?“, erkundigte ich mich, gutmütigen Tadel in der Stimme und legte meinem Schatz beruhigend beide Hände auf die Schultern.

 

„Ich such doch gar nicht nach ihm“, schnaufte er aufgebracht und nun wurde ich doch wieder hellhörig. „Asano wollte noch irgendwas wegen Uruhas Frisur holen und als er wiederkam, war er nicht mehr da. Er hat mich eben gefragt, ob ich weiß, wo er steckt.“

 

„Oh …“, gab ich etwas überrumpelt von mir und zog die Stirn kraus. Das war nicht gut, gar nicht gut. So wie ich meinen besten Freund kannte, ging dem der süße Hintern gerade auf Grundeis und wenn dem so war, war Uruha fähig, große Dummheiten zu begehen – zum Beispiel auf die nächste Fähre Richtung Tokio zu steigen. Mir wurde heiß und schlecht zugleich, als ein Schwall Adrenalin durch meinen Körper jagte. „Mach dir keine Sorgen“, sagte ich nach der ersten Schrecksekunde jedoch so ruhig ich konnte und drückte meinem Schatz einen kurzen Kuss auf die Lippen. „Ich glaub ich weiß, wo er sein könnte.“

 

„Ehrlich?“

 

„Ja. Und nun geh zurück, du hast noch nicht mal deine Schuhe an.“ Ich grinste und schaute vielsagend auf Aois Füße herab, die in schwarzen Socken, aber nicht viel mehr steckten. „Los jetzt, in einer halben Stunde geht es los.“ Aoi atmete zittrig ein und ich konnte seine Nervosität beinahe körperlich spüren. Einem Impuls folgend legte ich meine Arme um ihn und war beinahe erschrocken, wie prompt und fest er meine Umarmung erwiderte.

 

„Danke“, murmelte er so leise, dass ich Schwierigkeiten hatte, ihn überhaupt zu verstehen.

 

„Doch nicht dafür.“ Ich lachte leise, schob ihn auf Armeslänge von mir und scheuchte ihn dann nachdrücklich davon. „Shit“, seufzte ich, als er um die nächste Ecke verschwunden war und schaute dann zu Ruki und Kai hinüber.

 

„Weißt du wirklich, wo er sein könnte?“ Ich erwiderte Kais fragenden Blick und schüttelte seufzend den Kopf.

 

„Ich hab eine Vermutung, mehr aber auch nicht.“

 

„Okay, das kriegen wir schon hin.“ Ruki klatschte in die Hände. „Kai, du gehst zum Bootsanleger, ich such im Hotel nach ihm.“

 

„Guter Plan, ich geh zum Strand, vielleicht hab ich ja recht und er ist dort. Wer ihn findet, ruft die anderen an, okay?“

 

„Wird gemacht.“

 

Schnellen Schrittes eilte ich durch die Lobby des Hotels und hätte mich beinahe überschlagen, so eilig stieg ich die vielen Stufen zum Strand hinunter. Der Pavillon, in dem die Zeremonie stattfinden sollte, war schon von weitem zu sehen, reflektierte das Weiß des Stoffes die Sonnenstrahlen doch so stark, dass ich geblendet den Blick abwenden musste. Ein rötliches Nachbild hielt sich jedoch hartnäckig auf meiner Retina, während ich dem geschäftigen Treiben am Strand kaum Beachtung schenkte. Stattdessen wandte ich mich nach rechts, ging an den herrlich duftenden Blumenarrangements vorbei und seufzte erleichtert, als mir die ersten Bäume Schatten spendeten.

 

Wer hätte aber auch nach den heftigen Regenfällen der letzten Zeit gedacht, dass es heute so schön werden würde. Trotz meiner Anspannung schlich sich ein kleines Schmunzeln auf meine Lippen, als ich mich daran zurückerinnerte, wie sehr Aoi in den vergangenen paar Tagen Uruhas und mein Nervenkostüm strapaziert hatte, weil er auf den letzten Drücker die Lokation für die Hochzeit doch noch verlegen wollte. Okay, die Zeremonie und die anschließende Feier am Strand zu veranstalten, war um die Zeit des Monsuns tatsächlich ein riskantes Unterfangen. Aber wie es der Zufall so wollte, hatte es ja wirklich genau rechtzeitig zu regnen aufgehört, dass alles wie geplant stattfinden konnte.

Oder vielleicht war es auch Schicksal, wenn man denn an so etwas glauben wollte.

 

Ich knöpfte mein Jackett auf, damit die Briese, die mir vom Meer her die Haare aus dem Gesicht wehte, noch besser für etwas Kühlung sorgen konnte. Das Vorankommen auf dem sandigen Untergrund gestaltete sich schwieriger als mir gerade lieb gewesen wäre und gefühlt trug ich bereits eine Tonne Sand in meinen Schuhen, als ich endlich die Stelle erreichte, an der ich Uruha vermutete. Die Bäume standen hier so dicht, dass man meinen könnte mitten in einem Wald zu stehen. Das Meer war von hier aus nicht zu sehen, aber sein Rauschen mischte sich mit dem Wispern des Blätterdachs zu einer beruhigenden Melodie. Oder zumindest wäre sie beruhigend gewesen, würde mein Herz nicht wie wild in meiner Brust schlagen, weil ich Uruha, anders als erhofft, nicht ausmachen konnte. Wo war er denn, verdammt? Ich war mir doch so sicher gewesen, dass er hier sein musste. Beinahe wollte ich mich schon herumdrehen und wieder zum Hotel zurückkehren, vielleicht war mein Schatz ja gerade, als Asano ihn gesucht hatte, auf der Toilette gewesen oder so und die ganze Aufregung war umsonst. Da aber sah ich ein Paar weißer Anzugschuhe und die passenden Socken mehr oder weniger ordentlich neben dem Stamm eines Ahornbaumes abgestellt.

 

Meine Erleichterung zwang mich beinahe in die Knie, als ich mich durch die tief hängenden Äste der Bäume hindurch mogelte und dann nicht nur wieder das Meer, sondern auch meinen Freund vor Augen hatte.

 

„Uruha.“ Meine Stimme war nicht mehr als ein erleichtertes Ausatmen und beinahe glaubte ich, dass mein Schatz mich gar nicht bemerkt hatte, so gedankenversunken wie er auf den Horizont blickte. Uruha stand barfuß und bis zu den Knöcheln im Wasser, hatte seine weißen Hosen bis über die Knie hochgekrempelt und sah gerade so verloren aus, dass sich in mir alles zusammenzog.

 

„Ich kann das nicht, Reita.“ Der Wind brachte seine leise Stimme mit sich und noch bevor ich irgendwas darauf hätte antworten können, lagen seine warmen Augen auf mir und ließen mich in jeder Bewegung erstarren. Seine Verunsicherung ließ mein Herz schmerzhaft schlagen und dennoch legte sich ein feines Lächeln auf meine Züge. Himmel, wie oft hatte ich diesen Ausdruck im Gesicht meines besten Freundes schon gesehen? Kaum eine Schulwoche war früher vergangen, in der mich die jüngere Version von ihm nicht genau so angesehen hatte. Sogar im ersten Jahr als Gazette hatte ich ihn noch vor gefühlt jedem unserer Konzerte mehr oder weniger einfangen müssen und warum hatte ich gedacht, dass es an diesem so speziellen Tag anders sein würde?

 

„Ach Ducky“, murmelte ich und streckte eine Hand nach ihm aus. Uruha zögerte kaum einen Herzschlag, drehte sich nun komplett zu mir herum und stand mit wenigen großen Schritten direkt vor mir. Ich konnte nicht anders, streichelte mit den Fingerknöcheln über seine Wange und drückte ihm einen kleinen Kuss auf die Lippen. „Du siehst wunderschön aus.“ Vermutlich nicht das, was mein Schatz in diesem Augenblick von mir hören wollte, aber das einzige, was mir gerade in den Sinn kam. Uruha lachte leise, sagte aber nichts zu meiner mangelnden Eloquenz und senkte stattdessen den Kopf, um sich leicht an meine Schulter zu lehnen. Und eigentlich bedurfte es auch keiner Worte, als ich meine Arme um seine Mitte legte und ihn näher gegen mich zog. Ich würde immer für ihn da sein, selbst, wenn die Welt untergehen würde, und das wusste er.

 

„Ich glaub nicht, dass das funktionieren kann, Rei“, murmelte er irgendwann und ließ beschämt den Kopf hängen.

 

„Was genau soll nicht funktionieren, mh? Du und Aoi?“ Ich lächelte ihn an, nachdem ich meinen Zeigefinger unter sein Kinn gelegt und ihn sanft dazu gebracht hatte, mich wieder anzusehen. „Ducky, wie lange seid ihr jetzt schon ein Paar?“ Ich erwartete keine Antwort auf meine rhetorische Frage, hätte ich mir diese doch gut und gern auch selbst beantworten können. Aber darum ging es mir auch gar nicht. „Wovor hast du Angst?“

 

„Ich …“ Uruha zuckte mit den Schultern und schmiegte sich leise seufzend wieder stärker gegen mich. Ich begann über seinen Rücken zu streicheln, versuchte ihn damit ein wenig zu beruhigen. „Ich glaube, ich will nicht, dass sich etwas ändert.“

 

„Veränderungen haben dir schon immer Angst gemacht“, stellte ich ohne Wertung in der Stimme fest. Ich küsste seine Schläfe und schloss für einen Moment die Augen, während ich dem Rauschen des Meeres und des Blätterdachs über uns lauschte. „Aber sie müssen nichts Schlechtes sein, gerade du solltest das doch wissen.“

 

„Ich?“

 

„Ja, du. Oder wer hat damals mehr oder weniger alles aufs Spiel gesetzt und Aoi davon erzählt, dass er mich mal gern flachlegen würde?“

 

„He! Das hört sich an, als wäre es mir nur um das eine gegangen.“

 

„Na, etwa nicht?“ ich lachte, als sich Uruhas spitzer Zeigefinger in meine Seite bohrte, der Größere seinen halt um meine Mitte aber noch immer nicht löste.

 

„Du weißt, was ich meine. Damals hätte auch alles schiefgehen können und trotzdem hast du das durchgezogen. Und ich bin so verdammt froh darum.“ Meine Lippen fanden die seinen, als er den Kopf hob und meinen Blick erwiderte. Unser Kuss war langsam, unendlich zärtlich und ich legte all meine Dankbarkeit, die ich auch nach fast einem Jahr noch immer empfand, in diese kleine Geste.

 

„Ich auch“, wisperte mein Freund gegen meine Lippen und fuhr mir durchs Haar, bevor er sich wieder gegen mich lehnte. „Weißt du, ich glaub, es ist gar nicht nur die Angst davor, dass sich alles ändern wird. Ich fühl mich einfach … na ja … nicht erwachsen genug?“ Er zuckte mit den Schultern und lachte leise, auch wenn seine Belustigung mehr nach Galgenhumor klang. „Aoi weiß, was er will, steht mit beiden Beinen mitten im Leben und ist alles in allem einfach viel reifer, als ich es vermutlich je sein werde. Ich …“ Uruha seufzte abgrundtief. „Was will er denn mit mir?“

 

Ich schmunzelte, während ich meinem Freund sanft über den Nacken kraulte – Uruha konnte schon wirklich sehr, sehr dramatisch sein, wenn er wollte. Wüsste ich nicht, wie verliebt Aoi nach all der Zeit, in der die beiden schon zusammen waren, noch immer in meinen besten Freund war, hätte ich seine Bedenken vermutlich auch ernst nehmen können. Aber so wusste ich einfach, das gerade wirklich nur endlose Verunsicherung aus ihm sprach.

 

„Wir reden aber schon vom gleichen Aoi, oder?“, fragte ich neckend und zeigte meinem Schatz die Zähne, als er mich fragend von unten herauf anschaute.

 

„Mh?“

 

„Reden wir wirklich von dem Mann, der auch barfuß nach draußen gehen würde, weil er morgens so tranig ist, dass er seine Schuhe vergisst, wenn sie ihm einer von uns nicht direkt vor die Nase stellt?“ Uruhas Augenbraue wanderte ein kleines Stück nach oben, aber seine eben noch hängenden Mundwinkel zuckten leicht. „Oder von dem Aoi, der auch mitten in der Nacht noch zum Konbini in die Innenstadt fährt, weil es nur dort dieses eine ganz spezielle Macadamia-Karamell-Eis gibt, das du dir so dringend einbildest?“

 

„Da hast du auch mitgegessen.“

 

„Darum geht’s jetzt aber nicht.“

 

Uruha zog eine Schnute und ich musste dem Drang widerstehen, ihn erneut in einen Kuss zu verstricken. Stattdessen legte ich meine Hände auf seine Schultern und blickte ihm direkt in die schönen Augen.

 

„Aoi liebt dich und würde so ziemlich alles dafür tun, um dich glücklich zu machen. Aber gleichzeitig ist er mindestens ein ebenso großer Chaot, wie du und ich es sind.“ Ich lachte, stellte mich auf die Zehenspitzen und küsste seine Stirn. „Wäre Aoi so erwachsen, wie du denkst, dass er ist, hätte er vermutlich schon vor Jahren Reißaus genommen.“ Lachend sprang ich einen Schritt zurück, wollte Uruha gar nicht erst die Chance geben, auf dumme Gedanken zu kommen, denn sein Gesichtsausdruck sprach Bände.

 

„An deiner Aufmunterungstaktik musst du eindeutig noch arbeiten. Jetzt fühl ich mich schlechter als zuvor“, behauptete er mit leidender Miene, aber ich kannte ihn zu gut, um darauf hereinzufallen. Stattdessen hakte ich mich bei ihm unter und schlug den Weg zurück zum Hotel ein.

 

„Nun komm, lassen wir den verrückten Kerl, der heute nichts Besseres zu tun hat, als dein Mann werden zu wollen, lieber nicht länger warten.“ Grinsend bückte ich mich noch nach seinen Schuhen, bevor wir diese hier vergessen würden und freute mich gerade diebisch über den biestigen Blick, den Uruha mir zuwarf.

 

„Mach nur so weiter und ich weiß, wer heute noch nach Hause schwimmen darf.“

 

„Uh, ich steh drauf, wenn du mir drohst.“ Jetzt hatte ich ihm auch endlich das befreite Lachen entlocken können, auf das ich schon die ganze Zeit über spekuliert hatte. Mein Herz machte einen freudigen Hüpfer und der Seitenblick, den ich ihm zuwarf, konnte gut und gern als schwer verliebt bezeichnet werden. Sah wohl auch mein Schatz so, denn noch einmal blieb er stehen und wandte sich mir zu.

 

„Ich liebe dich, Rei.“

 

„Und ich dich erst.“

 

Für einen langen Moment sahen wir uns nur stumm in die Augen und vielleicht hätten wir erneut die Zeit vergessen, aber wie so oft war es Ruki, der sich nachdrücklich, diesmal aber ausnahmsweise mal nicht unerwünscht, in unsere Zweisamkeit drängte.

 

„Hey, da seid ihr ja!“, rief der Sänger schon von weitem, kaum hatten wir die Baumgruppe hinter uns gelassen und winkte uns vom Fuß der Treppe, die zum Hotel hinaufführte, aus zu.

 

„Jepp. Mission: ‚Die Braut, die sich nicht traut‘ abgeschlossen, mon general“, grinste ich und kassierte nun doch einen Ellenbogenstoß in die Rippen. Verdienterweise, wie ich zugeben musste, aber das tat meiner etwas aufgedrehten Stimmung keinen Abbruch. Ja, auch wenn ich es nicht zugeben wollte, langsam kam auch bei mir eine gewisse Nervosität auf.

 

„Sehr schön, wegtreten, alle beide.“ Ruki lachte, als auch ihn Uruhas giftiger Seitenblick streifte, bevor mein bester Freund mir seine Schuhe aus der Hand nahm und sich auf den Weg nach oben machte. Für einen Moment hatte ich schon die Befürchtung, ihn tatsächlich mit meiner Neckerei gekränkt zu haben, aber auf halbem Weg drehte er sich nochmal zu mir um und sah mir direkt in die Augen.

 

„Danke“, sagten seine Lippen, auch wenn das kleine Wörtchen nicht zu hören war, so leise hatte er gesprochen.

 

„Hach ja“, ich reckte die Arme in die Luft und streckte mich ausgiebig, während ich meinem Schatz hinterher sah. „Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.“

 

„Noch haben sie nicht ‚ja‘ gesagt.“

 

„Unwichtige Formalitäten“, winkte ich ab und kassierte nur ein Augenrollen Rukis, der sich gerade das Handy ans Ohr hielt, um vermutlich Kai Bescheid zu geben, dass wir unseren Flüchtigen wieder eingefangen hatten.

 

„Reita?“

 

„Mh?“

 

„Wie heißt jetzt eigentlich der Spanier ohne Auto?“

 

„Carlos.“

 

Mit Rukis gackerndem Lachen im Ohr setzte ich mich wieder in Bewegung und erst, als wir wieder die klimatisierte Lobby betraten, bemerkte ich, wie heiß mir da draußen geworden war. Na, das konnte später ja noch lustig werden. Gut, dass sich Uruha und Aoi doch gegen traditionelle Hochzeitsgewänder entschieden hatten, auch wenn die Anzüge, die die beiden trugen, ihren ganz eigenen Wärmestau verursachen würden. Genau wie mein Exemplar. Ich atmete schnaubend aus und knöpfte mein Jackett wieder zu. Verstohlen gähnend lehnte ich mich mit dem Hintern gegen einen der weichen Lederclubsessel, aus denen man nicht mehr aufstehen wollte, sobald man sich richtig hineingesetzt hatte. Ich hatte es ausprobiert und wusste, wovon ich redete.

 

„Ich geh noch schnell Kai einsammeln“, gab Ruki Bescheid. Ich nickte und zückte im selben Moment mein Handy, um auch Aoi endlich Rückmeldung zu geben, dass ich unseren Schatz wieder eingefangen hatte und er aufhören konnte, sich Sorgen zu machen. Er antwortete mir fast augenblicklich mit einem erleichtert lächelnden Smiley, der wiederum mich zum Lächeln brachte. Main armer Aoi war die ganze Zeit, in der ich mit Uruha am Strand war, vermutlich auf Kohlen gesessen und hatte sich schon diverse Taktiken zurechtgelegt, wie er den Tag noch würde retten können, sollte unser Flüchtiger verschollen bleiben. Es amüsierte mich wirklich, wie unglaublich nervös und aufgeregt meine beiden Liebsten waren und das, wo sie sich einander doch kaum sicherer sein konnten. Allerdings würde es mir an ihrer Stelle vermutlich nicht anders gehen. Nachdenklich zog ich die Stirn in Falten und erlaubte es mir nur für einen winzigen Moment, darüber nachzudenken, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn ich heute heiraten würde.

 

Ein seltsames Gefühl, teils Melancholie, teils Aufregung, stieg in mir hoch, das meinem ohnehin schon angeschlagenen Nervenkostüm nicht gerade guttat. Ich sollte definitiv aufhören, derartige Gedankenschlösser zu bauen und vielleicht lieber eine rauchen gehen; zur Beruhigung und so. Oder nein, lieber nicht. Uruha würde mich vermutlich doch noch lynchen, würde meine Kleidung schon vor der Zeremonie nach Rauch riechen. Manchmal war mein bester Freund schon eine Marke für sich, aber genau wegen seiner großen und kleinen Macken liebte ich ihn so sehr.

 

Und wo wir schon bei Macken waren … ich schnaubte, als ich mich an den Tag zurückerinnerte, als er mich mehr oder weniger freiwillig zum Schneider geschleppt hatte, um auch für mich einen angemessenen Anzug anfertigen zu lassen. Ich verstand bis heute nur zum Teil, warum das wirklich notwendig gewesen war, aber wie Aoi damals schon so schön meinte, wenn sich unser Schatz erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, sollte man ihm besser nicht widersprechen.

 

 

23. Juli 2019 - Tokyo

 

Verschlafen brummend rollte ich mich auf den Bauch, als mich die Morgensonne an der Nase kitzelte. Mein Gesicht in einem Kissen vergrabend atmete ich tief den vertrauten Geruch von Aois Shampoo ein, der daran haftete und mir ein zufriedenes Lächeln auf die Lippen zauberte. Aber leider hielt diese morgendliche Stille nicht lange an, denn wenige Minuten später wurde die Tür zum Schlafzimmer aufgezogen und ich hörte leise Schritte, die sich mir näherten. Mein Lächeln weitete sich, als ich Aoi schon allein daran erkannte, wie vorsichtig er auf mich zukam. Uruha hätte da deutlich weniger Skrupel besessen und hätte sich vermutlich einfach schon auf mich gelegt oder mir wahlweise laut ins Ohr gerufen, dass ich doch endlich aufstehen sollte. Aber nicht er. Aoi war meist viel zu bedacht für solche Aktionen. Das Bett senkte sich an meiner rechten Seite leicht, als er sich neben mich setzte.

 

Für einen langen Moment, in dem es mir tatsächlich schwerfiel, nicht auf mich aufmerksam zu machen, passierte gar nichts. Dann aber spürte ich sanfte Finger, die begannen unglaublich wohltuend über meinen Rücken zu streicheln und warme Lippen, die mich im Nacken küssten. Himmel, ich liebte ihn dafür, dass er mich immer so liebevoll aufweckte. Von daher tat ich ihm auch den Gefallen, tat so, als wäre ich tatsächlich eben erst aufgewacht und rekelte mich leicht unter seinen Berührungen, bevor ich mich nur langsam zu ihm herumdrehte.

 

„Hey“, murmelte ich, noch immer ziemlich zerknautscht und hätte lügen müssen, hätte ich behauptet, dass ich nicht gut und gern noch eine Stunde länger hätte schlafen können. „Guten Morgen.“ Ich hob eine Hand und legte sie an Aois Wange, dirigierte ihn so über mich, dass ich ihm einen kurzen Kuss auf die Lippen drücken konnte.

 

„Guten Morgen“, erwiderte er und küsste meine Nasenspitze, die ich sogleich kräuselte. „Du solltest langsam aber sicher aufstehen.“

 

„Mh, warum denn? Wir haben doch frei“, brummte ich, legte meine Arme um seinen Hals und zog ihn so halb auf mich. „Was hältst du davon, wenn du dich einfach noch für einen Moment zu mir legst?“ ich ließ ihm keine Chance mir zu widersprechen, haschte stattdessen erneut nach seinen Lippen und zog ihn in einen trägen, aber nicht minder liebevollen Kuss. Ich summte genießend, als ich Aois angenehmes Gewicht stärker auf mir spüren konnte und seine Hände fühlte, wie sie forschend über meinen nackten Oberkörper wanderten. Viel zu schnell jedoch entließ er mich aus unserem Kuss, strich mir den Pony aus der Stirn und lächelte auf mich herab.

 

„Hast du etwa vergessen, dass wir heute den Termin beim Schneider haben?“, fragte er mit hochgezogener Augenbraue, bei deren Anblick ich mir ein schelmisches Grinsen nicht verkneifen konnte.

 

„Vergessen nicht …“, murmelte ich und streckte mich gähnend. „Ich würde es eher verdrängt nennen.“

 

„Lass das bloß nicht unsere bessere Hälfte hören, sonst gibt es Ärger.“

 

„Du meinst wohl, unser besseres Drittel?“ Aoi lachte zustimmend nickend, küsste mich noch einmal und erhob sich vom Bett. „Ich weiß gar nicht, warum er überhaupt drauf besteht, mich neu einkleiden zu wollen. Ich hab doch genug Anzüge irgendwo rumfliegen“, murrte ich, absolut nicht begeistert von dem Gedanken, den ganzen Vormittag damit zubringen zu müssen, ausgemessen zu werden und irgendwelche Klamotten anzuprobieren.

 

„Du kennst Uruha länger als ich und solltest wissen, dass man ihm besser nicht dagegen redet, wenn er sich erst einmal etwas in seinen hübschen Kopf gesetzt hat. Ist besser für die Gesundheit.“ Aoi fuhr mir durchs Haar und beugte sich noch einmal über mich, um meine Stirn zu küssen. „Steh jetzt lieber auf, bevor es Ärger gibt.“

 

„Nur noch fünf Minuten, okay?“, nuschelte ich, als mich sein tadelnder Blick streifte und mir einen wohligen Schauer bescherte. Himmel, wie sollte ich mich jetzt bitte zum Aufstehen motivieren können, wenn mir ganz andere Dinge im Kopf umhergingen? Unfair war das und Aoi wusste das nur zu genau. Ohne sich noch einmal nach mir umzusehen, durchquerte er unser Schlafzimmer und zog die Tür mit einem leisen Geräusch ins Schloss. Ich seufzte, rollte mich wieder auf den Bauch und schloss die Augen.

 

Ich hatte wirklich nur noch fünf Minuten dösen wollen, aber als ich das nächste Mal aus einem ziemlich netten Traum hochschreckte, war mein Erwachen keinesfalls so angenehm, wie das Vorangegangene. Mit einem erschrockenen Japsen zuckte ich zusammen und hielt mir den schmerzenden Hintern.

 

„Du hast mir nicht wirklich gerade in die Arschbacke gebissen?“, schnappte ich und schaute Uruha vorwurfsvoll an. Der jedoch grinste nur und zuckte Unschuld vortäuschend mit den Schultern.

 

„Wenigstens bist du jetzt wach, alter Langschläfer.“

 

Ich murrte leidend und ließ mich wieder zurück in die Kissen sinken.

 

„Erzähl mir nochmal, warum ich eigentlich mit zum Schneider soll? Wenn du eine Stilberatung brauchst, Solltest du lieber Ruki mitnehmen, der hat wenigstens Ahnung von Mode.“

 

„Glaub mir, als Stilberater würde ich dich auch ganz bestimmt nicht dabei haben wollen.“ Uruha grinste noch immer, setzte sich jetzt aber an die Bettkante und beugte sich über mich, um mir einen kurzen Kuss auf die Lippen zu drücken. „Ich kenn dich jetzt zwar schon mehr als mein halbes Leben, aber einem Schneider kann ich deine Proportionen nun doch nicht so genau beschreiben, dass der Anzug nach was aussehen würde.“

 

„Aber es ist doch Aois und deine Hochzeit, warum brauch ich da einen neuen Anzug? Ich nehm einfach einen von einem Fotoshoot, die sehen doch auch gut aus. Oder den, den ich bei Soratas Hochzeit getragen hab.“

 

Während ich gesprochen hatte, hatte ich dabei zusehen können, wie sich Uruhas Gesicht mehr und mehr verfinsterte. Instinktiv versuchte ich den Kopf einzuziehen, was mir in meiner liegenden Position aber nicht wirklich gelingen wollte.

 

„Wir hatten die Diskussion schon, mein Lieber. Mehr als einmal“, knurrte mein bester Freund lauernd, legte seine rechte auf meine Brust, drückte mich tiefer in die Matratze und beugte sich über mich. „Du bist ein Teil von Aoi und mir. Ein sehr, sehr wichtiger Teil.“ Mein Schatz blickte mir bei diesen Worten direkt in die Augen, so liebevoll und ehrlich, dass mir ganz warm ums Herz wurde. „Mitgehangen, mitgefangen so zu sagen. Und wenn Aoi und ich heiraten, wirst du ganz bestimmt keinen Anzug tragen, den du bei anderer Gelegenheit schon einmal angehabt hast. Außerdem sollen die Bilder ja auch was werden.“

 

„He, was soll das jetzt heißen.“

 

„Nichts weiter, nur, dass ich dir nicht über den Weg traue.“ Uruha lächelte mich lieb an und küsste meine Nase. „Du bringst es fertig, in Jeans und Shirt auf unserer Hochzeit aufzutauchen und dann müsste ich dir leider den Kopf abreißen. Das will doch niemand, oder? Also, schwing deinen süßen Hintern aus dem Bett, aber dalli!“

 

Ich murrte, als er sich erhob und mir frech lächelnd auch noch die Bettdecke wegzog. Mein Schatz konnte so grausam sein, wenn er wollte. Noch einmal streckte ich mich, rekelte mich auf der weichen Matratze, bevor ich mich tatsächlich aufraffen und aus dem Bett steigen konnte. Ich hatte wirklich keine Lust darauf, mir einen neuen Anzug schneidern zu lassen, aber ich musste zugeben, dass mich Uruhas Worte, so nonchalant er sie auch gesagt hatte, tief berührten.

 

„Du bist ein Teil von Aoi und mir. Ein sehr, sehr wichtiger Teil …“

 

Ein überaus glückliches Lächeln schlich sich auf meine Lippen, während ich im Bad verschwand. Plötzlich freute ich mich richtig, den Vormittag mit meinen Männern verbringen zu dürfen … und die Anprobe würde ich auch noch überleben.

 

~*~

 

Naiv. Damit hätte man meine Herangehensweise an diesen Tag vermutlich am besten beschreiben können. Ich seufzte, als ich mit dem gefühlt hundertsten Anzug-Ensemble erneut hinter den Vorhang der Umkleide verschwand. Um ehrlich zu sein, hätte ich ja echt nicht gedacht, dass mein süßer ausreichend Nerven übrig hatte, um sich neben seiner eigenen Garderobe auch noch Gedanken um meine zu machen, aber andererseits ... Wir sprachen hier schließlich von Uruha, meinem manchmal doch recht pedantischen besten Freund, der wollte, dass an seiner Hochzeit alles perfekt lief. Das war vermutlich Grund genug für ihn, an jedem einzelnen Teil, das ich bisher anprobiert hatte, etwas zu finden, an dem er etwas aussetzen konnte, und sei es auch noch so klein. Aber genau das war auch der Grund, warum ich mitspielte und mich nur geringfügig beschwerte. Wenn es meinem Schatz so wichtig war, dass auch ich an seiner Hochzeit eine gute Figur machte, dann würde ich der Letzte sein, der ihm im Wege stand.

 

„Model einhundertundeins“, seufzte ich leise, als ich mich im Spiegel betrachtete und die graue Krawatte zurechtrückte. Anfänglich hatte ich die kleinen Strass-Steinchen, die sich neben einem klassischen Paisleymuster auf ihr tummelten, als etwas zu viel empfunden, aber Uruha hatte sie gefallen und jetzt, wo ich sie im Zusammenspiel mit dem Rest des anthrazitfarbenen Dreiteilers sah, musste ich zugeben, dass sie mir auch durchaus zusagte. „Ich bin so weit“, rief ich halblaut, auf eine Reaktion wartend, während ich wieder hinter dem Vorhang hervortrat. Die Sonne schien durch die hohen Fenster der Lagerhalle, die dem Designer, den Uruha gefühlt über fünfzig Ecken kannte, als Showroom diente. Geblendet kniff ich für einen Moment die Augen zusammen und hörte daher nur, wie sich mir Schritte näherten.

 

„Wir auch“, kündigte sich Aoi fast zeitgleich an und brachte mich dazu, mein verstohlenes Grinsen hinter einer Hand zu verstecken, als auch sein weitaus leiser gesprochener Nachsatz an meine Ohren drang. „Das hoffe ich zumindest sehr.“

 

„Das hab ich gehört.“ Uruha funkelte unseren Schatz von der Seite her an, aber ich erkannte das gutmütige Schmunzeln auf seinem Gesicht. Dann jedoch wäre mir beinahe die Kinnlade heruntergefallen, als meine Männer vor mir stehen blieben und ich sie genauer betrachten konnte. Auch sie trugen eine Kombination aus schmal geschnittenen Anzughosen, einer farblich passenden Weste und einem Jackett, doch wo Uruhas Dreiteiler in reinstem Weiß erstrahlte, was ihm – wenn ich das einmal anmerken durfte –unheimlich schmeichelte, war Aois Anzug auf den ersten Blick schlicht und schwarz. Auf den zweiten jedoch konnte ich blaue Reflexe erkennen, die nur auffielen, wenn das Licht genau im richtigen Winkel auf den Stoff fiel.

 

„Blue“, murmelte ich schmunzelnd, „du machst deinem Spitznamen gerade alle Ehre.“

 

„Das heißt wohl, dass ich dir gefalle?“

 

„Ihr beide“, gab ich heftig nickend zu und konnte meine Augen gar nicht von meinen Männern lassen. Ihre Hemden waren im selben schlichten Hellgrau gehalten, wie das, das auch ich gerade trug und selbst die Krawatten waren die gleichen.

 

„Erinnere mich daran …“, begann Uruha, kam näher und strich fast bedächtig über meine Schultern, zeichnete so den Verlauf des Jacketts nach. „… dass du in Zukunft viel öfter mal einen Anzug für mich tragen musst.“

 

„Mh, für mich auch.“ Aoi grinste mich auf diese typische Art und Weise an, die mir ziemlich eindeutige, aber gerade doch ziemlich unpassende Ideen in den Kopf setzte.

 

„Soll das heißen, dass du diesmal nichts an meinem Aufzug auszusetzen hast?“ Meine Frage war an Uruha gerichtet, der mich gerade umrundete und so durchdringend musterte, dass sich ein unbestimmtes Kribbeln in meinem Magen breitmachte.

 

„Nein, ich glaube, wir haben unsere Outfits gefunden.“ Uruha ließ noch einmal seinen Blick erst über mich, dann Aoi gleiten und streckte uns dann beide Hände entgegen. „Kommt mit, ich will uns zusammen sehen.“ Er führte uns aus dem Umkleidebereich hinaus bis wir wieder im Ausstellungsraum waren, wo an der hintersten Wand – dort, wo das Licht am besten war – ein riesiger Spiegel aufgehängt war, der diesen Teil des Showrooms fast wie ein Tanzstudio wirken ließ.

 

„Wisst ihr was?“, fragte ich, als wir uns zu dritt vor dem Spiegel aufgestellt hatten. „Ich bin wirklich froh, euch nicht heiraten zu müssen.“ In der Spiegelung sah ich, wie mir zwei nahezu identisch empörte Blicke zugeworfen wurden, die mich erneut zum Lachen brachten.

 

„Auf die Begründung bin ich jetzt aber gespannt“, murrte Uruha und verschränkte zur Verdeutlichung seines Missmuts die Arme vor der Brust.

 

„Na, weil ich kein Wort in Gegenwart von zwei so schönen Männern herausbringen würde.“

 

 

09. September 2019 - in einer geschützten Bucht - Ise Shima/ Präfektur Mie

 

Und genau so erging es mir auch jetzt, als Uruha und Aoi gemeinsam die Treppe in die Lobby herunterstiegen. Es kostete mich tatsächlich einiges an Anstrengung, meine Kinnlade nicht der Schwerkraft folgen zu lassen und mich stattdessen zu erheben und auf sie zuzugehen. Komplett angezogen, gestylt und herausgeputzt waren die beiden aber auch wirklich ein Anblick für sich. Ich räusperte mich und hoffte, dass mir meine Bewunderung nicht gerade übers ganze Gesicht geschrieben stand. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, dass meine Männer wussten, wie toll ich sie fand, aber so rein aus Prinzip wäre es mir schon ganz Recht gewesen, wenn ich nicht gerade wie das verliebte Schulmädchen rüberkommen würde, als das ich mich im Moment fühlte.

 

„Was an: ‚Ihr sollt euch vor der Zeremonie nicht sehen‘, versteht ihr eigentlich nicht, mh?“, erkundigte ich mich tadelnd, als die beiden am Fuße der Treppe angekommen und vor mir stehengeblieben waren. „Ihr seid wirklich unverbesserliche Dickköpfe.“ Mein strenger Blick war wohl weitaus weniger einschüchternd, als ich es mir erhofft hatte, denn statt reuevoller Mienen erhielt ich nur zwei nahezu identische Schmunzeln und einen beidseitigen Schmatzer auf je eine Wange. Verdammt, wie sollte ich ihnen da auch nur im Ansatz böse sein? „Unverbesserlich, sag ich ja.“

 

„Hör auf zu grummeln und so mürrisch zu gucken, das gibt nur Falten.“ Uruha stippte mir gegen die Stirn, die ich tatsächlich leicht gerunzelt hatte und machte sich dann an meinem farblich zur Krawatte passenden Einstecktuch zu schaffen.

 

„Du siehst wirklich verboten gut aus“, raunte mir Aoi ins Ohr und zu meiner Schande musste ich gestehen, dass mir doch tatsächlich die Hitze in die Wangen stieg. Ein Kompliment von meinem Schatz war immer etwas Besonderes, weil Aoi dahingehend doch eher zurückhaltend war, aber wenn er wie jetzt selbst auch noch so gut aussah, war wirklich alles zu spät.

Ich lächelte, vielleicht ein bisschen verlegen und schlang einem Impuls folgend einfach mal die Arme um meine Männer, um sie in eine zwar etwas ungelenke, aber nicht minder wohltuende Umarmung ziehen zu können.

 

„Verratet ihr mir jetzt, warum ihr nicht bis zur Zeremonie damit warten konntet, bis ihr euch seht? Seid ihr beide wirklich so neugierig?“

 

„Ich hab noch immer Lampenfieber“, gab Uruha kleinlaut zu und ich spürte die Bewegung seiner Lippen an meinem Hals, was mir eine gehörige Gänsehaut verpasste.

 

„Und ich hab mir Sorgen um ihn gemacht“, warf Aoi ein, löste sich leicht von mir und küsste Uruhas Schläfe.

 

„Alles also wie immer.“ Lachend ging ich auf Abstand, hatte aber noch immer je eine Hand an den Oberarmen meiner Liebsten und musterte sie nun ausgiebig. „Ich bin so stolz auf euch“, murmelte ich und hatte große Mühe, nicht von meinen Emotionen übermannt zu werden, als eine bittersüße Woge der Freude und Melancholie in mir hochstieg. Hinter uns wurde die vorherrschende Stille der Lobby mehr und mehr mit dem Gemurmel der Gäste erfüllt, die nach und nach aus ihren Zimmern kamen und den Weg hinunter zum Strand antraten. Noch einmal blickte ich von einem zum anderen, bevor ich einen Schritt zurücktrat. „Na dann. Geht schon mal vor, ich komm gleich nach.“

 

„Kommst du denn nicht jetzt schon mit?“ Fast schon alarmiert richtete sich Uruhas fragender Blick auf mich und ich konnte beinahe am eigenen Leib spüren, wie seine innere Unruhe noch um ein ganzes Stückchen anstieg.

 

„Ich hab eure Ringe noch auf dem Zimmer, dauert keine fünf Minuten.“ Mit einem letzten Kuss verabschiedete ich mich und hastete die Treppen nach oben, die mich in unser Zimmer bringen würden. Immer vorausgesetzt natürlich, ich hätte auch wirklich vorgehabt, dorthin zu gehen und mich nicht wie ein Feigling zu verstecken.

 

Ich atmete bemüht ruhig durch, als ich hinter einer Ecke des Flures Deckung fand und lehnte mich gegen die Wand. Meine Finger tasteten automatisch nach der kleinen Ringschachtel, die sich schon die ganze Zeit über in meiner Hosentasche befunden hatte. Kein Grund also, mich davor zu drücken, gemeinsam mit meinen Männern zum Strand zu gehen, stünden mir nicht gerade tatsächlich Tränen in den Augen. Verflucht, wo kamen die nun bitte her? Ich lehnte den Kopf nach hinten und schloss für einen Moment die Lider. Ich sah uns erneut vor dem großen Spiegel im Showroom stehen, uns gegenseitig bewundernde Blicke zuwerfend, bis Uruhas bekannter und der Schöpfer unserer Outfits zu uns gestoßen war und uns überredet hatte, doch ein Foto zur Erinnerung zu schießen. Besagtes Foto zierte nun den Sperrbildschirm meines Handys und jedes Mal, wenn ich es sah, wusste ich nicht, wie ich mich fühlen sollte. Natürlich verstand ich, was es zu bedeuten hatte, dass wir drei die gleichen Hemden und Krawatten trugen – ein zwar subtiles, aber doch für jeden erkennbares Symbol dafür, dass wir zusammengehörten. Ich war mir sicher, dass Uruha auf diese Idee gekommen war und ich konnte gar nicht sagen, wie sehr ich ihn dafür liebte. Warum also fühlte ich mich gerade so alleingelassen?

 

‚Du wirst sie nicht verlieren, Dummkopf!‘, schalt ich mich in Gedanken.

 

Verdammt, was hätte ich jetzt nicht alles für eine Zigarette gegeben. Noch ein paar Minuten der relativen Ruhe gönnte ich mir, versuchte meine Unsicherheiten wieder dahin zu verbannen, wo sie hingehörten und schaute dann beinahe entsetzt auf meine Armbanduhr, als mir diese mit leuchtenden Ziffern klarzumachen versuchte, dass ich beinahe schon zu spät dran war.

 

Hektisch stieß ich mich von der Wand ab, hastete mit schnellen Schritten erst die Treppe zur Lobby wieder hinunter und dann den Weg, der zum Strand führte. Beinahe hätte ich mich doch noch langgelegt, aber ein beherzter Ausfallschritt, den mir mein Knöchel ein wenig übel nahm, bewahrte mich vor dem Schlimmsten.

Die meisten Gäste hatten sich schon im Pavillon eingefunden, als ich auch endlich am Strand ankam und nur noch der ein oder andere Raucher stand noch davor, während die Band gerade eine klassische Version von Stand By Me zum Besten gab. Uruhas absolutes Lieblingslied. Ich schluckte gegen den Kloß in meiner Kehle an, als mich plötzlich eine wahre Flut an Erinnerungen einholte. Mein bester Freund und ich hatten diesen Film schon so oft gesehen, dass wir die Dialoge schon im Schlaf mitsprechen konnten. Irgendwie war der Song gerade passend.

 

Stand By Me - bleib bei mir.

 

Ich schnaubte und atmete tief durch, um mich nicht nur ins hier und jetzt, sondern auch wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Meine Liebsten würden jeden Moment heiraten und ich hatte ihre Ringe in der Hosentasche. Also wurde es höchste Zeit, dass ich mich zusammenriss und endlich diesen Pavillon betrat, verdammt.

 

So unauffällig wie möglich schlüpfte ich in das Innere, winkte meinen Müttern kurz zu, die ihre Plätze neben Uruhas und Aois Verwandtschaft in den ersten Stuhlreihen gefunden hatten und schritt zügig den Mittelgang entlang. Meine Männer warteten bereits am Ende und auch die Priesterin, die die Zeremonie leiten und meine beiden Liebsten segnen würde, betrat gerade durch einen Seiteneingang die Lokation.

 

Leise entschuldigte ich mich, dass ich so lange gebraucht hatte, bekam von Aoi und Uruha jedoch nur zwei fast identische Lächeln geschenkt, in denen ich ihre Nervosität nur zu deutlich lesen konnte. Es blieb keine Zeit mehr für beruhigende Worte oder Gesten und wenn ich ehrlich war, war ich plötzlich selbst so nervös, dass jeder Versuch in diese Richtung meinerseits die allgemeine Anspannung vermutlich nur noch schlimmer gemacht hätte. Die Band verstummte, dann das leise Murmeln der Gäste, als die Priesterin das Wort an Uruha und Aoi richtete. Ich schluckte und umklammerte die Ringschachtel in meiner Hosentasche so fest, dass die Kanten unangenehm in meine Handfläche drückten. Nun war es also soweit … kein Zurück mehr.

Chapter Text

  1. September 2019 - in einer geschützten Bucht - Ise Shima/ Präfektur Mie

 

Ich war noch immer in seltsamer Stimmung, hatte mich die Hochzeitszeremonie meiner beiden Liebsten doch mehr berührt, als ich es zugeben wollte.

Nun waren sie also verheiratet, ein Paar fürs Leben, Mann und Mann, unzertrennlich.

Ich seufzte und wäre mir beinahe durchs Haar gefahren, hätte mich nicht ein Echo von Uruhas Stimme im letzten Moment davon abgehalten. Mein Süßer würde mir vermutlich eigenhändig den Kopf abreißen, würde ich das Werk des Friseurs zunichtemachen. Immerhin mussten noch diverse Fotos geschossen werden und auch, wenn ich mehrmals protestiert hatte, bestanden meine beiden Sturköpfe doch nach wie vor darauf, dass ich mit ihnen zusammen abgelichtet werden sollte. Irgendwie ja eine süße Geste von ihnen, auch wenn ich mir fast sicher war, dass ich mir fehl am Platz vorkommen würde. Ich seufzte leise und bemerkte erst, dass ich nicht mehr allein auf meinem Felsen am Strand saß, als sich Ruki, bewaffnet mit einem Glas Sekt, neben mich setzte.

 

Anders als erwartet schwieg der Sänger jedoch eine ganze Weile, schaute nur auf die Wellen hinaus und nippte hin und wieder an seinem Getränk. Da genoss wohl noch jemand eine Auszeit von dem ganzen Trubel, den die Hochzeitsfeierlichkeiten zwangsläufig mit sich brachten? Aber mir sollte es recht sein, dachte ich mir und machte ebenfalls keine Anstalten, Konversation zu üben. Das Angenehme an Ruki war, dass man mit ihm auch sehr gut einfach nur schweigen konnte und so zündete ich mir eine weitere Zigarette an, versuchte meine Gedanken einfach treiben zu lassen, ohne ihnen nähere Bedeutung zuzuschreiben, während mir die Sonne auf den Pelz schien.

 

„Na, Rei?“ Rukis Stimme kam dementsprechend unerwartet und riss mich zielsicher aus dem angenehmen Trancezustand, in den mich das Rauschen des Meeres und die Wärme der Sonnenstrahlen die letzten Minuten über versetzt hatten. Leise murrte ich, was gut und gerne auch als wohlwollende Aufforderung gelten konnte, dass der Sänger doch weitersprechen möge. Oder einfach nur als unwilliges Brummen, so fasste es wohl zumindest mein Gegenüber auf, denn sein Grinsen sprach Bände. „Wie fühlst du dich als fünftes Rad am Wagen, jetzt, wo Aoi und Uruha verheiratet sind?“ Der freche Zug um seinen Mund hätte seinen Worten wohl die Schärfe nehmen sollen, aber ich fühlte mich gerade, als hätte er mir einen Schwinger direkt in die Magengrube verpasst. Mir fiel gerade wirklich alles aus dem Gesicht und für einen Augenblick konnte ich nicht anders, als den kleineren Mann nur stumm anzusehen, dann drückte ich meine Kippe im mitgebrachten Aschenbecher aus und erhob mich. Ohne weiter auf Ruki zu reagieren, schritt ich so schnell es mir möglich war über den Sand, wollte einfach nur noch weg von ihm und allem, was seine Worte wieder in mir ausgelöst hatten.

 

„He, Reita!“ Ich hörte das Erstaunen in der Stimme des Sängers und hätte ich mich gerade nicht so aufgewühlt und gekränkt gefühlt, hätte ich mich vielleicht zu ihm umgedreht und so getan, als hätte ich mir mit ihm nur einen Spaß erlaubt. Alles wäre besser gewesen, als mir meine Gefühle jetzt so richtig schön anmerken zu lassen. Aber Ruki hatte einfach genau ins Schwarze getroffen und verflucht, ich war so wütend, weil es so wehtat. „Bleib doch stehen, was ist denn?“

 

Ich wirbelte herum, als ich eine Berührung an meinem Ellenbogen spürte und beinahe hätte ich ausgeholt und dem Mann vor mir, meinem Freund seit Jahren, ins Gesicht geschlagen. Im letzten Moment konnte ich mich zum Glück jedoch zurückhalten, sah aber in Rukis weit aufgerissenen Augen, dass er haargenau wusste, wie brenzlig die Situation gerade gewesen war. „Mensch, Reita“, sagte er und hob beschwichtigend beide Hände, „hab ich was Falsches gesagt?“

 

„Du sagst nie das Richtige, das solltest du mittlerweile doch wissen“, gab ich leise seufzend von mir und fuhr mir übers Gesicht, als die Wut so schnell verschwand, wie sie eben aufgetaucht war. Ruki konnte nun wirklich nichts dafür, dass sich meine Gefühlswelt gerade anstellte, als wäre ich wieder mitten in der Pubertät.  

 

„Na schönen Schrank auch.“ Murrend verschränkte der Sänger die Arme vor der Brust und funkelte mich aus zu Schlitzen verengten Augen finster an. „Raus mit der Sprache“, forderte er, nun da er wohl sicher war, dass von mir keine Gefahr mehr ausging. „Das gerade eben war nur ein Witz, das solltest sogar du gemerkt haben. Was also hat dich so auf die Palme gebracht?“

 

„Nichts.“ Ich schüttelte den Kopf und wandte mich wieder zum Gehen. „Nichts, was ich hier und jetzt diskutieren will.“

 

„Du bist ein elender Sturkopf“, maulte Ruki und ging neben mir her. „Stimmt was mit Aoi und Uruha nicht? Habt ihr euch gestritten?“

 

„Was an: ‚ich will jetzt nicht darüber reden‘, verstehst du eigentlich nicht?“

 

„Alles“, brauste der andere nun auf und funkelte mich von der Seite her zornig an. „Was wäre ich bitte für ein Freund, wenn ich dich an der Hochzeit deiner Partner im Selbstmitleid ertrinken lasse?“

 

Und wieder ein Schwinger dahin, wo es richtig schön wehtat. Ruki hatte heute echt ordentlich Zielwasser getrunken, was? Aber anders, als gerade eben noch, stieg nun nicht Wut in mir hoch, sondern die Erkenntnis, dass der abgebrochene Gartenzwerg schlicht und einfach recht hatte. Für einen langen Moment sah ich ihn nur an, dann lachte ich, über mich selbst genervt, leise auf.

 

„Ruki, eines muss ich dir lassen.“ Ein etwas zerknirschtes Schmunzeln schlich sich auf meine Lippen und ich wuschelte ihm unter Protest durch die Haare, bevor ich weitersprach. „Manchmal bist du schlauer, als ich dir zutraue.“ Mit diesen Worten beschleunigte ich meine Schritte und rief ihm über die Schulter noch zu, dass ich zu spät für die Hochzeitsfotos kommen würde, wenn ich mich jetzt nicht beeilte.

 

„A~harsch!“, rief der Sänger mir noch lauthals hinterher, was ich lediglich mit einer gehobenen Hand erwiderte. Ich würde es im Leben nicht zugeben, aber der Minispringteufel hatte wirklich recht. Wie kam ich bitte dazu, an der Hochzeit meiner beiden Liebsten im Selbstmitleid zu versinken? Welchen Grund hatte ich bitteschön dafür? Nur, weil mir ständig gesagt wurde, dass ich mich schlecht fühlen sollte, weil die beiden Menschen, die ich über alles liebte, heiraten wollten oder besser gesagt, jetzt verheiratet waren, hieß das doch nicht, dass es mir wirklich schlechtgehen musste, verdammt! Ich freute mich für Uruha und Aoi und gerade meine beiden Männer waren die Letzten, die mir das Gefühl gaben, nicht dazuzugehören. Nur, weil die Gesellschaft sich eine Beziehung wie die unsere nicht vorstellen konnte, musste das ja nicht zwangsläufig heißen, dass sie nicht funktionieren konnte, oder? Oder? Ich schüttelte den Kopf, als erneut Zweifel in mir hochsteigen wollten. Nichts da, die hatten hier nun wirklich nichts mehr zu suchen.

 

Als ich am Fotozelt ankam, das wie eine Miniaturausgabe des großen Pavillons aussah, in dem die Zeremonie stattgefunden hatte und wo nun nach und nach das üppige Buffet aufgebaut wurde, bemerkte ich, dass ich doch noch nicht zu spät für die Aufnahmen war. Da hatte ich wohl nicht so lange am Meer verbracht, wie ich angenommen hatte. Aber mir sollte das recht sein, dann konnte ich mir wenigstens noch etwas zu trinken organisieren.

 

Mit einer herrlich eisgekühlten Cola bewaffnet stürzte ich mich also in den Trubel der Gäste und hielt nebenbei nach meinen beiden Männern Ausschau, die seltsam auffällig mit Abwesenheit glänzten. Wo sie wohl abgeblieben waren?

 

„Saga, halt mich fest, der Anblick ist zu viel für meine Nerven“, hörte ich da plötzlich eine mir nur allzu vertraute Stimme von der Seite und ein Blick in die Richtung zeigte mir, dass sich dort fast komplett A9 vor dem Buffet versammelt hatten und wie die Geier auf all die Leckereien lauerten, die von der Küchen-Crew gerade hereingebracht und aufgebaut wurden. „Was für eine Erscheinung“, redete Tora in übertriebenem Tonfall weiter und legte sich theatralisch den Handrücken gegen die Stirn, als würde er jeden Moment in Ohnmacht fallen. „Wer bist du und was hast du mit Reita, dem alten Nichtsnutz, angestellt?“ Heiteres Gelächter folgte seinen Worten, das nur noch lauter wurde, als ich auf ihn zu geschritten kam und ihm angedeutet einen Kinnhaken verpasste.

 

„Aufpassen, Kleiner, sonst fliegst du von der Party.“

 

„Kleiner, hu?“ Tora straffte die Schultern und richtete sich zu seiner vollen Größe auf, die zu meiner ewigen Schande deutlich eindrucksvoller als meine eigenen 1,72 Meter war. Aber ein gezielter stoß in den Magen ließ den großen Gitarristen wie einen Luftballon, dem man die Luft ausgelassen hatte, wieder in sich zusammensacken.

 

„Uch …“, machte er, rieb sich über den Bauch und kassierte von mir nur ein übertriebenes Augenrollen, seiner Theatralik wegen.

 

„Innere Größe, Tora. Etwas, was du nie besitzen wirst.“ Nun lachte ich mit den anderen, als er mir beleidigt die Zunge herausstreckte. „Na, seid ihr zufrieden mit der Show hier? Braucht ihr was?“

 

„Essen!“, jammerte Hiroto und hielt sich den Bauch.

 

Ich hatte gerade den Mund geöffnet, um meinem Gegenüber mitzuteilen, dass er die fünf Minuten ja wohl noch warten konnte, da legte sich eine Hand auf meine Schulter und warme Lippen küssten mein Ohr.

 

„Na du? Wo warst du die ganze Zeit?“ Aois tiefe Stimme floss wie zäher Honig über meinen Rücken und ließ eine wohlige Gänsehaut folgen.

 

„Am Meer“, murmelte ich, „Ich brauchte ein paar Minuten Auszeit von all dem Tumult hier.“

 

„Verständlich.“ Aois Arm schlängelte sich hinter meinem Rücken vorbei und legte sich auf meine Hüfte, während er an meine Seite trat. Auch, wenn die vorherrschenden Temperaturen nicht gerade zum Kuscheln einluden, genoss ich die Nähe zu meinem Schatz doch in vollen Zügen.

Eine ganze Weile unterhielten wir uns und bedienten uns nebenbei am Buffet, als es endlich vom Küchenchef eröffnet wurde, bis ich irgendwann fragend zu meinem Schatz hinübersah.

 

„Du sag mal, wo ist Uruha denn eigentlich abgeblieben?“

 

„Der ist vorhin aufs Zimmer gegangen, wollte sich ein wenig ausruhen.“

 

„O je, plagen ihn schon wieder Kopfschmerzen?“

 

„Ja.“ Aoi nickte. „Aber er hat schon was genommen, sollte hoffentlich bald besser sein.“

 

Besorgt legte ich die Stirn in Falten. Es war mir zwar nicht neu, dass mein armer Uruha des Öfteren von Kopfschmerzen geplagt wurde, aber dass sie ihn ausgerechnet am schönsten Tag seines Lebens einholten, war wirklich ungerecht.

 

„Ich geh mal nach ihm sehen, okay?“, murmelte ich und ließ meinen Blick über das große Buffet gleiten. Und tatsächlich, dort hinten standen dutzende Gläser mit frischem Obstsaft, genau das Richtige. „Manchmal tut ihm frischgepresster Orangensaft gut. Am besten nehm ich ihm mal einen mit, vielleicht kann er ihn ja vertragen.“

 

„Oh, das ist eine gute Idee.“ Aoi drückte mir einen sanften Kuss auf die Lippen und schenkte mir ein so liebevolles Lächeln, dass mir ganz warm ums Herz wurde. „Und falls es ihm doch noch nicht besser geht, schick mir kurz ‚ne Nachricht, ja? Dann kann ich dem Fotografen Bescheid geben.“

 

„Mach ich.“

 

~*~

 

Ich hatte ja damit gerechnet, dass mich in unserer Suite schummrige Dunkelheit begrüßen würde, denn grelles Sonnenlicht war genau wie laute Geräusche etwas, was Uruha nur schwer ertragen konnte, wenn die Kopfschmerzen mal wieder zuschlugen. Aber die Vorhänge waren nur halb zugezogen und mein süßer lag auch nicht wie befürchtet ausgeknockt im Bett, sondern saß in einem der unglaublich bequemen Korbsessel und ließ sich die angenehm frische Brise um die Nase wehen, die vom Meer her durch die geöffnete Balkontür kam.

 

„Hey, geht es dir wieder besser?“ Mein Süßer sah auf, hatte mich wohl jetzt erst bemerkt und lächelte mich an. Ein kleines, in rotes Leder gebundenes Buch lag auf seinem Schoß und den Stift in seiner Hand hielt er so, als hätte er gerade noch darin geschrieben.

 

„Ja, die Tabletten haben diesmal echt gut geholfen. Ich wär auch gleich wieder runtergekommen, wollte nur noch was fertig schreiben.“ Lächelnd ging ich auf ihn zu, streichelte ihm ganz leicht nur über die Haare und küsste seine Stirn.

 

„Solltest du deinem Kopf und vor allem deinen Augen dann nicht lieber noch etwas Ruhe gönnen, statt in dein Tagebuch zu schreiben?“ Ich legte nachdenklich die Stirn in Falten, unterließ es aber, auf die beschriebenen Seiten zu sehen. „Was ist so wichtig, dass du es ausgerechnet jetzt aufschreiben musst?“

 

„Alles“, erwiderte mein bester Freund, zuckte mit den Schultern und lehnte seine Stirn dann gegen meinen Bauch. „Ich hab Angst, was zu vergessen, Rei. Was, wenn ich in fünf oder zehn Jahren nicht mehr weiß, wie schön Aoi aussah, als ich ‚ja‘ gesagt habe? Oder wie gut du mir in diesem Anzug gefallen hast? Ach verdammt, ich will mich selbst daran erinnern können, dass die Erdbeer-Sahne-Torte einfach nur super gut bei allen Gästen angekommen ist, obwohl mir der Konditor im Vorfeld davon abgeraten hat, weil es angeblich nicht üblich sei, Früchte in einer Hochzeitstorte zu haben. Pfff.“ Uruha zog eine Schnute, bevor er mich von unten herauf mit großen Augen ansah. „Ich will einfach nichts von heute vergessen, gar nichts. Verstehst du das?“

 

Während Uruhas kleinem Redeschwall hatte ich beide Arme um seine Schultern gelegt, immer darauf achtend, dass ich das Glas mit Orangensaft nicht aus Versehen über ihn schütten würde. Ein kleiner Teil in mir war erstaunt darüber, wie aufgewühlt er gerade war und wie nahe ihm das Thema ging, ein viel größerer Teil verstand ihn jedoch. Uruha hatte schon immer das Glück mit aller Macht und beiden Händen festhalten wollen und fürchtete kaum etwas mehr, als dass es ihm irgendwann einmal durch die Finger rinnen könnte.

 

„Hey“, murmelte ich und küsste seinen Scheitel. „Du wirst nichts vergessen, glaub mir. Und selbst wenn du in einigen Jahren nicht mehr alle Kleinigkeiten weißt, dann gibt es Mittel und Wege, dir die Erinnerungen wieder ins Gedächtnis zu rufen.“ Seine warmen, braunen Augen blickten mich so hoffnungsvoll an, dass mir die Kehle für einen Moment eng zu werden schien. „Wir haben fünf Leute, die alles nur Erdenkliche filmen. Wir haben Fotografen, die vermutlich mehr Bilder schießen werden, als wir jemals am Stück ansehen können.“ Ich lächelte auf ihn herab und begann durch sein Haar zu kraulen. „Und im Zweifel haben wir noch Tomo und meine Ma. Die beiden haben ein Gedächtnis wie Elefanten, wenn es darauf ankommt.“ Ich lachte und auch die Mundwinkel meines besten Freundes hoben sich zu einem kleinen Lächeln. „Du solltest dich also lieber wieder unter die Gäste mischen und die Party genießen, meinst du nicht? Außerdem vermisst Aoi dich schon und die Fotos müssen auch noch gemacht werden, wenn ich dir in meinem Anzug schon so gut gefalle.“ Uruha streckte mir die Zunge heraus, seufzte dann aber durchaus angetan, als ich sie frech mit den Lippen einfing und ihn küsste.

 

„Du hast recht“, murmelte er und leckte sich über die Lippen, nachdem ich mich von ihm gelöst hatte. Ich hockte mich neben ihn auf die Lehne des Sessels und grinste, als seine Aufmerksamkeit auf das fiel, was ich schon die ganze Zeit über in der Hand hielt. „Ist das für mich?“

 

„Ja, vorausgesetzt du verträgst ihn vom Magen her jetzt schon.“

 

„Mmmh, ich denke schon.“ Jetzt strahlten mich Uruhas Augen regelrecht an, als er nach dem Glas griff, kurz daran schnupperte und dann einen großen Schluck trank. „Frisch gepresster Orangensaft. Du weißt wirklich, was mir guttut.“ Noch einmal schenkte er mir einen kleinen Kuss, der die frische Süße der Orangen mit sich brachte, bevor er seine Stirn in einer liebevoll vertrauten Geste gegen meine lehnte. „Und damit meine ich nicht nur diese Leckerei hier. Danke, Rei, ehrlich.“

 

~*~

 

Wenn ich gedacht hatte, durch meinen Job als Musiker ausreichend Erfahrung und Routine in Sachen Fotoshoots mitzubringen, hatte ich mich aber ordentlich getäuscht. Entweder war der Fotograf, der uns von der Hochzeitsagentur empfohlen worden war, ein besonders penibles Exemplar oder ich begriff einfach nicht, worauf er hinauswollte. Oder – und dieser Gedanke ließ meinen Magen schmerzhaft verkrampfen – auch Takahashi gehörte zu den Leuten, die einfach nicht in der Lage waren zu begreifen, dass auch mehr als zwei Menschen sich lieben und in einer Beziehung leben konnten. Ich seufzte und erhob mich von dem Stuhl, den er seitlich zu dem Sofa, auf dem Uruha und Aoi saßen, aufgestellt hatte und der so deplatziert wirkte, wie ich mich gerade fühlte.

 

„Darf ich ehrlich sein?“, fragte ich in die Runde, fixierte aber meine beiden Liebsten, immerhin wollte ich ihnen gerade heute den Tag nicht verderben, wenn ich mich jetzt querstellte. Uruha nickte und Aoi sah tatsächlich selbst so aus, als hätte ihn nur noch seine Höflichkeit davon abgehalten, den Fotografen mal ernsthaft danach zu fragen, was er mit seinen seltsamen Anweisungen eigentlich bezweckte. Denn auf wirklich jedem Bild verfrachtete mich Takahashi auffällig unauffällig irgendwo an den Rand, als würde er nur darauf warten, mich hinterher aus dem Foto heraus retuschieren zu können. „So wird das nix. Ich bin dafür, wir machen das auf unsere Art und Takahashi-san drückt einfach nur auf den Auslöser.“

 

„Oh ja, das ist eine wirklich gute Idee“, meinte Uruha, erhob sich und ging auf mich zu, um mir einen kurzen Kuss auf die Lippen zu drücken. „Bevor ich hier noch die Geduld verliere und Blut fließt.“ Die letzten Worte hatte er so leise gesprochen, dass nur ich ihn verstehen konnte und nicht zuletzt deswegen zauberten sie mir ein breites Grinsen ins Gesicht.

 

„Das können wir ja wirklich nicht verantworten. Stell dir mal vor, wir müssten dich an deinem Hochzeitstag irgendwie noch aus dem Gefängnis befreien.“

 

„Dann wäre es zumindest ein wirklich unvergesslicher Tag geworden“, warf Aoi ein, der sich nach kurzer Unterredung mit dem Fotografen nun zu uns gesellt hatte. „Takahashi-san ist übrigens mit unserem Vorschlag einverstanden“, informierte er uns mit einem etwas fies wirkenden Zug um den Mund. „Eine kleine Erinnerung daran, wer hier seinen Stundenlohn bezahlt, hat wahre Wunder gewirkt.“

 

„Mein Held“, scherzte ich und sah von ihm zu Uruha. „Ich denke, dieser Tag ist jetzt schon unvergesslich, auch ohne Blutvergießen, meint ihr nicht auch?“ Ich grinste meine Männer an und hob dann fragend eine Augenbraue. „Also, wie wollen wir das jetzt machen?“

 

Aoi hatte die erste Idee für ein Foto und nachdem er sie uns mit kurzen Worten erzählt hatte, nahmen wir unsere Positionen ein. Ich setzte mich auf das blau gemusterte Zweisitzer-Sofa, das vom Design her beinahe wie ein überdimensionierter Thron wirkte und Uruha legte sich so gut es ging hin, den Kopf auf meinem Schoß und die langen Beine halb über die Lehne baumelnd. Grinsend streichelte ich ihm durchs Haar, brachte es nur ein bisschen durcheinander, während sich Aoi hinter das Möbel stellte, eine Hand auf der Rückenlehne und eine auf meiner Schulter. Ja, doch, das fühlte sich doch schon weitaus mehr nach einem Foto an, das ich mir später auch gern mal ansehen würde.

 

Für das nächste Foto tauschten Aoi und ich die Plätze und Uruha setzte sich neben unseren Schatz. Ich sollte die Unterarme auf die Rückenlehne stützen und mich leicht nach vorne beugen. Kaum hatte ich das getan, fühlte ich erst Aois Lippen an meiner rechten, dann Uruhas an meiner linken Wange. Ich konnte nicht anders und lachte, genau, als das Klicken des Auslösers ertönte.

 

Danach quetschten wir uns lachend zu dritt auf die Couch, was zwar ein bisschen eng, aber doch irgendwie gemütlich war. Aoi saß in der Mitte, hatte je einen Arm um meine und Uruhas Schultern gelegt und wenn man mich fragte, brauchte es von seiner Seite aus nicht viel schauspielerisches Talent, um dieses vollends zufriedene und vielleicht ein klein bisschen überhebliche Lächeln auf seine Lippen zu zaubern. Nachdem der Auslöser geklickt hatte, sah ich zu ihm auf und konnte nicht anders, als leise zu seufzen.

 

„Du weißt gar nicht, was du mit mir anstellst, wenn du so guckst, oder?“ Wenn möglich, wurde Aois Gesichtsausdruck noch selbstzufriedener, obwohl ich dachte, dass das gar nicht mehr möglich sei.

 

„Mh, ich hab da eine vage Ahnung, aber du kannst mir später gern näher erzählen, was genau ich in dir auslöse.“

 

„He~!“ Uruha lachte und pikste unseren Schatz in die Seite. „Hört auf, ohne mich zu flirten.“

 

„Wir flirten doch gar nicht, oder Rei?“

 

„Nie im Leben.“

 

~*~

 

Die Sonne stand bereits als roter Feuerball tief am Horizont und es wirkte beinahe so, als wolle das Meer sie mit seinen Wellen berühren, als ich endlich die Zeit fand, mir nochmal etwas vom Buffet zu holen. Mittlerweile hing mir der Magen wirklich in den Kniekehlen, aber abgesehen von dieser unbedeutenden Befindlichkeit fühlte ich mich gerade pudelwohl. Die Bilder waren, nach unserer kleinen Intervention, wirklich schön geworden und ein sehr, sehr sentimentaler Teil in mir grübelte schon die ganze Zeit darüber nach, wo in unserer Wohnung noch ausreichend Platz war, um wirklich jedes einzelne von ihnen aufhängen zu können. Ich bedankte mich bei der Köchin hinter der Grillstation, die mir gerade den Hummer, ein besonders schönes und vor allem großes Exemplar, auf den Teller gelegt hatte und wollte mich auf den Weg zu meinen Männern machen, da stellte sich mir jemand in den Weg. Jemand, mit dem ich bislang vielleicht gerade einmal fünf Sätze gewechselt hatte, den ich aber Dank Aois Erzählungen mehr als gut kannte. Und wenn ich ehrlich war, hätte ich gerade heute wirklich darauf verzichten können, mich näher mit ihm beschäftigen zu müssen. Innerlich seufzte ich, ließ mir äußerlich aber nicht anmerken, dass ich gerade lieber weit, weit weg gewesen wäre.

 

„Onkel Shinichi“, sprach ich ihn an und provozierte ihn nicht nur mit dieser viel zu vertrauten Anrede, sondern auch mit einem eindeutig nicht ernst gemeinten Lächeln auf den Lippen. Aber so wie der rotnasige Mittfünfziger mich aus seinen kleinen und vom Alkohol geröteten Augen anfunkelte, war er ohnehin auf Krawall gebürstet.

 

„Du …, raunzte er mich an und es hätte mich nicht gewundert, wenn er angewidert ausgespuckt hätte, so viel Abneigung schwang in der lallenden Stimme mit. Am liebsten hätte ich einen Schritt zurück gemacht, als mich seine Alkoholfahne mit voller Wucht im Gesicht traf, allerdings war ich zu stur, um mir diese Blöße wirklich zu geben. „Genau so ein Spinner, wie mein Nichtsnutz von Neffe. Männer, die Männer heiraten, pah! Keinen Respekt vor der Gesellschaft. Und da soll man auf dieser stumpfsinnigen Veranstaltung auch noch einen auf Friede, Freude, Eierkuchen machen.“

 

„Um freien Alkohol abzustauben, scheint diese ‚stumpfsinnige Veranstaltung‘ aber schon gut genug zu sein“, knurrte ich, aber Aois Onkel schien sich in Rage geredet und mich gar nicht gehört zu haben.

 

„Man hätte dem Jungen nicht immer alles durchgehen lassen sollen, aber wer hört schon auf mich? Den Arsch hätte man ihm versohlen sollen.“

 

Meine Hand, die den Teller vom Buffet noch immer hielt, verkrampfte sich, während die andere sich schon zu einer Faust geballt hatte, ohne, dass ich es wirklich mitbekommen hatte. Wie gern würde ich diesem Schwein jetzt eine reinwürgen. Nur noch ein Wort. Ein Wort gegen Aoi und ich würde ihm zeigen, wer hier eine Abreibung verdient hatte.

 

„Was genau hast du eigentlich mit den beiden zu schaffen?“

 

Okay, diese Frage war dann doch so aus der Luft gegriffen, dass ich für den Moment nicht wusste, wie ich antworten sollte. Einige Sekunden verstrichen, in denen ich mich mit aller Macht davon abhalten musste, jetzt tatsächlich eine Dummheit zu begehen und als ich gerade den Mund zum Sprechen öffnen wollte, hörte ich Aois Stimme hinter mir.

 

„Onkel.“

 

Die Besorgnis war ihm nur zu deutlich anzuhören, auch wenn ich mir fast sicher war, dass diese weniger seinem Onkel, als vielmehr mir galt. Innerlich lächelte ich, ob dieser süßen, wenn auch nicht ganz unberechtigten Geste. Immerhin war Shinichi gefühlt doppelt so schwer wie ich und dank des Alkohols ziemlich aggressiv. Kurz warf ich einen Blick über meine Schulter nach hinten, erkannte, dass auch Uruha sich mit etwas Abstand zu uns gesellt hatte und zwinkerte den beiden zu. Die Anwesenheit meiner beiden Männer war wie ein Aha-Moment und plötzlich wusste ich, wie ich auf Shinichis kränkende Worte reagieren würde. Nicht damit, ihm in die versoffene Fresse zu schlagen, nein, das wäre viel zu einfach gewesen. Ungesehen von meinem Gegenüber streckte ich die Hand nach hinten aus, bis ich Aois mit den Fingern umschließen konnte. Sanft drückte ich zu und zeigte ihm so, dass ich die Situation unter Kontrolle hatte.

 

„Was ich mit den beiden zu schaffen habe?“, widerholte ich die Frage, um die Aufmerksamkeit von Aois Onkel wieder auf mich zu lenken und beugte mich ein wenig vor, ganz so, als würde ich ihm ein Geheimnis erzählen. „Ich bin ihr lebendiges, kleines Sexspielzeug“, raunte ich verschwörerisch und musste mir ein Lachen verkneifen, als Shinichis Augen urplötzlich kugelrund wurden. „Normalerweise verbringe ich die Tage ja an ihr Bett gefesselt und warte darauf, bis sie nach Hause kommen, um sich um mich … zu kümmern.“ Jetzt musste ich doch grinsen, als der Betrunkene mir gegenüber sich an seiner eigenen Spucke verschluckte und röchelnd husten musste. Ich wartete, bis er sich wieder beruhigt hatte, hatte derweilen meine Hand aus Aois Griff befreit, um seinem Onkel übertrieben hilfsbereit auf den breiten Rücken zu klopfen. „Aber heute haben die beiden mich mitgenommen, lieb von ihnen, nicht wahr?“ Shinichi schien von dem, was ich ihm zu berichten hatte, so entsetzt zu sein, dass er nur zustimmend nickte und kein Wort mehr herausbrachte. „Ja, finde ich auch. Und darum gehen wir jetzt was essen, damit meine Meister nachher gestärkt genug sind, um …“

 

„Argh! Das … das muss ich mir nicht länger anhören, eine Frechheit ist das!“, rief der Ältere aus, fuchtelte abwehrend mit den Händen und dampfte dann, halblaute Beschimpfungen in seinen nicht vorhandenen Bart murmelnd, davon. Einen Moment geschah gar nichts, dann hörte ich Uruhas fast schon hysterisches Lachen hinter mir.

 

„Oh mein Gott, wo ist eine Filmkamera, wenn man eine braucht? Das war grandios, Rei!“

 

„Uff.“ Ein überrumpelter Laut kam mir über die Lippen, als ich plötzlich Arme um meine Mitte spürte, die mich so festhielten, dass ich kaum noch Luft holen konnte. „Ist ja gut, Ducky, ich muss atmen, um leben zu können“, röchelte ich und warf Aoi einen dankbaren Blick zu, der heldenhaft nach meinem Teller gegriffen hatte. Bei so viel überschwänglicher Freude hätte ich meine Auswahl vom Buffet nämlich beinahe auf dem sandigen Boden verteilt.

 

„Ich kann dir gar nicht sagen, wie stolz ich gerade auf dich bin.“ Uruhas Arme verschwanden kurz, nur damit er schnell um mich herum gehen konnte und mir einen Kuss auf die Lippen drücken. „Endlich färbt meine verbale Schlagfertigkeit auf dich ab, lange genug hat's gedauert.“

 

„He~. Sei mal nicht gar so nett zu mir, sonst gewöhne ich mich womöglich noch dran“, beschwerte ich mich, musste aber gleichzeitig lachen und schlang einen Arm erst um Uruhas Taille, dann um Aois. „Los jetzt, gehen wir endlich was essen, bevor ich noch verhungere.“

 

Erst, als wir uns ein freies Plätzchen gesucht und uns gesetzt hatten, spürte ich, dass ich doch tatsächlich zitterte. Adrenalin war schon was Feines, aber musste es den Körper immer so durcheinander bringen, wenn es abflaute? Dankbar griff ich nach dem Bier, das Uruha von irgendwo hergezaubert hatte und trank erst einmal einen großen Schluck.

 

„So ein Arsch“, schnaubte ich kopfschüttelnd und schaute Aoi ins Gesicht, der die letzten Augenblicke über eigenartig still geworden war. „Ich hoffe, ich hab dich mit meinem kleinen Stunt gerade eben nicht irgendwie in familiäre Schwierigkeiten gebracht?“

 

„Nein, alles gut“, Aoi lächelte, wenn auch etwas gequält und griff über den Tisch hinweg nach meiner Hand. „Selbst, wenn du ihm die Nase blutig geschlagen hättest, hättest du dazu jedes Recht gehabt. Es … es tut mir nur leid, dass das gerade so ausgeartet ist. Ich weiß schon, warum ich ihn nicht einladen wollte. Aber nein, die Familie ist ja heilig und all dieser Mist.“

 

„Hey, schon okay.“ Ich lächelte und hob seine Hand an meine Lippen, um einen langen Kuss auf seine Fingerknöchel drücken zu können. „Ich glaube zwar nicht, das meine Worte so viel Eindruck hinterlassen werden, dass Shinichi sich nächstes Mal besser überlegt, ob er seine Klappe aufmacht, aber immerhin … Du musst zugeben, sein Gesicht war Gold wert.“

 

Einen Moment erwiderte Aoi meinen Blick nur stumm, dann zuckten seine Mundwinkel, bis er schließlich heiter Lachte und sich sogar über die Augen wischen musste.

 

„Du hast recht. Himmel Rei, hast du gesehen, wie er dich angeschaut hat?“

 

„Ja, war ja nicht zu übersehen.“ Ich machte große Augen und öffnete und schloss meinen Mund, wie ein Fisch auf dem Trockenen. „Das muss ich mir nicht anhören!“, zeterte ich, in einer nicht ganz optimalen Parodie von Shinichis lallender Stimme, aber es schien zu genügen, um meine Männer in einen erneuten Lachanfall zu stürzen. Ich grinste und lehnte mich gegen Uruha, der einen Arm um meine Schultern gelegt hatte. „Also bin ich ein guter Schüler, ja?“, griff ich seine Worte von vorhin noch einmal auf, küsste seinen Kiefer und schaute ihn von unten herauf verschmitzt an.

 

„Mh“, brummte er überlegend, „nicht immer der gelehrigste Schüler, aber das ist ja nichts, was dein Meister nicht ändern könnte.“ Wieder grinste er, während Aoi beinahe das Bier über den Tisch gespuckt hätte, weil er erneut prustend lachen musste.

 

„Ich glaub, der Satz ‚meine beiden Meister‘ hat ihm wirklich den Rest gegeben“, gluckste er.

 

„Mich hat der ja mehr auf gewisse … andere Ideen gebracht“, meinte Uruha.

 

„Jetzt wird’s interessant.“ Ich grinste und Aoi lehnte sich näher über den Tisch, um unseren Schatz bestimmt so neugierig anzusehen, wie auch ich es tat.

 

„Na ja …“, machte er und genoss es sichtlich, unsere volle Aufmerksamkeit zu haben. „Unsere Hochzeitsnacht und mein gelehriger Schüler hier, hübsch verschnürt und nur darauf wartend, von uns verwöhnt zu werden … Was meinst du, Aoi? Klingt das nicht nach etwas, was wir heute unbedingt noch machen sollten?“ “

 

Himmel, ich liebte es, wenn Uruha so redete und den vorfreudigen Ausdruck in seinen schönen Augen liebte ich noch viel mehr. Aber Aois zustimmendes Brummen und das schiefe Lächeln auf seinen Lippen waren es, die mir eine wohlige Gänsehaut über den Rücken schickten.

 

„Uruha, ich muss schon sagen, du hast wirklich immer die besten Ideen. Schade nur“, meinte Aoi und streichelte mir kurz über die Wange, bevor er sich weiter zu mir beugte, um mir einen sanften Kuss auf die Lippen zu hauchen, „dass wir nicht zu Hause, sondern in einem Hotelzimmer sind.“

 

„Ja …“ Ich schluckte schwer und konnte den Blick gar nicht von meinen Männern lassen. „Das ist wirklich schade.“

 

„Ach Jungs“, tadelte Uruha und schnalzte mit der Zunge. „Wie lange kennt ihr mich jetzt schon?“ Er hob eine Augenbraue und verdammt, wie konnte ein derart überheblicher Blick nur so sexy sein? „Ihr solltet mittlerweile doch wissen, dass ich immer, wirklich immer, vorbereitet reise.“

Chapter Text

25. Oktober 2019 – Kii-Mountains, südlich von Tokyo

 

Kaum gezügelte Lust prickelte durch meine Adern, als wir das Ryokan wieder betraten. Unser Weg zurück durch die herbstliche Idylle war eine verschwommene Erinnerung an leidenschaftliche Küsse, zärtliche Berührungen und meiner unbändigen Gier danach, meinen Männern noch viel, viel näher sein zu wollen. Ich schwelgte regelrecht in meinem körperlichen Verlangen nach ihnen, das jeden Gedanken an meine Sorgen und Ängste so zielsicher aus meinem Kopf vertrieb, bis nur noch Platz für sie und die tiefen Gefühle war, die ich für sie empfand.

Der kurze Moment, in dem wir uns benehmen mussten, während wir vom Eingangsbereich des Gasthauses zu unserem Zimmer gingen, kam mir wie eine nicht enden wollende Ewigkeit vor, die ich kaum ertragen konnte. Aoi verbarg meine gefesselten Hände so gut es ging hinter seinem Rücken und Uruha ging so nahe hinter mir, dass auch von dort aus keiner der Angestellten meinen nicht ganz so üblichen zustand würde erkennen können. Kaum waren wir im Zimmer angelangt, spürte ich Uruhas Arme um meine Mitte und Aois Lippen, die mich erneut in einen innigen Kuss verstrickten. Ich schloss die Augen, gab mich hilflos den tiefen Empfindungen hin, die nun mein ganzes Sein in Beschlag nahmen. Wie lange wir uns küssten, konnte ich hinterher nicht mehr sagen, aber ich protestierte leise, als sich Aoi schlussendlich wieder von mir zurückzog und mich anlächelte.

 

„Weißt du, woran mich das hier …“ Er tippte auf den Schal, der noch immer meine Handgelenke fixierte, „… erinnert?“ Ich schüttelte den Kopf und erschauerte, als Uruha erneut hauchzarte Küsse auf der empfindlichen Haut meines Nackens verteilte.

 

„Nicht?“, raunte mein bester Freund und seine Stimme, in der ich ein Echo meiner eigenen Erregung nur zu deutlich hören konnte, jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken. „Also ich glaube, ich weiß, worauf Aoi hinaus will.“

 

„Mh.“ Aoi grinste und haschte über meine Schulter hinweg nach Uruhas Lippen, küsste ihn tief und innig. „Du kennst mich einfach viel zu gut, aber ja, ich glaube auch, dass du es weißt. Und, Reita, hast du schon eine Vermutung?“

 

„Glaubst du wirklich, ich kann jetzt noch denken?“, scherzte ich und lehnte mich etwas nach hinten, bis nun ich es war, der Uruhas Hals mit Küssen übersähen konnte. „Aber das macht nichts. Ich will sowieso nicht mehr denken.“ Ich schloss die Augen und seufzte leise. „Macht, dass ich nicht mehr denken muss, okay?“

 

~*~

 

Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen, als ich Finger auf meiner nackten Brust fühlte, die wohl all die Male nachzeichneten, die meine Männer dort hinterlassen hatten. Und tatsächlich, als ich noch immer schwer atmend und blinzelnd die Lider hob, sah ich in Uruhas schönes Gesicht. Seine Augen strahlten mich regelrecht an und die noch immer vorhandene röte auf seinen Wangen war ein untrüglicher Beweis dafür, was wir bis vor wenigen Minuten hier so alles getrieben hatten. Gut, dass Aoi noch so geistesgegenwärtig gewesen war und das Schild, auf dem in hübscher Kaligrafie ‚Bitte nicht stören‘ geschrieben stand, vor die Schiebetür gestellt hatte. Man musste ja wenigstens den Schein waren, auch wenn jeder im Ryokan vermutlich wusste, was wir die letzte Zeit über so alles angestellt hatten. Mein bester Freund konnte nicht gerade als leise bezeichnet werden, wenn er sich in seiner Lust verlor und mir war es dank seiner und Aois vereinten Bemühungen nicht viel anders gegangen. Aber gut, wir zahlten immerhin auch gutes Geld für exklusiven Service, worunter sicherlich auch unsere ungestörte Privatsphäre fiel.

Mein Lächeln weitete sich zu einem zufriedenen Grinsen aus, dann stemmte ich mich leicht nach oben, um Uruha einen kleinen Kuss auf die Nasenspitze zu tupfen. Zur Revanche strich er mir meine verschwitzten Ponyfransen aus der Stirn und Aoi, der sich an meine Seite gekuschelt hatte, verstärkte den Halt seines Armes um meine Mitte.

 

„Ich bin fix und alle“, gab ich zu, musste über meine Worte jedoch selbst leise lachen und legte mich wieder zurück auf den weichen Futon.

 

„Och“, machte Uruha und ließ dabei keinen Zweifel, dass sich sein Mitleid für mich doch sehr in Grenzen hielt. „Und da dachte ich, du wolltest es ‚schneller, härter und oh Himmel ja, macht weiter!‘ Oder hab ich mich da verhört, Aoi?“

 

„Nein, ich hab dasselbe gehört.“ Aoi hob kurz den Kopf, zwinkerte mir zu und machte es sich dann wieder so halb auf meiner Brust liegend bequem.

 

„Hey, von mir hört ihr keine Beschwerden.“ Ich streckte mich und spürte meinen Muskeln nach, die sich herrlich gefordert und ausgelaugt anfühlten. „Ich wollte damit nur klarstellen, dass jegliche körperliche Anstrengungen meinerseits auf morgen verschoben werden müssen.“

 

„Damit kann ich leben“, brummte Aoi und hörte sich so an, als wäre er ohnehin kurz davor, einfach einzuschlafen.

 

„Mhmh, ich auch.“ Uruha streckte sich und machte es sich dann an meiner anderen Seite bequem. „Und weißt du jetzt, woran Aoi deine gefesselten Hände erinnert haben?“ Ich zog überlegend die Stirn in Falten und hielt mir mein Handgelenk vor die Augen, auf dem sich hübsche, rote Striemen abzeichneten. Nicht von dem weichen Wollschal, verstand sich, sondern von den deutlich stabileren Seilen, die Uruha in den Tiefen seines Koffers versteckt hatte.

 

„Ich reise immer vorbereitet“, murmelte ich, als mir die Worte meines Schatzes vor so vielen Wochen wieder in den Sinn kamen. „Eure Pläne für die Hochzeitsnacht …“

 

„Durch die uns der Alkohol einen gehörigen Strich gemacht hat. Ganz genau.“ Uruha nickte leise lachend und malte mit dem Zeigefinger wirre Linien auf meine Brust.

 

„Oh Gott“, stöhnte Aoi, „mir tut heute noch der Kopf weh, wenn ich an meinen Kater am nächsten Morgen denke.“

 

„Selbstschuld“, stellte ich nüchtern fest, legte aber eine Hand auf seinen Hinterkopf und kraulte ihm durchs Haar. „Niemand hat dich gezwungen, jedes unserer Trinkspiele gewinnen zu müssen.“

 

„Meine Rede“, pflichtete mir Uruha bei. „Ich sag doch immer, dass dein Ehrgeiz nicht immer gut ist.“

 

Von Aoi war nur ein weiteres Brummen zu hören und grinsend verschränkte ich die Arme hinter dem Kopf, genoss es, so zwischen meinen Männern zu liegen und von ihnen gehalten zu werden. Aber je länger ich dem nun wieder gleichmäßigen Atem der beiden lauschte, desto drückender legte sich die Stille um mich. Ich versuchte an meiner Unbeschwertheit festzuhalten, das Gefühl der Geborgenheit noch länger genießen zu können, aber es rann mir wie Wasser durch die Finger. Ich seufzte und schloss für einen langen Moment die Augen, bevor ich starr auf die hölzerne Zimmerdecke blickte.

 

„Ich bin euch noch eine Erklärung schuldig, denke ich.“ Für einen Augenblick dachte ich, dass meine Liebsten eingeschlafen wären, aber dann spürte ich Uruhas Hand, die begann sanft über meinen Oberkörper zu streicheln und keinen Moment später schob sich Aois Gesicht in mein Blickfeld.

 

„Du bist uns nichts schuldig, Reita. Ich glaub nur, das es dir guttun würde, wenn du darüber redest, was dich so sehr beschäftigt.“ Er lächelte mich an, wurde aber gleich wieder Ernst und eine gewisse Besorgnis stand in seinem Blick. „Du ziehst dich in letzter Zeit immer öfter zurück und wirkst so … traurig, das macht mir Sorgen.“ Ich öffnete den Mund, hatte aber keine Worte auf seine Feststellung parat. „Guck nicht so“, meinte er schmunzelnd, „nur, weil ich dich nicht darauf angesprochen habe, heißt das nicht, dass es mir oder besser gesagt uns nicht aufgefallen ist.“ Ich schluckte, denn ein kleiner, dummer Teil in mir hatte nämlich wirklich angenommen, dass die Beiden mein Verhalten nicht bemerkt hatten oder nicht hatten bemerken wollen. Himmel, jetzt schämte ich mich noch mehr für meine kindischen Anwandlungen.

 

„Es tut mir leid. Verdammt, das ist alles so dumm …“ Ich legte mir die Hände aufs Gesicht und versuchte, mich hinter ihnen vor Aois durchdringendem Blick zu verstecken. Mein Schatz deutete diese Geste richtig – natürlich tat er das – aber statt zu versuchen, mich dazu zu bringen, ihn wieder anzusehen, legte er den Kopf wieder auf meiner Brust ab und ich spürte, wie er die Finger mit denen Uruhas verschränkte.

 

„Gefühle sind nie dumm …“, hörte ich ihn murmeln und hätte beinahe laut gelacht, als er doch nicht wirklich genauso wie meine Mutter reagierte, als ich versucht hatte, ihr zu erklären, was mich so beschäftigte.

 

„Du verbringst eindeutig zu viel Zeit mit meiner Ma.“

 

„Ach ja? Wieso?“

 

„Deine Antwort gerade hätte gut und gerne auch genauso von ihr kommen können.“

 

„Aber es ist die Wahrheit.“

 

„Ja, vielleicht, aber es fühlt sich trotzdem dumm an.“ Wieder seufzte ich und verstummte dann. Es war meinen Liebsten wirklich hoch anzurechnen, dass sie mich nicht zum Reden drängten und einfach nur still darauf warteten, bis ich soweit war. „Ich weiß einfach nicht, ob das mit uns wirklich eine Zukunft hat“, murmelte ich und setzte, erschrocken über die Plumpheit meiner eigenen Worte, nach: „Versteht mich nicht falsch, ich will nicht, dass sich zwischen uns was ändert, ehrlich, aber …“ Von mir und meinem Gestammel selbst genervt, knurrte ich und vergrub die Hände in meinem Schopf. „Seit dem Tag, an dem du mir gesagt hast, dass du Uruha einen Antrag machen willst …“ Wieder fehlten mir die Worte. „Du weißt, dass ich Angst hatte, euch zu verlieren oder irgendwie nicht mehr dazu zu gehören …“

 

Ich hatte die Augen fest geschlossen und zog an meinen Haaren, sodass ich nur spürte, wie sich Aoi neben mir aufrichtete. Gleich darauf küssten weiche Lippen meine Stirn und sanfte Finger legten sich auf meine Hände, lösten ganz vorsichtig meinen verkrampften Griff.

 

„Es tut mir leid, wenn ich dir das Gefühl gegeben habe, dass …“ Aoi sprach leise und als ich zu ihm aufsah, schnürte mir die Besorgnis in seinen Augen regelrecht die Kehle zu.

 

„Sssh.“ Ich schüttelte den Kopf und legte meinen Finger gegen seine Lippen. „Das ist es nicht, ehrlich. Weder du noch Uruha habt mir jemals das Gefühl gegeben, nicht dazuzugehören.“ Jetzt regte sich auch mein bester Freund, aber statt sich ebenfalls über mich zu beugen, drehte er sich nur leicht, bis er das Kinn auf meiner Brust abstützen und zu uns nach oben sehen konnte. Wieder kam mir ein langgezogener Seufzer über die Lippen und ich legte eine Hand auf seinen Schopf, kraulte sanft durch sein weiches Haar und wusste gerade nicht, ob ich ihm damit etwas Gutes tun wollte oder vielmehr mich selbst beruhigen. „Es liegt wirklich nicht an euch, das ist mir über die letzten Monate hinweg mehr als bewusst geworden. Es sind die anderen. Unsere Freunde, irgendwelche Menschen, die ich nicht mal näher kenne, selbst meine Mütter. Alle scheinen irgendwie nur darauf zu warten, dass wir uns trennen, dass ihr merkt, dass ihr mich nicht braucht. Egal, ob ich mit Tora einen trinken gehe, mich mit Ruki oder meiner Mutter unterhalte, irgendwann kommt immer zwangsläufig die Frage danach, ob ich wirklich glücklich bin. Und dann kommen wieder meine Zweifel hoch, dann frag ich mich, ob ich nicht vielleicht doch einer Zuviel bin.“ Beschämt wandte ich den Kopf ab und schaute über Uruhas brünetten Schopf hinweg zu einer der Papier-bespannten Schiebetüren.

 

„Du wirst nie einer Zuviel sein“, murmelte Aoi und strich in einer liebevollen Geste mit der Nasenspitze über meine Wange. „Weißt du, als mir Uruha damals von seinen Gefühlen für dich erzählt hat, war das wie ein Schlag ins Gesicht. Ich dachte, ich würde ihn verlieren, weil was hätte diese Offenbarung schon anderes bedeuten sollen? Wir haben sehr lange geredet, gestritten teilweise, und es tut mir heute noch leid, dass ich Dinge gesagt habe, die nicht wirklich fair waren.“

 

Aois dunkle Augen sahen von mir zu Uruha und seine Finger, die noch immer mit denen meines besten Freundes verschränkt waren, drückten leicht zu. Uruha jedoch lächelte nur und für einen Moment glaubte ich, die stumme Unterhaltung der beiden beinahe hören zu können, ein Teil davon zu sein. Ich wusste, tief in mir, dass Uruha unserem Schatz schon lange verziehen hatte und es diese entschuldigenden Worte in seinen Augen nicht gebraucht hätte. Genauso wie ich mir sicher war, dass Aoi das komplett anders sah und sich vermutlich auch in den nächsten Jahren immer wieder einmal für sein Verhalten von damals entschuldigen würde. Man konnte über meine beiden Männer wirklich sagen, was man wollte, aber im Punkto Sturheit standen sie einander in nichts nach. Ein sanftes Lächeln legte sich auf meine Lippen, das von Aoi erwidert wurde, als sich seine Aufmerksamkeit wieder auf mich richtete.

 

„Was ich damit sagen wollte, ist …“ Er räusperte sich und wo seine Stimme bislang uncharakteristisch dünn geklungen hatte, war sie jetzt wieder fest und selbstsicher, so wie ich sie kannte. „Ich denke, mich haben ähnliche Zweifel geplagt, auch, wenn meine Situation doch eine andere war. Aber glaub mir, auch wenn ich mir anfänglich sicher gewesen bin, dass die Nacht mit dir etwas Einmaliges sein würde, habe ich ziemlich schnell feststellen müssen, dass das nicht funktionieren wird.“ Jetzt grinste er auf mich herab und in meinem Magen schienen plötzlich hunderte von Schmetterlingen gleichzeitig komplizierte Flugmanöver zu veranstalten. „Ich habe Uruha vor dieser Nacht über alles geliebt und daran hatte sich auch danach nichts geändert … nur, dass immer etwas gefehlt hat, wenn du nicht da warst.“

 

Fuck, wurden meine Augen gerade feucht oder was? Ich traute mich gar nicht zu blinzeln und selbst das Atmen fiel mir schwer, als sich all meine angestauten Gefühle der letzten Monate wie ein Kloß in meinem Hals festsetzten.

 

„Ich …“, krächzte ich, während Aois Worte in meinem Inneren nachhallten. Ich wusste, was Uruha und Aoi für mich empfanden, immerhin hatten wir heute nicht zum ersten Mal in den vergangenen zwei Jahren über uns und unsere Beziehung geredet, aber, wie es uns dreien nach dieser gemeinsamen Halloweennacht ergangen war, hatten wir tatsächlich noch nie angesprochen.

 

Als sich Uruha plötzlich erhob, dachte ich für eine Schrecksekunde, dass er aus dem Zimmer gehen würde, weil ich irgendetwas gesagt oder eben nicht gesagt hatte, was ihn verletzt hatte. Aber er streckte sich nur kurz und ging dann langsam zu seinem Koffer hinüber, aus dem er ein kleines und mir nur allzu bekanntes Buch holte, das in rotes Leder gebunden war. Er betrachtete es kurz, schien eine Entscheidung zu fällen und kam dann wieder auf unser Lager aus Futons, Decken und Kissen zu. Er lächelte mich an, als er bemerkte, dass ich ihm mit Blicken gefolgt war, kniete sich hin und hielt mir das Buch entgegen.

 

„Ich hatte zwar nie vor, dir das zu zeigen, aber ich glaube …“ Er zuckte mit den Schultern, als würde er sich ein bisschen dafür schämen, was dort in seinem Tagebuch geschrieben stand. „Es ist der richtige Zeitpunkt, dass du es liest. Und vielleicht hilft es ja.“

 

Unsicher sah ich erst ihn, dann wieder das Buch an und richtete mich schlussendlich auf, um es in die Hand nehmen zu können. Auch Aoi setzte sich auf, stopfte ein paar Kissen zwischen sich und die Zimmerwand und öffnete dann einladend die Arme. Nur einen kurzen Moment, in dem ich Uruha tief in die Augen sah, zu lesen versuchte, ob er sein Vorhaben wirklich in die Tat umsetzen wollte, zögerte ich, dann lehnte ich mich gegen meinen Schatz und wartete, bis auch mein bester Freund es sich neben mir wieder bequem gemacht hatte.

 

„Zeigst du mir, was genau ich lesen soll?“ Ich war tatsächlich etwas nervös, denn Uruhas Tagebuch war immer ein fast heiliges Objekt für mich gewesen, in dem ich nie, wirklich nie, einfach so gelesen hätte. Aber jetzt, mit seiner Erlaubnis und der direkten Aufforderung dies zu tun, spürte ich, wie eine gewisse Neugierde in mir hochstieg.

 

„Hier“, murmelte er leise, hatte sich über mich gebeugt und das Buch an einer Seite, die mit einem schlichten schwarzen Satinband als Lesezeichen markiert war, aufgeschlagen. „Das habe ich … ach nein, du wirst ja gleich selbst lesen, wann ich das geschrieben hab.“

 

„Und das ist wirklich in Ordnung für dich.“

 

„Ja, wirklich. Sonst würde ich es dir nicht geben, glaub mir.“ Uruha küsste meine Wange, dann spürte ich, wie er einen Arm hinter meinem Rücken hindurchschob und sich dann wieder gegen mich lehnte. „Vielleicht fühlst du dich dann mit deinen Ängsten und Sorgen nicht mehr ganz so allein.“

 

~~**~~

 

1. November 2017 – Tokyo

 

Reita,

 

es ist kaum eine Stunde her, seit du gegangen bist und dennoch vermisse ich dich schon. Und Aoi geht es genauso. Er versucht zwar, sich nichts anmerken zu lassen, aber ich sehe doch, wie er dein Nasenband, das du auf dem Wohnzimmertisch vergessen hast, anstarrt, immer wenn er denkt, ich würde es nicht bemerken. Fast, als versuche er, dich allein mit seiner Willenskraft da zuzubringen, wieder zu uns zurückzukommen.

 

Es war eine dumme Idee, dich gehen zu lassen. Es gibt noch zu Vieles, worüber wir reden müssen, worüber wir uns nur gemeinsam klar werden können. Ich bin mir sicher, dass du jetzt in deiner Wohnung sitzt und dir Argument um Argument zurechtlegst, warum das mit uns dreien nicht funktionieren kann. Und alles nur, weil du mich, wie so oft, beschützen willst. Versteh mich nicht falsch, ich wäre vermutlich nicht der Mensch, der ich heute bin, hätte ich mich nicht mein halbes Leben auf dich verlassen können. Hätte ich nicht immer gewusst, dass du zu mir stehst, egal was auch kommen mag und dass du selbst zu nachtschlafender Zeit immer ein offenes Ohr für mich haben würdest. Aber gerade jetzt sind deine Sorgen um mich so unbegründet und ich ertrage den Gedanken kaum, dass du dich nun in deinen Selbstvorwürfen verlierst.

 

Vermutlich weißt du gar nicht, was mir die letzte Nacht bedeutet und wie solltest du auch? Ich habe dir bis gestern schließlich nie von meinen Sehnsüchten erzählt. Nie erwähnt, dass ich, obwohl ich mit Aoi die glücklichsten Jahre meines Lebens verbringen durfte, doch immer das Gefühl hatte, mir würde etwas fehlen. Nein, nicht etwas, jemand. Du.

 

Ich liebe dich Reita, mit allem was ich bin und mit allem, was mich ausmacht.

Die längste Zeit habe ich versucht, diese Gefühle mit unserer tiefen Freundschaft zu begründen, denn wie sollte es auch angehen, dass ich für gleich zwei Menschen nahezu dasselbe empfinde?

Sexuelles Verlangen? Ja, das konnte ich vor mir selbst und auch vor Aoi rechtfertigen, denn jeder Mensch mit Augen im Kopf hätte gesehen, mit welchem Hunger du mich immer angesehen hast. Mit welcher Hitze deine Blicke jeder meiner Bewegungen gefolgt waren, wenn ich mich nach einer Show umzog und von deinen anzüglichen Kommentaren, wenn du dich allein mit deinen Kumpeln glaubtest, brauchen wir erst gar nicht zu reden.

Vielleicht hätte ich behaupten können, dass dein Verhalten mich erst dazu gebracht hatte, dich mit anderen Augen zu sehen. Dass sich mein Interesse an dir erst nach und nach entwickelt hatte und ich mich nun so in meiner Obsession verloren habe, dass ich mir die Gefühle für dich nur einbilde. Und glaub mir, ich habe versucht, mir genau dies einzureden, wieder und wieder und bin dennoch daran gescheitert.

 

Ich weiß nun, dass meine Gefühle für dich echt sind, dass ich Aoi und dich gleichermaßen liebe und in meinem Leben brauche. Jetzt, wo ich einmal spüren durfte, wie es ist, dir körperlich und emotional noch näher zu sein, als ich es als dein bester Freund schon seit Jahren bin, kann ich nicht mehr zurück. Es schmerzt Reita, es tut so unglaublich weh, dich jetzt nicht in meiner Nähe zu wissen.

 

Aoi neben mir macht ein leises Geräusch, dann spüre ich seine Lippen, die eine Träne von meiner Wange küssen, von der ich nicht bemerkt habe, dass sie mir entkommen war. Siehst du, was du mit mir anstellst?

Ich bin froh, dass du diesen Brief nie lesen wirst, weil ich weiß, dass allein dieser Satz dir schon wieder ein schlechtes Gewissen bereiten würde. Du bist so ein herzensguter Mensch, Reita und ich will dir endlich der Partner sein können, den du verdient hast. Ich will dir all die Nähe, Sicherheit und Geborgenheit zurückgeben, die ich immer in deinen Armen gefunden habe.

 

Aoi lehnt seinen Kopf leise seufzend gegen meine Schulter, nicht, um lesen zu können, was ich schon die ganze Zeit über schreibe, sondern einfach nur der Nähe wegen, die wohl auch er gerade so dringend braucht. Allein, dass er zulässt, dass ich ihn so sehe, dass er seine Schwäche so offen zeigt, ist nur ein weiterer Beweis für mich, dass auch er dich vermisst.

 

Komm zu uns zurück, Reita.

 

Ich habe zwar keine Ahnung, wie so eine Beziehung zu dritt funktioniert und will mir die dummen Kommentare mancher Leute heute noch gar nicht vorstellen müssen, aber eines weiß ich. Wir brauchen dich, Aoi genau wie ich und alles andere werden wir gemeinsam schon hinbekommen.

 

Ich küsse Aois Schläfe, sehe, dass er die Augen geschlossen hat und dein Nasenband gedankenverloren zwischen seinen Fingern hin und her gleiten lässt.

Ich glaube, ich werde dich anrufen, jetzt gleich. Der Abend ist noch jung und ist es nicht ohnehin schon viel zu lange her, dass wir beide unter Aois Protesten die Küche auf den Kopf gestellt haben, weil wir unser Spezialcurry kochen wollten?

Ich denke schon. Du hast sicher nichts dagegen, nochmal vorbeizukommen und falls doch, weiß ich ja, wo ich dich finden kann. Ein Curry kann ich auch in deiner winzigen Küche zaubern. Ob du sie danach allerdings noch benutzen kannst, kann ich nicht garantieren.

 

Ich liebe dich, Reita, und auch, wenn ich weiß, dass du das hier nie lesen wirst, bin ich froh, mir einfach mal alles von der Seele geschrieben zu haben. Ich weiß jetzt, was ich tun werde und auch, dass es richtig ist, diese Gefühle für dich und Aoi gleichermaßen zu empfinden. Mein Herz ist groß genug für euch beide und ich bin fest entschlossen, dir das auch zu beweisen.

 

~~**~~

 

Zunächst hatte ich den Tagebucheintrag – oder vielmehr den Brief an mich – nur überflogen, so neugierig war ich darauf, was Uruha mir vor Jahren schon hatte mitteilen wollen. Doch jetzt, wo sich meine erste Aufregung gelegt hatte, ließ ich mir Zeit und versuchte mit klopfendem Herzen jedes einzelne der Worte in mich aufzunehmen. Himmel, ich wusste ja schon seit unserer Schulzeit, dass mein bester Freund es verstand, mit Worten umzugehen, aber das hier? Seine Ehrlichkeit, die mir aus jeder Zeile regelrecht entgegensprang, berührte mich auf eine Art und Weise, die ich geschriebenen Worten nie zugetraut hätte. Ich schluckte und ließ meine Blicke noch einmal über einzelne Sätze huschen, die ich vermutlich in meinem Leben nie wieder vergessen würde.

 

… immer das Gefühl hatte, mir würde etwas fehlen.

Nein, nicht etwas, jemand. Du.

 

… für gleich zwei Menschen nahezu dasselbe empfinde?

 

… dass ich Aoi und dich gleichermaßen liebe und in meinem Leben brauche

 

Allein, dass er zulässt, dass ich ihn so sehe, dass er seine Schwäche so offen zeigt, ist nur ein weiterer Beweis für mich, dass auch er dich vermisst.

 

Ich habe zwar keine Ahnung, wie so eine Beziehung zu dritt funktioniert und will mir die dummen Kommentare mancher Leute heute noch gar nicht vorstellen müssen, aber eines weiß ich. Wir brauchen dich, Aoi genau wie ich, und alles andere werden wir gemeinsam schon hinbekommen.

 

es richtig ist, diese Gefühle für dich und Aoi gleichermaßen zu empfinden. Mein Herz ist groß genug für euch beide.

 

Verdammt, meine Augen brannten schon wieder so verräterisch. Warum war ich heute nur so emotional? Tief in meinen Gedanken und den Empfindungen versunken, die Uruhas Worte in mir hervorgerufen hatten, strich ich über die beiden beschriebenen Seiten. Die Handschrift meines besten Freundes war schon immer beneidenswert ordentlich und schön gewesen, aber ich bildete mir ein, dass seine Finger gezittert haben mussten, als er den Brief vor nunmehr fast zwei Jahren verfasst hatte. Ein Gedanke, der mich seltsam melancholisch stimmte.

 

Aoi neben mir machte ein leises Geräusch, das ich nicht wirklich zuordnen konnte, aber als ich den Blick von der Buchseite hob, erkannte ich, dass er über meine Schulter hinweg mitgelesen hatte. Ein Ausdruck zwischen Unglaube und Amüsement lag auf seinen Zügen und als er bemerkte, dass ich ihn ansah, schenkte er mir dieses leicht verlegene Lausbubenlächeln, welches ich so sehr an ihm liebte.

 

„Darum also musstet ihr das Curry unbedingt bei mir kochen, hu? Von wegen, euer Herd hat den Geist aufgegeben“, stellte ich dann etwas aus der Luft gegriffen fest und versuchte meiner Stimme eine Leichtigkeit zu verleihen, die ich gerade absolut nicht spürte. Aber wem wollte ich was vormachen? Uruha gewiss nicht, was mir sein leises Schnauben nur zu deutlich bewies. Er rückte näher an mich heran und küsste meine Stirn, fast wie eine Mutter, die ihr Kind bei einer kleinen Lüge erwischt hatte, aber zu gütig war, um zu tadeln. „Warum hast du damals nicht angerufen? Ich wäre sofort gekommen, das weißt du, oder?“

 

„Ja, weiß ich.“ Uruha nickte und sein Blick wurde sanft, als er seine Hand über die Meine legte. „Ich glaube, ich wollte einfach auf Nummer sicher gehen.“

 

„Ich hab so den Eindruck, dass du mich gerne vor vollendete Tatsachen stellst“, murrte ich spielerisch und erntete ein freches Zwinkern auf diese Feststellung.

 

„Wenn dir das erst jetzt auffällt …“ Er beendete seinen Satz nicht, aber ich wusste auch so haargenau was er meinte. Manchmal konnte ich wirklich ziemlich begriffsstutzig sein und das wurde mir auch jetzt wieder mehr als deutlich bewusst.

 

„Ich fühle mich so dumm“, gab ich zu, senkte den Kopf und schloss beschämt die Augen. „Ich dachte die ganze Zeit wirklich, dass es an mir liegt. Dass ich zu empfindlich bin, was die Meinungen und Erwartungshaltung der anderen angeht. Dabei …“

 

„Hör auf, Reita.“ Ich spürte Aois Lippen an meiner Schläfe, dann seine Finger, die sich unter Uruhas und meine schoben und die Verbindung unserer Hände somit komplett machten. „Es wird vermutlich immer Leute geben, die unsere Art zu leben und zu lieben nicht verstehen können oder wollen und mit ihren Ansichten auch nicht hinterm Berg halten, aber solange wir uns einander sicher sind und wissen, was uns guttut, können uns die Meinungen anderer gestohlen bleiben.“

 

„Und solange du mit uns redest, Rei, finden wir für alles irgendwie eine Lösung.“ Uruha legte seinen Zeigefinger unter mein Kinn und drückte es sanft nach oben, bis er mir wieder ins Gesicht sehen konnte. „Du musst nicht alles mit dir allein ausmachen.“ Ich nickte, weil mir mal wieder die Worte fehlten und meine blöden Gefühle Steine in meinen Magen legten.

 

„Tut mir leid“, flüsterte ich schließlich und fand mich fast augenblicklich in einer festen Umarmung wieder. „Ihr habt recht, mit allem.“ Ich seufzte und schüttelte den Kopf. „Ich hätte wirklich schon viel früher mit euch reden sollen. Ich hatte nur Angst, damit irgendwas kaputtzumachen.“

 

„Dummkopf“, raunte Uruha gegen meinen Schopf und, auch wenn ich es nicht zugeben wollte, als sich auch noch Aois Arme um mich legten, hörte sich mein zittriges einatmen beinahe wie ein Aufschluchzen an.

 

Für eine ganze Weile konnte ich nichts sagen, traute mich nicht einmal an irgendetwas Konkretes zu denken, schlicht und einfach mal wieder aus der Furcht heraus, ich könnte diesen Augenblick, der mir so unheimlich guttat, zerstören. Und wäre es nach mir gegangen, hätten wir auch den ganzen restlichen Tag genau so verbringen können, auch wenn es zugegeben bestimmt irgendwann unbequem geworden wäre. Aber gerade, als ich leise seufzend mein Gesicht an Uruhas Halsbeuge verbarg, übernahm Aois knurrender Magen die Aufgabe, uns lautstark daran zu erinnern, dass wir heute noch nichts gegessen hatten. Eine Sekunde vielleicht blieb es still, dann fingen wir drei, wie kleine Schuljungen, die etwas ausgeheckt hatten, fast gleichzeitig zu lachen an.

 

„Du bist so herrlich unromantisch, mein Schatz“, kicherte uruha und löste sich ein Stück weit aus unserer Umarmung, um Aoi vermutlich besser ansehen zu können.

 

„Nicht ich“, meinte dieser im Brustton der Überzeugung und brachte mich nur noch mehr zum Lachen. „Mein Magen ist der Schuldige hier, ich kann nichts dafür.“

 

„Ich wusste schon immer, dass der ein Eigenleben hat.“ Grinsend hob ich den Kopf und schielte über meine Schulter zu Aoi nach hinten. „Wobei ich zugeben muss, dass mir der Meine auch irgendwo in den Kniekehlen hängt. Denkt ihr, wir kriegen noch ein Frühstück?“

 

„Mh.“ Mein bester Freund brummte überlegend. „Ich würde mal sagen, da sie uns bis jetzt noch nicht wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses in hohem Bogen rausgeschmissen haben, stehen unsere Chancen doch recht gut.“

 

Ich schaute erst Uruha, dann Aoi an, bevor ich mich fast ein wenig widerwillig von ihnen löste und aufstand. Suchend ließ ich den Blick durch den Raum schweifen und musste erneut grinsen, als ich unsere Kleidung wild verstreut im ganzen Zimmer entdeckte. Da hatten wir vorhin ja wirklich ganze Arbeit geleistet. Kopfschüttelnd begann ich mich anzuziehen und nachdem sich auch meine Männer hatten aufraffen können, sich von unserem viel zu gemütlichen Lager zu erheben, und schlussendlich auch wieder bekleidet waren, legte ich ihnen lässig meine Arme um die Schultern.

 

„Wisst ihr was?“

 

„Nein“, bekam ich zweistimmig zur Antwort, was mich schon wieder köstlich amüsierte. „Ich muss dieses ‚miteinander reden‘ zwar noch lernen, aber … es hat wirklich gutgetan, ehrlich. Es war dumm von mir, nichts zu sagen, das weiß ich jetzt.“

 

„Unsinn.“ Aoi schnaubte und lehnte seinen Kopf gegen meine Schulter. „Ich bin einfach nur froh, dass du jetzt wieder du bist und nicht dieses traurige Häuflein Elend, das wir vorhin aufgegabelt haben.“

 

„Ganz genau.“ Uruha nickte zustimmend, küsste meine Wange und mogelte sich dann unter meinem Arm hindurch, nur um mich an der Hand zu nehmen und in Richtung Zimmertür zu ziehen. „Nächstes Mal, wenn du den Mund nicht aufbekommst, trete ich dir einfach in deinen süßen Hintern.“ Er grinste mich frech über die Schulter an und schob die Schiebetür auf. „Und jetzt gehen wir was essen, sonst muss ich euch anknabbern und das wollt ihr sicherlich nicht.“

 

~*~

 

Uruha hatte mit seiner Einschätzung das Frühstück betreffend tatsächlich recht behalten. Wir ernteten zwar seltsame Blicke von den Angestellten des Ryokans, die von belustigt bis hin zu verstört reichten, aber das zwar verspätete, aber dafür umso ausgiebigere Frühstück, das wir nach einer kurzen Wartezeit serviert bekamen, hatte unglaublich gut geschmeckt.

 

Satt und zufrieden hatten wir beschlossen, den Nachmittag in und um die heißen Quellen zu verbringen, was, wie ich feststellen musste, eine unglaublich gute Idee war. Meine Muskulatur schien mir die entspannende Wärme zu danken und eine nicht unangenehme Trägheit ließ meinen Geist sich wie in Watte gepackt anfühlen.

 

„Hach, das ist ein Leben“, seufzte ich zufrieden und zog Uruha an mich, der gerade wieder ins Wasser gestiegen kam. Er antwortete nicht sofort auf meine Feststellung, drehte sich stattdessen in meinen Armen um und legte seine Arme um meinen Hals. Ein laszives lächeln zierte seine vollen Lippen und fachte den Schmetterlingsschwarm in meinem Magen zu neuer Aktivität an.

 

„Und genau dieses Leben können wir noch ganze sechs Tage genießen.“ Seine Worte kamen ihm dunkel und verheißungsvoll über die Lippen, bevor er mich in einen leidenschaftlichen Kuss verstrickte. Sein nackter Leib presste sich nah gegen meinen und trotz der Hitze des Wassers um uns herum rann mir dabei eine dicke Gänsehaut prickelnd über den Rücken. Ich atmete bereits schwerer, als er sich ein Stückchen von mir zurückzog und mir lächelnd ins Gesicht sah.

 

„Mh“, hörte ich Aois Stimme plötzlich hinter uns und wandte den Kopf. „Meine schönen Männer, ich liebe es einfach, euch zuzusehen.“

 

Ich biss mir auf die Unterlippe und spürte, wie mir das Blut in die Wangen stieg. Nach all der Zeit hatte Aois Vorliebe dafür, Uruha und mich zu beobachten, noch immer nicht ihren Reiz verloren.

 

„Komm zu uns ins Wasser, Blue“, bat ich ihn und nun war ich es, der ihm mit Blicken folgte, als er sich in einer fließenden Bewegung den Yukata von den Schultern schob und ihn achtlos zu Boden gleiten ließ. Gleich darauf betrat er mit bedachten Schritten das Becken, wartete einen Moment mit geschlossenen Augen, bis er sich an die Wärme gewöhnt hatte und kam dann zu uns herübergeschwommen.

 

„Und davon, von euch so angesehen zu werden, werde ich vermutlich auch nie genug bekommen.“ Ich grinste Uruha an, der meine Geste erwiderte, während Aoi erst ihm, dann mir einen kurzen Kuss auf die Lippen drückte. „Ich befürchte, diese Flitterwochen werden mich endgültig für die Arbeitswelt verderben.“

 

„Oh ja, mich auch“, pflichtete ihm Uruha bei, während ich mich gegen den Beckenrand sinken ließ und meine beiden Liebsten einfach nur stumm betrachtete. Tausend Dinge gingen mir durch den Kopf, aber anders, als noch am Morgen, lösten diese Gedanken nun kein schlechtes Gefühl in mir aus. Ganz im Gegenteil. Ich fühlte mich wohl, irgendwie angekommen und auch, wenn ich wusste, dass ich noch ziemlich an mir würde arbeiten müssen, um nicht immer alles in mich hineinzufressen, war ich mir nun unumstößlich sicher, dass ich mit Uruha und Aoi immer würde reden können, egal, was mich belastete.

 

„Hey, alles in Ordnung mit dir?“ Die warmen Augen meines besten Freundes tauchten mit einem Mal in meinem Blickfeld auf. „Du bist plötzlich so still.“ Ich lächelte und schüttelte sacht den Kopf.

 

„Ich hab nur gerade überlegt.“ Uruhas rechte Augenbraue wanderte fragend ein Stück nach oben, während dessen Aoi mich nur stumm musterte. „So im Großen und Ganzen war die Hochzeit schon toll, oder?“, redete ich dann weiter, was die Blicke meiner Männer nur noch skeptischer werden ließ. „Ich mein … super leckeres Essen, eine schöne Lokation, Familie und Freunde alle auf einem Haufen … Alkohol in rauen Mengen.“ Ich lachte leise, als Aoi bei dem Wort ‚Alkohol‘ die Lippen verzog. „Und jetzt die Flitterwochen.“

 

„Worauf …“, begann Uruha, „willst du eigentlich hinaus, hu?“

 

„Na ja.“ Jetzt grinste ich offen und breitete lässig die Arme auf dem Beckenrand aus. „Ich meine ja nur, dass wir so etwas in ein paar Jahren doch wiederholen könnten, oder?“

 

Uruhas Mund klappte auf und auch wenn Aoi seine Verwunderung nicht ganz so offen zeigte, konnte ich ihm diese doch an der Nasenspitze ablesen.

 

„Aber … was ist mit deinem pseudo Junggesellendasein?“ Das war so klar, dass diese Frage von meinem besten Freund jetzt kommen musste. Vermutlich hatte er mir diesen Kommentar doch noch nicht so ganz verziehen.

 

„Ach Ducky, das hab ich doch schon damals an den Nagel gehängt, als ich dank eurem kleinen Curryunfall meine Küche renovieren musste.“

 

Wäre ich nicht so nah am Beckenrand gestanden, hätte mich der Schwung, mit dem mir Uruha in die Arme fiel, vermutlich von den Füßen gerissen. So jedoch hob ich nur die Arme und drückte ihn noch fester an mich. Über seine Schulter hinweg erwiderte ich Aois Blick der, wenn ich mich nicht ganz täuschte, nun ziemlich gerührt wirkte.

 

„Ich hab es damals schon gesagt und ich sage es auch gerne nochmal. Ich würde dich vom Fleck weg heiraten, wenn du mich nur lässt.“ Uruhas Worte, leise in mein Ohr geraunt, ließen mich wohlig erschauern und glücklich schloss ich die Augen, als nun auch Aoi näher rückte und mir über die Wange streichelte.

 

„Ich glaube, Jahre können weder Uruha noch ich darauf warten.“ Ich konnte Aois zufriedenes Lächeln regelrecht aus seiner Stimme hören und hätte in diesem Augenblick beim besten Willen nicht beschreiben können, wie glücklich ich mich fühlte.

 

„Ich liebe euch“, murmelte ich leise und als mir meine Männer ein weiteres Mal zeigten, wie tief auch ihre Gefühle für mich waren, war ich mir endlich ohne jeden Zweifel sicher, dass alles genau so war, wie es sein sollte. Wir gehörten zusammen und es war egal, ob unsere Art, eine Beziehung zu führen, von unserer Umwelt verstanden wurde. Für uns war es so das einzig Richtige.

 

 

~ The End ~