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Von Boston nach Berlin in 14 Stunden

Chapter Text

         Etienne Marcel de Provac Alexandre war zufrieden. Nein, Etienne Marcel de Provac Alexandre war nicht zufrieden. Er konnte gar nicht zufrieden sein, denn in Wirklichkeit gab es ihn ja gar nicht. Es war James Alexander Malcom McKenzie Fraser, der damit zufrieden war, dass Etienne Marcel de Provac Alexandre, sein Alias, auch diesen Auftrag erfolgreich abgeschlossen hatte. Weder bei den Verhandlungen noch beim Abschlusses jenes besonderen Handelsvertrages mit den Argentiniern, hatte es irgendwelche Probleme gegeben, so dass er seinen Auftrag in der vorgesehenen Zeit beenden konnte.

 

“Buenos Aires - Skyline” by maymuc

“Buenos Aires - Skyline” by maymuc

         Der Erfolg, mit dem er seinen Auftrag hatte abschließen können, half ihm ein wenig über die Unannehmlichkeiten hinweg, die sein Weiterflug nach Boston mit sich brachte. Für die 8.500 Kilometer hatte er mehr Zeit einplanen müssen, als für den Rückflug von Boston nach Berlin. So flog er kurz nach acht Uhr abends von Buenos Aires-Ezeiza zuerst nach Lima, wo er auf dem Jorge Chavez International Flughafen einen Zwischenstopp von 80 Minuten einlegen musste. Dann konnte er eine Maschine besteigen, die ihn von der Peruanischen Hauptstadt nach Florida brachte. Er nutzte die Zeit im Flugzeug, um etwas zu schlafen.

         Als er auf dem Miami International Airport angekommen war, genehmigte er sich zuerst ein ausgiebiges Frühstück. Dann wanderte er ein wenig herum, einfach um sich die Beine zu vertreten und anschließend vertiefte er sich in diverse Wein-Magazine. Während er noch lesend auf seinen Anschlussflug nach Boston wartete, sprach ihn ein älterer Herr auf diese Lektüre an.
         Entsprechend seiner Legende stellte er sich als französisch stämmiger Weinhändler vor, der im Auftrag des Berliner Unternehmens “In Vino Veritas - Internationale Weine und Spirituosen” weltweit neue Weine suchte bzw. Weinverkäufe an Partner vermittelte.
         Dieses Unternehmen - “In Vino Veritas” - gab es wirklich. Und sollte jemand auf den Gedanken kommen, nähere Untersuchungen über diese Firma anzustellen, so würde er nichts anderes als einen florierenden Wein- und Spirituosenhandel mit Sitz in der deutschen Hauptstadt vorfinden. Jedesmal, wenn James Fraser diesen Namen nannte oder seine mit diesem Firmennamen versehene Visitenkarte weitergab, musste er sich zwingen nicht zu lächeln. Die Ironie dieses Namens hatte ihn, als Ernst Neuenburger ihm zum ersten Mal davon erzählte, laut loslachen lassen. Denn in dem Wein, den diese Firma vertrieb, lag keinerlei Wahrheit. Im Gegenteil, dieser Wein war nichts als Täuschung. “In Vino Deceptio” wäre der zutreffende Name gewesen, doch aus sehr nachvollziehbaren Gründen war dieser Name nicht gewählt worden. Ernst Neuenburger hatte Jamies lautes Lachen damals nur mit dem Satz quittiert:

         “Ironie ist eine der besten Gaben um die Herausforderungen dieses Leben zu überstehen.”

         Der ältere Herr, der ihn auf dem Flughafen in Miami ansprach, machte einen harmlosen Eindruck. Er zeigte weder ein größeres Interesse an dem persönlichen Hintergrund seines Gesprächspartners, noch an dessen Geschäftsbeziehungen. Es schien, als wolle er die eigene Wartezeit einfach damit überbrücken, dass er mit einem ihm angenehmen Gesprächspartner über ein Thema philosophierte, an welchem beide Interesse hatten. Jamie konnte das nur Recht sein. 

         Es war seiner gründlichen Vorbereitung durch die Mitarbeiter von Ernst Neuenburger geschuldet, dass Jamie sich nicht nur sehr gut in europäischen, sondern auch in australischen, neuseeländischen sowie nord- und südamerikanischen Weinsorten und den entsprechenden Märkten auskannte. In ihrem Auftrag hatte er die Österreichische Weinakademie besucht und dort die Ausbildung zum Weinakademiker mit dem Wein Diploma, auch als “International Wine Specialist” bekannt, abgeschlossen. Damit wurde er nicht nur in den “Club der Weinakademiker” aufgenommen, dessen Mitglieder in 41 Ländern der Welt tätig waren, sondern erwarb auch die Voraussetzung um später den “Master of Wine”-Abschluss erwerben zu können. Jamie hatte die mit dieser Ausbildung verbundenen Mühen gern auf sich genommen, halfen sie ihm doch nicht nur, seinen verdeckten Auftrag besser zu erfüllen, sondern erhöhte zugleich den eigenen Status in seinem realen Geschäftsleben. Dass seine Zertifikate und Urkunden sowohl auf seinen Aliasnamen als auch auf den Namen James Fraser ausgestellt wurden, darum hatten sich Neuenburgers Mitarbeiter ebenfalls gekümmert.

         So unterhielt sich Etienne Marcel de Provac Alexandre mit dem älteren Amerikaner, der sich als Bob Snider (“der aus Boca Raton, nicht der Folk-Sänger aus Kanada”) vorgestellt hatte, fast eine Stunde lang über amerikanische, französische und deutsche Weine. Dann wurde sein Flug aufgerufen und Etienne Marcel de Provac Alexandre verabschiedete sich herzlich von seinem Gesprächspartner.

 

“Terminal - Miami International Airport” by Martin St-Amant (S23678) - Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6281155

“Terminal - Miami International Airport” by Martin St-Amant (S23678) -
Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6281155

 

         Als James Fraser dann in dem Flugzeug saß, dass ihn endlich an sein letztes Etappenziel bringen sollte, notierte er zuerst stichwortartig die Inhalte seines Gesprächs mit “Bob Snider” sowie alle Details über den Mann, an die er sich erinnern konnte. Der Senior mochte harmlos sein, doch allein die Tatsache, dass eine ihm fremde Person das Gespräch mit ihm gesucht hatte, verpflichtete ihn, diesen Kontakt seinem Auftraggeber zu melden.
         Es war kurz nach drei Uhr am Nachmittag, als seine Maschine auf dem Logan International Airport landete. Mit einem Taxi ließ er sich in das Hotel bringen, in dem “In Vino Veritas” für ihn das sogenannte “Boston Studio” gebucht hatte. Als er den Raum betrat, musste er lächeln. Die Zusammenstellung des Mobiliars in den unterschiedlichen Hotels dieser Erde verwunderte ihn immer wieder aufs Neue. Hier war es die Mischung aus modernen und auf alt getrimmten Möbeln, die ihn leicht seinen Kopf schütteln ließ. In einer solchen Mixtur würde er sich nie wirklich wohlfühlen. Aber vielleicht war das auch besser so. Dieses Unwohlsein, das er in solchen Räumen empfand, ließ ihn umso lieber nach Hause zurückkehren. Für James Fraser war nur wichtig, dass die für ihn gebuchten Hotels über einen Fitnessbereich verfügten, der 24 Stunden lang geöffnet war. Und genau dahin begab er sich, nachdem er ein leichtes Abendessen im Hotelrestaurant eingenommen hatte. Eine Stunde Workout und eine ausgiebige Dusche später kehrte er in seine Zimmer zurück, wo er dann noch einmal die Planung für den nächsten Tag durchging. Zwanzig Minuten später sank James Fraser, alias Etienne Marcel de Provac Alexandre, in sein Bett und schlief zufrieden ein.

 

“Luftbild des Hafens von Boston” by ArnoldReinhold - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=83686125

“Luftbild des Hafens von Boston” by ArnoldReinhold -
Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=83686125

         Nur wenige Straßenblöcke von Frasers Hotel entfernt, lag Claire Elisabeth Beauchamp Randall im Bett ihres ehelichen Schlafzimmers. Tränen rannen über ihr Gesicht und benetzten das Kopfkissen. Obwohl sie bereits seit mehr als einer halben Stunde unter ihrer warmen Bettdecke lag, zitterte sie am ganzen Körper, als stünde sie in einer frostigen Winternacht ohne Mantel im Freien.
         Hinter ihr lag ein weiterer Abend voller Streitereien, Beleidigungen und Erniedrigungen. Frank, ihr Ehemann seit fast 10 Jahren, hatte irgendwann wutentbrannt das Haus verlassen. Sie wusste, dass er jetzt in einer der nahegelegenen Bars sitzen und trinken würde. Wenn er irgendeine Frau aufgabeln konnte, die ihn mitnahm, dann war in dieser Nacht nicht mehr damit zu rechnen, dass er nach Hause kam. Ging er jedoch ‘leer aus’, so würde er irgendwann zurückkehren und die Nacht konnte einen noch düsteren Ausgang nehmen.
         Frank Randall fand in dieser Nacht keine Frau, die freiwillig ein billiges Hotelbett mit ihm teilen wollte. Er kehrte in das Haus zurück, welches er und seine Frau einmal ihr ‘Zuhause’ genannt hatten. In dieser Nacht wurden Claire Elisabeth Beauchamp Randalls schlimmste Befürchtungen wahr.

          Gut ausgeruht und voller Tatendrang wachte James Fraser am nächsten Morgen auf. Sein erster Gang, nach einem kurzen Besuch des Badezimmers, führte ihn erneut in den Fitnessbereich des Hotels und anschließend unter die Dusche. Gerade als er sich für den neuen Tag frisch eingekleidet hatte, brachte der Zimmerservice das “Continental Breakfast”, welches er am Abend zuvor bestellt hatte. Er frühstückte in aller Ruhe und las dabei auf seinem Tablet in den diversen internationalen Zeitungen, deren Online Ausgaben er abonniert hatte.
         Bis zu seinem nächsten Termin, einem Mittagessen mit “Paul Smith”, einem Mann der ebenfalls auf Ernst Neuenburgers Gehaltsliste stand, aber über eine vollkommen andere Legende verfügte, waren noch vier Stunden Zeit. Jamie hatte den Entschluss gefasst, diese Zeit zu nutzen, um sich in der Nähe seines Hotels ein wenig umzusehen. Mit dem Limousinen Service des Hotels ließ er sich zuerst zum Paul-Revere-Haus bringen, um sich eine Stunde später von dort aus zur Old North Church fahren zu lassen. Gern hätte er auch das Museum of Fine Arts besucht, doch dazu war nicht mehr genügend Zeit und so ließ er sich von seinem Fahrer zu jenem Steakhaus bringen, in dem er “Paul Smith” treffen sollte.
         Als er dort eintraf, saß sein “Geschäftspartner” bereits an dem für sie reservierten Tisch. Die Männer, die sich noch nie zuvor persönlich gesehen hatten, begrüßten einander wie langjährige Freunde. Niemand hätte vermutet, dass sie sich nur von Fotos kannten, die Ernst Neuenburger einige Zeit zuvor ganz unverfänglich in den Anzeigen eines Weinmagazins platziert hatte. Sie aßen, tranken und unterhielten sich lebhaft (und für in der Nähe sitzende Personen mit zu großen Ohren) ausführlich über aktuelle Trends in der Weinszene, Preise, Bestellmengen und Versandmöglichkeiten. Am Ende des ausführlichen Geschäftsessens unterzeichneten sie gegenseitig Verträge, von denen beide wussten, dass sie nie eine reale wirtschaftliche Entfaltung erleben würden und stießen dann - sich laut mit Champagner zuprostend - auf diesen fulminanten “Geschäftsabschluss” an. Kurz vor drei Uhr am Nachmittag verließen “Etienne” und “Paul”, die sich nur beim Vornamen nannten und sich gegenseitig als “Bruder” ansprachen, das Restaurant. Ihre sonnige Laune stand im krassen Gegensatz zum trüben, herbstlichen Wetter, dass an diesem Nachmittag über die Stadt Boston hereinbrach.
         Paul winkte einem vorbeifahrenden Taxi zu und stieg ein. Jamie wartete auf den Limousinen Service, der etwas entfernt geparkt hatte und war aufgrund des doch recht kalten Wetters froh, dass sich der Wagen sogleich in seine Richtung in Bewegung setzte.
         Als Jamie noch wartete, fiel sein Blick auf einen Werbeflyer, der von einem leichten Wind über den Gehweg getrieben wurde. Ein Name, der auf diesem Flyer prangte, erregte seine Aufmerksamkeit. Es war der Name eines Malers - Gerhard Richter. Er bewunderte nicht nur die Bilder des Professors, der von 1971 bis 1993 Malerei an der Kunstakademie in Düsseldorf gelehrt hatte und dessen Werke zu den bedeutendsten und teuersten eines lebenden deutschen Künstlers gehörten. Auch von seiner Lebensgeschichte, der Florian Henckel von Donnersmarck in seinem Film “Werk ohne Autor” ein Denkmal gesetzt hatte, war Jamie fasziniert. Ohne lange nachzudenken, bückte er sich und hob den Flyer auf. Noch im Wagen begann er zu lesen. Eine kleine Galerie unweit seines Hotels warb für den Besuch einer Ausstellung, die Richters Leben und Werk dokumentierte. Jamie steckte den Flyer in die linke Brusttasche. Zu gern würde er einen Teil seines freien Abends damit verbringen, diese Ausstellung zu besuchen. Doch jetzt musste er sich erst einmal beeilen, denn für drei Uhr nachmittags Ortszeit, war eine kleine, private Telekonferenz mit dem “Geschäftsführer” von “In Vino Veritas” angesetzt, zu der er nicht zu spät kommen wollte. 

         Während Etienne Marcel de Provac Alexandre seinem Chef im fernen Berlin Bericht über die erfolgreich abgeschlossenen Verträge mit “Paul Smith” erstattete, bahnte sich Claire Elisabeth Beauchamp Randall einen Weg durch ihr Viertel. Obwohl das Wetter für die Jahreszeit mit 13,8 Grad Celsius ungewöhnlich kalt war, hatte sie es in ihrem “Zuhause” nach allem, was in der vergangenen Nacht vorgefallen war, nicht mehr ausgehalten. Zuerst hatte sie daran gedacht, in ein nahegelegenes Café zu gehen, in das sie früher regelmäßig als Gast eingekehrt war. Doch der Gedanke, sich auf einen harten Holzstuhl setzen zu müssen, hatte sie davon wieder Abstand nehmen lassen. Nicht weit entfernt gab es auch eine Kirche, die sie in der Vergangenheit immer wieder besucht hatte und die Tatsache, dass die Kirchenbänke mit weichen Sitzpolstern ausgestattet waren, ließ sie ihre Schritte hoffnungsvoll in Richtung dieses Gebäudes lenken. Doch diese Hoffnung sollte enttäuscht werden. An dem - geschlossenen - Hauptportal prangte ein handschriftlicher Hinweis, dass an diesem Tag die Türen der Kirche wegen einer plötzlichen Erkrankung des Küsters geschlossen bleiben würden. Resigniert wandte sie sich um. Wohin konnte sie jetzt noch gehen? Ihr Blick fiel auf eine kleine Galerie, die bis sechs Uhr abends geöffnet hatte. Das waren immerhin noch drei Stunden. Drei Stunden, in denen sie dort Bilder betrachten oder sich vor eines der Kunstwerke setzen konnte. Drei Stunden, in denen niemand sie ansprechen oder irgendetwas von ihr verlangen würde. Drei Stunden, in denen sie in Ruhe über ihre weiteren Schritte nachdenken konnte. Irgendwie musste sie einen Weg aus dieser Misere finden. Sie wusste nur nicht wie. Eines jedoch wusste sie mit einhundert prozentiger Gewissheit: Nie wieder würde sie zu Frank Randall zurückkehren. Keinen einzigen Augenblick würde sie freiwillig noch einmal in der Gegenwart dieses Monsters verweilen. Eher würde sie ihrem erbärmlichen Dasein ein Ende setzen. Schon einmal hatte sie genau darüber nachgedacht. Damals, als am 31. Mai 2018 die Longfellow Brücke nach fünfjähriger Reparatur wieder eröffnet worden war. Doch als sie dann oben auf der Brücke stand, war sie sich nicht mehr sicher gewesen, ob ein Sprung von dort das ersehnte Ende ihrer Qual herbeiführen würde. Sie hatte sich abgewandt und war zurückgekehrt. Zurückgekehrt in ihr Leben mit Frank, von dem sie wusste, dass er sie regelmäßig betrog. Zurückgekehrt zu einem Leben in Lüge. Zurückgekehrt zu einem Leben, in dem sie versuchte, ihren ganzen Schmerz mit Alkohol und Tabletten zu betäuben. Doch wenn ihre Erfahrung eines gezeigt hatte, dann dass keine Droge dieser Welt diese Wunden überdecken konnte, insbesondere nicht jene, die Frank ihr in der vergangenen Nacht geschlagen hatte. Irgendetwas musste geschehen.

 

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  “Ausstellung” by beludise

 

         Zwanzig Minuten vor 16.00 Uhr hatte Jamie die Telefonkonferenz beendet. Durch eines der Fenster seines Zimmers sah er nach draußen und bemerkte, dass sich der Himmel verdunkelte. Ein starker Wind war aufgekommen und Regen begann gegen die Fensterscheiben zu prasseln. Doch selbst wenn es gleich zu gewittern beginnen sollte, er würde sich nicht davon abhalten lassen, die kleine Galerie, deren Flyer er noch immer bei sich trug, aufzusuchen. Er wählte die Nummer der Rezeption und bestellte erneut den Limousinen Service.
         Auf dem Weg in das Foyer des Hotels dachte er daran, wie gern er auch mit Jenny, Ian und den Kindern per Videokonferenz Kontakt aufgenommen hätte. Doch das war nicht möglich. Zu groß war die Gefahr, sich selbst, seinen Auftrag und eventuell seine Familie zu gefährden. Aber es würde ja auch nicht mehr lange dauern, bis er sie endlich wieder sehen würde. Am kommenden Abend ging sein Flug und am Tag darauf würde er, mit einem kleinen Umweg über die Zentrale von “In Vino Veritas”, wieder zu Hause eintreffen und sie alle wiedersehen. Schon jetzt freute er sich sehr darauf. Für ihn war seine Familie der wertvollste irdische Besitz und er wünschte sich nichts mehr, als irgendwann selbst eine Familie gründen zu können. Bisher hatte er diesen Gedanken immer von sich geschoben. Während er noch in Schottland lebte, nahmen die Verwaltung des elterlichen Gutes und die politischen Aktivitäten seine ganze Zeit und Kraft in Anspruch. Außerdem hätte er es keiner Frau zumuten wollen, als Ehefrau eines Mannes leben zu müssen, der als verurteilter Hochverräter in einem Londoner Hochsicherheitsgefängnis saß und dementsprechend nicht in der Lage war, seine Familie standesgemäß zu versorgen. Gewichtiger als das war jedoch die Tatsache, dass er “die” Frau, mit der er wirklich sein ganzes Leben verbringen und mit der er eine Familie gründen wollte, noch nicht getroffen hatte. Als er in das Foyer trat und der Rezeptionist ihm sagte, dass sein Wagen gerade vorgefahren sei, ahnte James Fraser nicht, dass er von genau dieser Begegnung nicht einmal mehr eine Stunde entfernt war.

         Claire Elisabeth Beauchamp Randall hatte die Galerie betreten, den Eintritt bezahlt und einen Ausstellungsführer entgegen genommen, den sie sogleich in ihrer Handtasche verstaut hatte. Ziellos war sie durch die Räume gewandert bis sie in einem der hinteren Ausstellungsräume eine kleine Bank fand. Diese stand vor einem Bild, dass einen älteren Mann mit Brille zeigte, der vor einer rötlichen Wand stand. Doch davon nahm sie nur ganz peripher Kenntnis. Viel wichtiger war ihr in ihrer gegenwärtigen Situation, dass auf der Bank eine weiche Polsterung lag. Vorsichtig ließ sie sich darauf nieder und dennoch fuhr ihr der Schmerz durch alle Glieder.

         Als Jamies Wagen am Bordstein vor dem Eingang der Galerie hielt, hatte es bereits in Strömen zu regnen begonnen. Der Himmel hatte sich bis ins Schwarze verdunkelt und hin- und wieder war ein lautes Donnergrollen zu vernehmen. Carl, der Fahrer der Limousine, parkte nahe des Eingangs und sprang dann mit einem großen schwarzen Regenschirm, auf dem in goldenen Lettern das Logo und der Name des Hotels prangten, schnell aus dem Wagen. Er öffnete die Tür auf der hinteren Beifahrerseite und hielt den Regenschirm so, dass Jamie ohne nass zu werden aussteigen konnte. Anschließend begleitete der Chauffeur ihn die wenigen Schritte bis zur Galerie, um dann schnell wieder zum Wagen zurückzueilen, wo er auf die Rückkehr des Gastes warten würde.
         Sogleich nach dem er eingetreten war, wurde Jamie von einer freundlichen Mitarbeiterin der Galerie begrüßt. Er bezahlten den Eintritt und erhielt den Ausstellungskatalog. Dann begann er ganz langsam seinen Weg durch die Ausstellung. Es dauerte ungefähr vierzig Minuten, bis er im hintersten Raum der Galerie angekommen war. Schon von weitem erkannte er das bekannte Foto, welches den Maler vor seinem berühmten Werk “Wand” zeigte. Nur ein einziges Mal hatte sich Richter vor diesem Werk fotografieren lassen. Dieses Foto hatte dann das Titelblatt des Kunstmagazins “art” geziert.

 

“Locken” by KRiemer



         Vor genau diesem zwei Meter mal zwei Meter großen Bild saß nun ganz ruhig eine zierlich Frau, deren Kopf von einer nur leicht gezähmten, dunkelbraunen Lockenpracht umgeben war. Vorsichtig und bemüht, so wenig Geräusche wie nur möglich zu verursachen, trat Jamie mit einigem Abstand heran. Es vergingen einige Minuten, dann hörte er die Frau leise schniefen. Sie öffnete ihre Handtasche und suchte ganz offensichtlich hastig nach einem Taschentuch. Jamie griff in die rechte Tasche seines Jacketts und zog eine Packung Tempo-Taschentücher hervor, die er öffnete und der unbekannten Frau entgegen hielt.

         “Bitte schön. Bedienen sie sich.”

         Die Frau wandte den Kopf zu ihm hinauf und sah ihn mit großen, rot verweinten bernsteinfarbenen Augen an. 

         Später sollte James Fraser immer wieder davon erzählen, dass sich in diesen ersten 14 Sekunden, in die er in die schönsten Augen der Welt blickte, sein weiterer Lebensweg entschieden hätte.