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Von Boston nach Berlin in 14 Stunden

Chapter Text

         So hatten sie noch eine Weile verharrt - Jamie kniend vor ihr, einen Arm um sie gelegt und Claire, weinend an diesen Arm geklammert. Als sie sich voneinander gelöst hatten, war Jamie aufgestanden. Er war an die hinter einer kleinen Schranktür verborgenen Minibar getreten. Dort hatte er vier kleine Whiskyflaschen in zwei Gläser geleert und eines dieser Gläser Claire gereicht.         
         An diesem Abend sprachen sie nicht mehr viel miteinander. Claire fragte irgendwann, ob er ihr ein T-Shirt leihen konnte. Da alle seine T-Shirts vom Sport verschwitzt waren, gab er ihr eines jener Hemden, die der Zimmerservice an diesem Morgen aus der Reinigung zurückgebracht hatte. Sie verschwand damit im Badezimmer.
         Jamie setzte sich derweil an den kleinen Schreibtisch der neben dem zu einem Bett ausgeklappten Sofa stand und öffnete seinen Laptop. Dann begann Etienne Marcel de Provac Alexandre eine Mail an die Geschäftsleitung von “In Vino Veritas” zu schreiben, in der er eine Flasche Champagner für die Hochzeit eines Freundes bestellte und darum bat, dass die Magnum-Flasche gleich nach seiner Rückkehr geliefert würde. Jamie wusste, dass im Keller des Geschäftsgebäudes von “In Vino Veritas” jemand sitzen würde, der diese “Bestellung” ganz genau verstehen würde.         
         Das “besondere Büro” (wie sie es nannten), welches hinter einer leicht verschiebbaren Wand aus Regalen voller exquisiter Weinflaschen verborgen lag, war 365 Tage im Jahr rund um die Uhr besetzt. Zwischen vier und zehn “Angestellten” der Weinhandlung kümmerten sich in diesem Raum um die ganz besonderen “Bestellungen”, die dort von Zeit zu Zeit aus aller Welt eintrafen. Jamie wusste auch, dass man im Keller von “In Vino Veritas” nicht erfreut sein würde über diese “Bestellung”. Aber es stand außer Frage, dass man von dort aus alles tun würde, um seinen “Wunsch” zu erfüllen.


“Weinkeller” by designermikele

“Weinkeller” by designermikele

 

         Nach dem er auf “Senden” gedrückt hatte, streckte Jamie Arme und Beine weit von sich. Dann überlegte er, ob er Claire noch in dieser Nacht in seine Pläne einweihen sollte, entschied sich jedoch dafür, sie erst einmal ausschlafen zu lassen.          
         Kurz danach kam Claire aus dem Bad. Aus den Augenwinkeln sah Jamie, dass sie den großen, weißen Hotelbademantel trug. Sie verschwand sofort hinter dem Bambus-Paravent.

         “Das Bad ist jetzt frei,” rief sie.

         “Danke, ich gehe jetzt auch gleich,” gab er zurück. Dann kramte er seinen Schlafanzug aus dem Koffer und ging duschen.

         Als Jamie eine Viertelstunde später, ebenfalls in einen Hotelbademantel gehüllt, zurückkam, brannte hinter dem Paravent noch Licht. Er ließ sich auf das Sofabett sinken und überlegte kurz. Dann löschte er das Licht.

         “Gute Nacht, Claire.”

         “Gute Nacht, Etienne.”

         Jetzt erlosch auch das Licht hinter dem Paravent.

         Jamie fragte sich, ob Claire wohl in dieser Nacht würde schlafen können. Er hoffte es zumindest. Ob er selbst schlafen würde, war fraglich. Immer wieder spielte er jenen Plan in seinen Gedanken durch, den er bereits während des Abendessens gefasst hatte. Er war sich nicht sicher, ob Claire auf seinen Vorschlag eingehen würde. Aber er musste es zumindest versuchen.

         Um 5.20 Uhr wurde Jamie durch den Druck seiner Blase geweckt. Er stellte den Wecker seines Smartphones aus, der zehn Minuten später klingeln würde. Dann ging er leise ins Badezimmer. Als er zurückkehrte, hatte er seine Sportsachen angezogen. Schnell schrieb er eine kurze Nachricht für Claire auf einen Post-It-Aufkleber, den er an die Badezimmertür hängte. Dann verließ das leise das Zimmer. 

         Um 6.40 Uhr kehrte Jamie aus dem Fitnessbereich zurück. Vorsichtig öffnete er die Tür des Hotelzimmers. Doch darin war noch alles dunkel. Er blieb einen Moment stehen und horchte. Aus dem Bereich hinter dem Bambus-Paravent war ein leichtes Schnarchen zu vernehmen. Jamie musste lächeln. Er nahm seine Kleidung, löste den Post-It-Kleber von der Badezimmertür und ging hinein. Als er  kurz nach 7.00 Uhr wieder das Zimmer betrat, saß Claire in einem der Sessel. Sie hatte beide Beine über die Lehne gehängt und trank in großen Zügen aus einer Wasserflasche, die Jamie am Abend zuvor aus der Minibar genommen und auf den Tisch gestellt hatte. Als sie die Flasche abgesetzt hatte, gähnte sie herzhaft und streckte ihre Arme von sich. Erst jetzt bemerkte sie Jamie. Sie zuckte kurz zusammen und zog ihre Beine von der Sessellehne.

         “Oh! Entschuldigung!”

         Jamie lächelte. 

         “Kein Grund, sich zu entschuldigen. Guten Morgen, Claire! Haben Sie … etwas ... geschlafen?”

         Sie sah ihn an und zum ersten Mal seitdem er ihr begegnet hatte, strahlte sie über das ganze Gesicht. 

         “Ich habe eigentlich nicht gedacht, dass ich in dieser Nacht schlafen könnte,” sagte sie dann, “doch irgendwann muss ich eingeschlafen sein, Als ich aufgewacht bin, hörte ich die Dusche und hatte einen enormen Durst.”

         “Das freut mich. Haben Sie ... Hunger?”

         “Momentan nicht, aber nach der Dusche könnte ich sicherlich einen starken Kaffee und etwas zu essen gebrauchen.”

         “Gut! Ich rufe beim Zimmerservice an.”

         “Danke.”

         Sie erhob sich und ging an ihm vorbei ins Badezimmer. Jamie musste sich zwingen, ihr nicht nachzusehen. Warum sollte sich eine so wunderschöne Frau für ihre atemberaubenden Beine entschuldigen, dachte er und grinste dabei wie ein Honigkuchenmann. Dann spürte er, wie ihm die Röte ins Gesicht schoss. Er griff zum Hörer des Zimmertelefons und bestellte das Frühstück.

 

“Frühstück” by contatoartpix

 “Frühstück” by contatoartpix

 

         Claire brauchte fast vierzig Minuten im Bad und das konnte Jamie nur recht sein. Als sie zurückkam, hatte er etwas aufgeräumt und seinen Koffer gepackt. Dann klingelte auch schon der Zimmerservice und brachte das Frühstück. Nachdem Claire das Essen auf dem kleinen Tisch verteilt und Jamie für jeden von ihnen Kaffee eingegossen hatte, begannen sie schweigend zu essen. Er wartete, bis Claire ihre erste Tasse Kaffee getrunken hatte. Als sie dann auch mit dem ersten Croissant fertig war und sich dem Rührei zuwandte, hielt er den Zeitpunkt für gekommen, sie in seinen Plan einzuweihen.

         “Haben Sie schon darüber nachgedacht,” fragte er vorsichtig, “was Sie nun tun werden?”

         Claire antwortete nicht, aber Jamie sah, wie sich ihr Gesicht leicht verfinsterte. Er wusste, dass diese Frage sie in genau jene Realität zurückgeworfen hatte, aus der sie so gerne entfliehen wollte. Aber das konnte er ihr jetzt nicht ersparen. Sie atmete tief ein, dann sagte sie:

         “Nein, das habe ich noch nicht.”

         “Haben Sie irgendwelche Verpflichtungen?”

         “Wie meinen Sie das?”

         “Nun, vielleicht beruflicher Art?”

         “Nein.”

         Wieder schwieg sie und Jamie beschloss dieses Thema nicht weiter zu vertiefen, denn es schien Claire unangenehm zu sein.

         “Gibt es irgendwelche Freunde, zu denen Sie für eine Zeit gehen könnten?”

         Jamie wusste, dass diese Frage die Gefahr bot, dass Claire ‘ja’ sagte und dann sein Angebot ablehnen könnte. Trotzdem hatte er sich entschieden, danach zu fragen. Denn er wollte auf jeden Fall den Anschein vermeiden, dass er sie zu irgendetwas drängen würde. 

         Doch seine Sorge war unbegründet. Claire sah betreten zu Boden.

         “Nein, meine beste Freundin … hat vor sechs Monaten einen australischen Arzt geheiratet, der in sein Heimatland zurück gegangen ist. Sie … lebt jetzt in Canberra. Und … ein anderer Freund von mir … ist letzte Woche zusammen mit seiner Frau in den Kongo geflogen. Sie sind Ärzte und …”

         “In die Demokratische Republik Kongo? Der aktuelle Ebola-Ausbruch?”

         “Ja, sie helfen dort vor Ort.”

         “Ich verstehe. Und sonst gibt es niemanden?”

         “Naja, es gibt … Bekannte, aber denen würde ich mich nicht anvertrauen wollen …”

         Jamie nickte. 

         “Claire, wenn Sie hier keine beruflichen Verpflichtungen haben und auch keine Freunde, zu denen Sie gehen können, dann hätte ich da einen Vorschlag …”

         “Was für ein Vorschlag?”

         “Nun, wie wäre es mit einer Urlaubsreise?”

         Claire musste spontan lachen.

         “Eine Urlaubsreise?” fragte sie ungläubig.

         “Ja. Was würden Sie sagen, wenn ich Sie auf eine Urlaubsreise nach Deutschland einladen würde? Ich weiß, das klingt jetzt vielleicht verrückt für Sie. Aber es wäre wirklich kein Problem. Meine Familie hat ein großes Hauses, Sie hätten ein eigenes großes Zimmer mit Bad. Meine Schwester würde sich um alles kümmern. Es gibt in der Umgebung Wälder und Seen … ganz in der Nähe. Sie könnten sich Berlin, Potsdam, Dresden ansehen ... wenn Sie möchten. Vielleicht gemeinsam mit meiner Schwester und den Kindern. Wie immer Sie möchten ... Auf jeden Fall hätten Sie Abstand von der ... Situation hier und … Sie könnten sich in aller Ruhe darüber klar werden, wie Sie Ihre Zukunft gestalten wollen.”

 

“Schloss Rheinsberg” by 70650

“Schloss Rheinsberg” by 70650

 

         Er schwieg. Auch Claire konnte vor Erstaunen kein Wort herausbringen.

         “Aber … wie soll das …?”

         “Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Das regele ich. Ich muss nur wissen, ob Sie es möchten. Und ich versichere Ihnen, wenn es Ihnen in Berlin nicht gefällt, dann besorge ich Ihnen ein Ticket hierher zurück. Deswegen und wegen der Kosten müssen Sie sich keine Sorgen machen.”

         “Aber …”

         “Kein aber. Ja oder nein?”

         Claire konnte es kaum glauben. War dies ein Traum oder Wirklichkeit? Gestern Abend noch hatte sie ihn gefragt, wie weit Berlin von hier entfernt sei. 6.000 Kilometer. Was für eine Distanz. 6.000 Kilometer zwischen ihr und dem Monster, das sich immer noch als ihr ‘Ehemann’ bezeichnete …

         “Meinen Sie … das ehrlich?”

         “Ja, Claire. Und ich verbinde damit keine Hintergedanken. Wenn es Sie beruhigt, ich muss in der Woche arbeiten und bin daher meistens nicht zu Hause. Sie werden es tagsüber also hauptsächlich mit meiner Schwester, den Kindern und unserem Personal zu tun haben. Und auch das nur, wenn Sie es wünschen. Sie sind vollkommen frei, zu tun und zu lassen, was immer Sie wollen.”

         Wieder rotierten ihre Gedanken. Konnte sie diesem Mann wirklich trauen. Er hatte sich ihr in der vergangenen Nacht nicht genähert. Aber würde er diese Zurückhaltung auch beibehalten, wenn sie mit ihm in ein anderes, ein fremdes Land flog? Aber vielleicht wollte er ihr wirklich nur helfen? 

         “Sie … sagten, dass Sie bereits heute Abend nach Berlin zurückfliegen würden ... “

         “Ja, das stimmt, aber wenn wir uns beeilen, kann ich das alles noch regeln. Wollen Sie mit mir kommen?”

         Blieb ihr eine Wahl? Hatte sie eine Alternative? Reisen, ein anderes Land entdecken, neue Menschen kennenlernen. Alles das, hatte ihre Kindheit und Jugend, die Zeit, die sie an der Seite ihres Onkels Lamberth verbracht hatte, bestimmt. Und wie sehr hatte sie das alles vermisst. Während sie an Onkel Lamberth dachte, schoss ihr plötzlich eine Liedstrophe aus einer Kinderoper durch den Kopf, die sie vor mehr als zwei Jahrzehnten zusammen mit ihrem Onkel Lamberth besucht hatte. Es war die bekannte letzte Strophe aus Humperdincks ‘Hänsel und Gretel’ -  ‘Wenn die Not auf‘s Höchste steigt, Gott, der Herr, die Hand uns reicht!’ Leise summte sie die Melodie vor sich hin.

         Jamie, der immer noch auf eine Antwort wartete sah sie verwundert an.

         “Claire? Ja oder Nein?”

         “Ja,” antwortete sie und ihre Stimme hatte jene Entschiedenheit zurückgewonnen, die noch lange Zeit nach Abschluss ihres Medizinstudiums eines ihrer besonderen Kennzeichen gewesen war.

         “Ja,” sagte sie erneut und bestimmt fügte sie hinzu: “Ich komme mit Ihnen nach Berlin.”

         Jamies Herz schlug schneller. Bis jetzt hatte er kaum zu hoffen gewagt, dass sie auf seinen Vorschlag einging. Und doch war es geschehen. 

         “Gut, dann werde ich jetzt alles veranlassen. Haben Sie Ihren Reisepass dabei?” 

         “Ja, in meiner Handtasche. Aber brauche ich nicht ein Visum?”

         “Doch. Ich regele das. Machen Sie sich deswegen keine Sorgen.”

         Jamie war aufgestanden und hatte sich an seinen Laptop gesetzt, der noch immer auf dem Schreibtisch stand. Schon am Abend zuvor hatte er eine Mail für diesen Fall vorbereitet. nun sandte er sie ab. Etienne Marcel de Provac Alexandre bat in dieser neuen Mail, der Flasche mit dem Champagner eine Glückwunschkarte beizulegen.

         Nachdem auch das erledigt war, setzte sich Jamie wieder zu Claire an den Tisch.

 

“British Passport” by Gustave.iii - via WikimediaCommons

“British Passport” by Gustave.iii - via WikimediaCommons

 

         “Claire, ist es weit zu … Ihrer Wohnung und wird … Ihr … Mann … zu Hause sein?”

         “Nein, es ist nicht weit von hier, vielleicht 25 oder 30 Minuten mit dem Wagen. Ich nehme an, dass … Frank bis zum Nachmittag in der Universität sein wird …”

         “Gut, dann schreiben Sie mir bitte Ihre Adresse auf diesen Zettel und geben Sie mir Ihren Reisepass.”

         Sie tat, worum er gebeten hatte. 

         “Danke. Essen Sie noch etwas. Wir müssen dann bald aufbrechen, um Ihre Sachen zu holen. Ich weiß nicht, ob wir Zeit haben, in Ruhe zu Mittag zu essen.”

         Sie nickte. 

         Ungefähr eine halbe Stunde später klopfte es an der Tür und eine Stimme rief:

         “Zimmerservice.”

         Claire sah Jamie erstaunt an, doch dieser nickte nur. Er legte ihren Pass und den Zettel mit ihrer Adresse auf einen Teller und breitete eine Serviette darüber aus. Dann ging er zur Tür. Claire sah ihm nach und beobachtete, wie er den Teller einem Kellner übergab. Als Jamie ins Zimmer zurückkehrte, sah er ihren erstaunten Blick.

         “Machen Sie sich bitte keine Sorgen. Vertrauen Sie mir. Ich erkläre Ihen das alles später in Ruhe.”

         Claire gab einen leichten Seufzer von sich.

          “Das ist wohl der Preis, den ich für dieses Abenteuer zahlen muss,” sagte sie dann und belegte ein weiteres Croissant mit Käse, ehe sie es in eine Papierserviette einwickelte und in ihrer Handtasche verstaute.

          Eine Stunde später, Jamie hatte ausgecheckt und ihre Rechnungen beglichen, saßen sie wieder in der Hoteleigenen Limousine und ließen sich von Carl zu Claires Adresse fahren.

 

“Boston” by thefastandthefanagle

“Boston” by thefastandthefanagle

 

         Dort angekommen, öffnete Claire vorsichtig die Haustür mit ihrem Schlüssel. Zu ihrer großen Erleichterung war Frank nirgends zu sehen. Jamie hörte, wie Claire befreit ausatmete. Er sah sich um, und ein Frösteln durchfuhr ihn. Alles, was er von der Einrichtung sah, war alt, jedoch nicht in einem antiken Sinn. Jamie hatte viel übrig, für eine geschmackvolle, antike Einrichtung. Aber diese Wohnungseinrichtung strahlte weder Geschmack noch Wärme aus. Es schien fast, als hätte man sie in den 50ger Jahren auf eine pragmatische Art eingerichtet und dann vergessen, sie mit echtem Leben zu füllen. Alles hier erschien rein funktional, unpersönlich und kalt. Es war eine eingerichtete Wohnung, aber auf keinen Fall ein Zuhause.    

         “Claire, wir müssen uns beeilen, wo sind Ihre Sachen?”

         Sie deutete nach oben und er folgte ihr die Treppe hinauf. Im ersten Stock angekommen, blieb sie einen Augenblick vor einer Tür stehen. Dann stieß sie sie auf und ging hinein. Jamie, der ihr folgte, sah, dass es sich um das Schlafzimmer der Randalls handeln musste. Doch es gab kein Ehebett. Zwei einzelne Betten standen an der rechten und linken Seite des Zimmers. Zu seiner Überraschung lag die Bettwäsche über die Betten verstreut herum. Auf einem Laken waren Blutflecken zu erkennen. Er wagte in diesem Moment nicht, sich auszumalen, was hier geschehen war. Jetzt galt es, einen klaren Verstand zu behalten, die Zeit zu nutzen und Claire dann sicher aus dieser Gefahrenzone zu bringen. Hinterher war immer noch genug Zeit, seinem Zorn über diese Dinge freien Lauf zu lassen. Wenn er wieder zu Hause in Wilhelmshorst war, konnte er so lange er wollte den Sandsack in seinem Fitnessraum mit seinen Fäusten malträtieren. Doch jetzt … Dann bemerkte er, wie Claire einige Koffer auf eines der Betten gelegt hatte und nun damit beschäftigt war, Kleidungsstücke in diese zu packen.

         “Claire, wenn Sie alle Kleidungsstücke eingepackt haben, packen Sie auch bitte alles ein, was Ihnen sonst noch wichtig ist. Dokumente, Bücher, was immer Ihnen gehört.”

         Sie nickte nur und legte weitere Dinge in die Koffer. Als sie drei große Koffer gefüllt hatte, war der Kleiderschrank leer. Jamie trug die Koffer die Treppe hinunter und stellte sie unweit der Haustür ab. Als er zu Claire zurückkehrte, hatte diese einen weiteren, kleineren Koffer und einen Rucksack mit Dokumenten und anderen Dingen gefüllt.

         “Ist das alles?”

         “Das ist alles, was ich in Koffern mitnehmen kann.”

         “Gibt es sonst noch etwas, das Ihnen gehört und das wir in Sicherheit bringen sollten?”

 

“Box” by bluebudgie

“Box” by bluebudgie

 

         “Im Keller gibt es noch etliche Kartons mit Dingen, die mein Onkel Lamberth mir vermacht hat, aber die werden wir kaum mit ins Flugzeug nehmen können.”

         “Keine Sorgen, die bekommen wir auf einem anderen Weg mit nach Berlin. Darum kümmere ich mich.”

         Langsam gingen sie die Treppe hinunter. Doch noch ehe sie auf der letzten Treppenstufe angekommen waren, hörten sie, wie jemand die Haustür auf schloss und hinter sich ins Schloss fallen ließ. Jamie sah ihn als Erster. Ein ganz offensichtlich betrunkener Frank Randall torkelte ihm entgegen und begann, als er den fremden Mann sah, an zu schreien:

         “Was machen Sie hier in meinem Haus?”

         Ein enormer Schub Adrenalin schoss durch Jamies Körper, gefolgt von einer unbändigen Welle an Zorn. Nur mit Mühe konnte er sich zurückhalten. Er wusste, es konnte nicht sein. Der Mann, dem er jetzt gegenüber stand, konnte nicht jener Dämon sein, mit dem er vor Jahren in einem Gefängniskeller in Edinburgh hatte kämpfen müssen und dem er Narben verdankte, die ihn sein ganzes Leben lang an die Zeit in jenem dunklen Gewölbe erinnern würden. Jamies Verstand sagte ihm, dass Jack Randall, genannt ‘Black Jack’, tot war. Aber Frank Randall sah ihm zum Verwechseln ähnlich und es kostete James Fraser alle Kraft, die er in diesem Moment aufbieten konnte, sonst hätte er sich vergessen.

         Dann jedoch nahm Frank Randall Claire neben Jamie wahr.

         “Du Schlampe, Du Hure! Habe ich es doch gewusst! Du hurst mit so einem Muskelprotz herum, aber mir verbietest Du ein bisschen Spaß mit netten Frauen. Du frigide, kalte Hexe, Du …”

         Er hatte den rechten Arm gehoben und versuchte jetzt auf Claire einzuschlagen. Doch ehe sie sich noch ducken konnte, hatte Jamie Franks Arm ergriffen und auf dessen Rücken gedreht. Der Betrunkene schrie vor Schmerz auf. Jamie ließ ihn los und verpasste ihm einen leichten Schubs. Frank landete, mit dem Gesicht nach unten, der Länge nach auf einem gelblichen Sofa. Über ihm stieg eine leichte Staubwolke auf. Claire sah Jamie erschrocken an.

         “Ist er …?”

         “Nein,” versicherte er ihr, “er ist nicht tot. Er ist nur vollkommen betrunken und wird in den nächsten Stunden seinen Rausch ausschlafen. Bevor wir gehen, drehe ich ihn um.”

         Plötzlich erklang die Haustürklingel.

         Wieder sah Claire ihn an.

         “Öffnen Sie die Haustür, Claire. Die Männer holen Deine Koffer.”

         “Die Männer?”

         “Ich erkläre es später. Gehen Sie und öffnen Sie. Ich behalte … Frank im Auge.”

         Sie hatte unzählige Fragen, doch Claire entschied sich jetzt einfach zu funktionieren. Als sie die Haustür öffnete, standen fünf Männer in Latzhosen vor ihr, die aussahen als kämen sie von einer Umzugsfirma.

         “Die Koffer von Frau Randall?” fragte ein großer Mann, der sie an entfernt an  einen Schauspieler erinnerte und ganz offensichtlich der Boss dieser Gruppe war. 

         “Hier bitte.”

         Claire deutete auf die Koffer und zwei andere muskulöse Männer traten ein, nahme die Koffer und trugen sie zu einem schwarzen Kastenwagen, auf dem der Schriftzug “New Castle Movers” zu lesen war. 

         “Gibt es sonst noch etwas, das transportiert werden muss?” fragte der Boss der Truppe.

         “Ja, unten im Keller. Ich zeige es ihnen.”

         Der Mann winkte den verbliebenen zwei Männern zu und gemeinsam folgten sie Claire in den Keller.

 

“Bellhops loading a truck“ by Bellhopsmarketing - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=75018108

“Bellhops loading a truck“ by Bellhopsmarketing -
(Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=75018108)

 

         Dreißig Minuten später hatten die Männer Claire Elisabeth Beauchamp Randalls gesamte Habseligkeiten in den schwarzen Kastenwagen der Firma “New Castle Movers” geladen. Der Boss der Truppe hatte kurz noch einige Worte mit Etienne Marcel de Provac Alexandre gewechselt, dann waren sie davon gefahren. Claire hätte zu gern gewusst, wer diese Männer waren und was sie nun mit ihren Habseligkeiten tun würden. Aber dann begann Frank sich erneut zu regen. Jamie drehte den Betrunkenen, der unverständliches Zeug murmelte, auf den Rücken. Er versuchte sich aufzurichten und redete auf Jamie ein. Doch dieser sah ihn nur an und Frank sank in die Kissen des Sofas zurück. Kurz darauf begann er laut zu schnarchen. Claire konnte nur den Kopf schütteln. Dieser Alptraum mußte endlich ein Ende haben. Sie wollte hier raus, so schnell wie möglich.

         “Wer waren diese Männer, Etienne? Und was passiert mit meinem Sachen?”

         “Das waren Freunde eines Freundes. Ihre Sachen sind in wenigen Stunden auf dem Weg nach Berlin … mit einem Frachtflugzeug. Wahrscheinlich treffen sie einen oder zwei Tage nach uns dort ein. Keine Sorge, meine Firma kümmert sich darum. Haben Sie jetzt alles?”

         Claire nickte.

         “Gut, dann fahren wir jetzt zum Flughafen.”

         Er nahm ihr Handgepäck und ging zur Tür. Claire folgte ihm. Sie war versucht, noch einmal zurückzublicken. Doch sie tat es nicht. Es musste ein Ende haben. Es würde ein Ende haben und zwar jetzt und hier und heute. Sie zog die Haustür hinter sich in Schloss. Dann zog sie den Haustürschlüssel von ihrem Schlüsselbund und schob ihn unter den Topf mit dem kleinen Buxus, der auf der obersten Treppenstufe zum Eingang stand. Jamie, der das Handgepäck im Kofferraum verstaut hatte, hielt ihr die Tür des Wagens auf. Sie stieg ein und er nahm neben ihr Platz.

         “Zum Flughafen, Mr. Alexandre?” fragte der uniformierte Fahrer.

         “Ja, Carl, direkt zum Flughafen.”