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Von Boston nach Berlin in 14 Stunden

Chapter Text

         Im Verlauf ihres Medizinstudiums hatte Claire viele schreckliche Bilder gesehen. Und das, was sie in der Notaufnahme, in der sie später gearbeitet hatte, zu sehen bekam, war oft genauso schlimm gewesen. Nur dass es sich da nicht mehr nur um Bilder, sondern um Verletzungen lebendiger Menschen gehandelt hatte. Das was während des Studiums schlimm, aber weit weg gewesen war, war nahe gekommen und erschien ihr umso schrecklicher. Doch so etwas, wie das, was Claire erblickte, als sie durch die die Tür von James Frasers Fitnessraum trat, hatte sie noch nie geschehen. Später sollte sie sich darüber klar werden, dass diese Erfahrung allen ihren Fragen eine Antwort gab.

 

“Fitnessraum” by lewisgoodphotos

“Fitnessraum” by lewisgoodphotos

 

         Der sensible Mensch in ihr erschauderte vor dem, was sie sah. Doch die Heilerin in ihr konnte nicht anders als ihre Hände ausstrecken und sie auf das schreckliche Narbengeflecht legen, das sich über Jamies gesamten Rücken zog. Erst später sollte ihr klar werden, wie sehr sie ihn mit dieser Geste hätte erschrecken können. Doch Jamie, der seinen Sport beendet und sich fast fertig angekleidet hatte, saß auf einer Bank, die gegenüber einer Spiegelwand stand. Darin hatte er sie kommen sehen. Trotzdem durchfuhr ihn ein leichtes Zittern, als er Claires Hände auf seinem Rücken spürte.

         “Wer … wer … hat das … hat Dir das angetan?” fragte Claire leise und mit bebender Stimme.

         Jamie griff nach ihrer linken Hand und zog sie behutsam zu sich hinunter auf die Bank. Claire glitt auf den Platz neben ihm. Ihr Gesicht spiegelten den immensen Schock wider, den das Gesehene bei ihr ausgelöst hatte. Jamie legte seinen linken Arm um ihre Schultern und zog sie vorsichtig an sich. Dann antwortete er, ebenso leise:

         “Jonathan Wolverton Randall, besser bekannt als ‘Black Jack’ Randall.”

         Claires Augen füllten sich mit Entsetzen.

         “Hast … hast Du ihn getötet?”

         Obwohl die Situation so ernst war, konnte Jamie nicht anders als lächeln.

         “Nein,” sagte er leise und seine Worte wurden von einem leichten Kopfschütteln begleitet, “ich habe es mir viele tausend Mal gewünscht. Aber schließlich waren es dann andere Männer, die seinem Leben, zumindest dem, das er auf dieser Erde hatte, ein Ende bereiteten.”

         “Er … er … war Franks Cousin …” sagte sie und aus ihren Lungen entwich ein langer Atemzug. Ihr Blick wanderte ins Leere.      

         “Ich habe es nicht gewusst … aber seitdem ich … seit der Begegnung in Boston habe ich geahnt, dass sie irgendwie miteinander verwandt sein mussten.”

         Claire wandte ihr Gesicht wieder Jamie zu. Langsam fuhr sie mit ihrer rechten Hand über seine linke Wange. Sie wollte etwas sagen, doch nichts, was ihr in den Sinn kam, schien ihr für diesen Moment passend zu sein. Wieder schüttelte sie den Kopf, dann ließ sie ihren Blick auf den Boden des Fitnessraumes sinken. Jamie zog sie erneut vorsichtig an sich.

         “Kein Sorge Claire. Das ist alles vorbei. Und hier wird Dir niemand etwas antun.”

         Stumm verharrten sie noch einige Minuten so. Dann erhob sich Jami, zog Unter- und Oberhemd über und stopfte beides in die Hose, die er bereits angezogen hatte, ehe Clair gekommen war. Schließlich schlüpfte er in die schwarzen Lederschuhe, die unter der Bank standen. Immer noch schweigend verließen sie den Keller und nahmen den Aufzug, der sie in das Dachgeschoss brachte. Es war Jamie nicht verborgen geblieben, wie tief diese weitere Offenbarung über den Hintergrund von Franks Familie Claire erschüttert hatte. Vor der Tür zu ihrem Zimmer angekommen, fragte er:

         “Claire, geht es Dir gut? Kann ich irgendetwas für Dich tun?”

         “Ich bin erschöpft und ich möchte mich hinlegen, aber … “

         “Ja?”

         “Ich möchte jetzt nicht allein bleiben. Könntest … könnten Sie …”

         “Bleiben wir doch beim Du, bitte. Und ja, ich kann gern bleiben, wenn Du das möchtest.”

         “Ja, bitte.”

 

“Schlafzimmer” by innokurnia

“Schlafzimmer” by innokurnia

 


         Sie betraten das große, helle Zimmer. Während sich Claire auf das Bett setzte und ihre Schuhe abstreifte, trat Jamie an eines der Fenster und sah hinaus. Dann wandte er sich wieder zu Claire:

         “Ich habe … Dich noch gar nicht gefragt, ob Dir das Zimmer gefällt. Ich hoffe, Du fühlst Dich wohl.”

         “Oh ja.”

         Claire ließ ihren Blick durch den großen Raum schweifen. Ihr Gesicht ließ erkennen, dass sie nachdachte.

         “Aber?”

         “Kein ‘aber’. Es ist nur so, dass ich … nun ja, ich hatte noch nie zuvor einen so großen Raum für mich ganz allein. Es ist ja … im Grunde genommen ein Apartment und kein Zimmer. Ich genieße, dass es so hell ist …”

         Sie blickte nach oben in Richtung des Daches. Der mittlere Teil des Dachfirstes war verglast, so dass er am Tag die Sonne herein ließ und man in der Nacht durch ihn den Sternenhimmel betrachten konnte.

         “Weißt Du, dass Du die Verglasung im Dachfirst abdecken kannst? Falls es zu hell oder zu warm durch die Sonneneinstrahlung wird.”

         Claire sah Jamie fragend an. Dieser ging zu dem kleinen Couchtisch, der nahe der Tür stand und den Mittelpunkt einer kleinen Sitzgruppe bildete. Neben einer Schale mit Obst lag eine Art Fernbedienung. Er nahm sie und gab sie Claire.

         “Es gibt nur zwei Funktionen: ‘auf’ und ‘zu’. Drück’ ‘mal auf ‘zu’.”

         Claire betätigte den Knopf und gemeinsam beobachteten sie, wie sich eine dunkle Abdeckung über die Verglasung schob.

         “Wenn ich … diese Fenster abdecken lasse, bedeutet das, dass dann auch die Fenster auf der anderen Seite des Firstes abgedeckt werden?”

         “Nein. Darüber musst Du Dir keine Sorgen machen. Die Verglasung über meinem Zimmer bleibt frei. Ich habe aber auch eine Fernbedienung, mit der ich meine Seite abdecken kann. Aber wolltest Du nicht etwas schlafen.”

         Claire nickte, sie ging zurück zu dem großen weißen Bett und setzte sich gegen die hölzerne und mit großen Kissen versehene Kopfseite des Bettes.

         “Kannst Du Dich … neben mich setzen?”

         “Sicher.”

         Jamie umrundete das Bett, streifte die Schuhe ab und setzte sich neben sie. Nach einem Moment des Zögerns entschied er sich seinen rechten Arm um sie zu legen. Claire ließ sich gegen seine Schulter sinken. Die Szene erinnerte Jamie an den jenen Abend, an dem sie genauso nebeneinander sitzend von Boston abgeflogen waren. Und tatsächlich, es dauerte wieder nur kurze Zeit, ehe Claire einschlief. Mit Freude beobachtete er, wie sich erst ihr Körper und wenig später auch ihre Gesichtszüge entspannten. Ungefähr eine halbe Stunde nachdem sie eingeschlafen war, begann Claire sich zu drehen. Ganz offensichtlich, versuchte ihr Körper sich im Schlaf in eine bequemere  Position zu bringen. Jamie stand auf, umrundete das Bett und hob sie vorsichtig auf beide Arme. Er setzte sie sie etwas unterhalb der Kopfkissen wieder ab, bettete ihren Kopf auf eines der Kissen. Dann nahm er die Decke, die am Fußende des Bettes lag und deckte sie damit zu. Er war froh, dass Clair bei dieser Aktion nicht aufgewacht war, doch ehe er sich wieder neben sie setzen konnte, hatte sie sich, immer noch schlafend, umgedreht und sucht tastend mit ihrer ausgestreckten linken Hand nach ihm. Er griff nach ihrer Hand und flüsterte:

         “Ich bin hier.”

         Aus Claires Richtung kam keine Antwort, nur ein leichtes Seufzen. Anstatt seine Hand loszulassen, zog sie sie mit ihrer Hand in Richtung ihres Bauches und hielt sie dort fest. Jamie musste lächeln. Er schloss die Augen und war dankbar, dass in diesem Moment niemand seine Gedanken lesen konnte.

         Gegen 16.00 Uhr ertönte der Alarm auf Jamies Smartphone. Claire wachte auf und gähnte. Dann bemerkte sie die Hand, die sie mit der ihren umklammerte und ließ sie erschreckt los.

         “Guten Morgen,” murmelte Jamie, der nicht geschlafen hatte.

         Claire drehte sich abrupt um und nun lagen sie sich Auge in Auge gegenüber.

         “Habe ich … die ganze Zeit …”

         “Kein Problem, Claire. Mein Arm ist ein wenig eingeschlafen,. aber es gibt Schlimmeres. Ich wollte Dich nicht wecken. Aber jetzt ist es Zeit für Tee und dann müssen wir uns wir uns für den Abend fertig machen.

         Claire seufzte.

         “Bleib liegen. Ich bitte Helene uns den Tee zu bringen.”

         “Aber das muß doch nicht …”

         Er lächelte.

         “Doch, das muss sein,” sagte er und griff zu seinem Smartphone, um die Nummer von Helene Ballin zu wählen. Während er darauf wartete, dass die Haushälterin abnahm, dachte er, dass dieser Abend, insbesondere das Gespräch, dass sie mit seinem ‘Freund’ führen mussten, für Claire noch anstrengend genug werden würde.

 

“Tea Time” by NajukusnijiRecepti

“Tea Time” by NajukusnijiRecepti

         Drei Stunden später, pünktlich um 19.00 Uhr läutete es an der Haustür. Jamie hatte bereits vom Fenster der Eingangshalle aus gesehen, wie ein großer, schwarzer Opel die Einfahrt hinaufgefahren war. Der Fahrer hatte gehalten, dann hatte er die Beifahrertür geöffnet und einen ungefähr 1.80 m großen, älteren Herrn aussteigen lassen. Jamie hatte die Tür geöffnet und seinen Freund begrüßt.

         Claire und Jamie hatten den Tee, den Helene Ballin serviert hatte, gemeinsam eingenommen. Während Jamie sich in seinem Zimmer auf das abendliche Gespräch vorbereitete, in dem er eine kleine Liste mit Fragen und Gedanken erstellte, duschte Claire und überlegte, was sie zu dieser Gelegenheit anziehen sollte.
         Am Ende entschied sie sich für ein dunkles, klassisch-zeitloses Kleid, dessen Rockteil weit über die Knie ging. Obwohl es ihren Körper betonte, hatte Frank, als er es zum ersten Mal sah, es als ‘prüde Pietisten-Kutte’ bezeichnet. Als sie ihn damals entgeistert angesehen hatte, hatte er hinzugefügt, dass sie darin aussehen würde ‘als sei sie dem 18. Jahrhundert entsprungen’. Mit dieser Bemerkung hatte er gar nicht so unrecht. Denn Claire hatte das Kleid bei einem Stadtbummel in einem Geschäft entdeckt, deren Besitzerin auch Reenactment-Kostüme schneiderte. Aber das hatte sie Frank nicht gesagt. Sie wusste, dass er sie dann endgültig für verrückt erklärt hätte. Aber wie sollte sie ihm auch erklären, dass es nicht allein modische Gründe waren, die sie bewogen hatten, dieses Kleid zu kaufen. Sie konnte es sich ja selbst nicht ganz genau erklären. Alles, was sie hätte antworten können, war, dass irgendetwas an diesem Kleid zu ihr gesprochen hatte. Dieses Kleid war nicht das einzige, das sie in jenem Geschäft erstanden hatte. Nach und nach hatte sie ein Kleid in bedecktem rot, ein Kleid in dunkelgrün und ein weiteres in dunkelblau gekauft. Alle diese Kleider hatte Claire, damit Frank sie nicht entdeckte, in einer Holzkiste verstaut, die sie von ihrem Onkel Lambert geerbt hatte. Wenige Wochen bevor ‘das Schreckliche’ geschah und sie anschließend Boston verließ, hatte sie noch einmal den Drang gespürt, das Geschäft aufzusuchen. Bei dieser Gelegenheit kaufte sie drei weitere Kleider. Auch diese verschwanden wieder in Onkel Lambs Kiste. In all’ dem Chaos, das ihre Flucht aus Boston begleitet hatte, hatte Claire die Kleider ganz vergessen. Doch dann waren die Koffer und Kisten, die in jenem schwarzen Transporter mit der Aufschrift “New Castle Movers” verschwunden waren, in Berlin eingetroffen und Claire hatte sich gefragt, ob sie diese Kleider nun würde tragen können. Doch als sie bemerkte, dass auch Jamies Schwester fast ausschließlich Kleider trug, hatte sie die Frage, ob sie unpassend gekleidet sein könnte, verworfen. An den vergangenen Tagen hatte sie modernere Kleider mit hellem, floralem Muster getragen. Doch für den Anlaß dieses Abend erschien ihr dieses Kleid angebracht. Wie die anderen Kleider, die sie gekauft hatte, besaß auch dieses einen ovalen Ausschnitt, in den sie in Tuch gesteckt hatte. Normalerweise steckte sie es so, dass noch ein kleiner Teil ihres Halses zu sehen war. Doch diesmal bedeckte sie alles. Die Spuren, die ‘das Schreckliche” hinterlassen hatte, hatten sich in den vergangenen Tagen bläulich verfärbt und sie wollte nicht, dass irgendjemand das sah.
         Claire sah sich noch einmal im Spiegel an. Dann öffnete sie die Tür und trat auf den Gang. Sie entschied sich, nicht den Aufzug zu nehmen. Langsam ging sie die Treppe hinunter. Plötzlich hörte sie, wie die Türglocke erklang und als Claire in der ersten Etage angekommen, vernahm sie Stimmen. Eine dieser Stimmen gehörte Jamie, der einen Mann begrüßte, den er Ferdinand nannte. Claire hielt einen Moment inne. Sie war jetzt nur noch eine Biegung und einen Treppenabsatz von der Eingangshalle entfernt. Es lag ihr fern, jemanden zu belauschen dennoch hielt irgendetwas sie zurück.

         “Jamie! Ich freue mich, Dich wiederzusehen!”

         “Die Freude ist ganz meinerseits, Ferdinand! Auch wenn der Anlass etwas … nun ja … kompliziert … ist.”

         “Ach Jamie, vor ‘kompliziert’ fangen wir doch erst gar nicht an an. Wir starten bei ‘unmöglich’ und fahren mit ‘aussichtslos’ fort. Aber erst bei ‘utopisch’ laufen wir zur Höchstform auf.”

         Die Männer kicherten kurz. Doch dann wurde die Stimme, die dem ihr unbekannten Ferdinand gehörte, ernster:

         “Jamie, das alles muss kein wirkliches Problem sein. Wir müssen nur weise mit der ganzen Angelegenheit umgehen. Es ist wichtig, dass wir besonnen agieren. In anderthalb Jahren sind die Wahlen und Ernst hat gute Aussichten dann an die Spitze  eines Ministerium aufzusteigen. Von dort aus sind es nur noch ein oder zwei gewonnene Wahlen. Mit jedem dieser Schritte kommen wir unserem gemeinsamen Ziel näher. Wir dürfen …”

         “… es nicht gefährden,” beendete Jamie den Satz.

         Nach einer kurzen Pause fuhr er fort:

         “Ich weiß, Ferdinand. Ich weiß. Und ich werde alles tun, damit das nicht geschieht.”

         Claire fragte sich, um was für ein gemeinsames Ziel es den Männern ging. Und wer war der Mann namens ‘Ernst’, von dem sie sprachen? Doch dann musste sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf ein Jucken in ihrer Nase richten. Sie versuchte das herannahende Niesen zu unterdrücken. Sie ging um die Ecke und trat auf die Treppenstufen, die direkt in die Halle führten.

 

“Foyer” by ErikaWittlieb

“Foyer” by ErikaWittlieb

 

         Dann nieste sie - laut und vernehmlich. Die Männer, die in der Halle standen, blickten zu ihr herauf.

         “Gesundheit!”

         Ihr Wunsch kam wie aus einem Mund.

         Claire nieste noch einmal. Sie schüttelte sich leicht. Dann lächelte sie und ging die letzten Stufen in die Halle hinunter.

         Sie spürte, wie Jamies Blick sich an sie heftete und sie bei jedem Schritt hinunter begleitete.

         “Guten Abend,” sagte sie, als sie in der Halle angekommen war.

         “Guten Abend, Claire,” antwortete Jamie. Dann wandte er sich dem älteren, hochgewachsenen Mann zu und stellte sie einander vor.

         “Claire, dies ist mein guter Freund, Ferdinand Groide.”

         Sie gab dem Fremden ihre Hand, der zu ihrer Überraschung einen Handkuss andeutete.

         “Sehr angenehm. Herzlich willkommen in Berlin.”

         “Ferdinand, dies ist Claire Elisabeth Beauchamp.”

         “Guten Abend, Herr Groide und herzlichen Dank für das Willkommen.”

         Jamie führte den Gast und Claire in das Esszimmer, wo Ian und Jenny bereits warteten. 

          Mit Interesse nahm Clair wahr, dass die Murrays, aber auch Frau Ballin, den Gast wie einen alten Freund behandelten. Als die Haushälterin das Abendessen auftrug, erwähnte sie, dass sie sein Lieblingsgemüse zubereitet habe und Jenny bedankte sich vor und nach dem Abendessen für den großen Blumenstrauß, den der Gast mitgebracht hatte. Claire selbst hielt sich während des Essens, aber auch bei dem Gespräch, das sich zwischen den einzelnen Gängen entspann, sehr zurück und verlegte sich mehr darauf die Interaktion der einzelnen Personen zu beobachten.

          Als auch der Kaffee ausgetrunken war, den Helene mit dem Dessert serviert hatte, drängte Jamie zum Aufbruch. Die Murrays verabschiedeten sich und zogen sich in ihr Wohnzimmer zurück, während Jamie Claire und Herrn Groide in die Bibliothek führte. Dort hatte er zuvor von Helene Ballin den größeren rechteckigen Tisch für ihre kleine Konferenz herrichten lassen. Er hatte es nicht als angemessen empfunden, dieses Gespräch am Couchtisch zu führen.

 

“Chipendale” by JamesDeMers

“Chipendale” by JamesDeMers

          Nachdem sie sich gesetzt und Jamie jedem ein Glas Wasser eingeschenkt hatte, begann Ferdinand Groide:

          “Frau Beauchamp, Jamie, Herr Fraser, hat mir davon berichtet, dass Ihr Ehemann Dr. Frank Randall ist. Stimmt das?”

          “Ja, das ist richtig.”

          “Und stimmt es auch, dass Ihr Ehemann nicht nur als Historiker in Harvard lehrt, sondern auch für den britischen MI5 tätig ist?”

          “Ja, auch das ist richtig.”

          “Verzeihen Sie mir, wenn ich hier nachfrage. Aber normalerweise sprechen die Menschen, die für einen Geheimdienst arbeiten, nicht über diese Tätigkeit. Auch nicht zu ihren Ehepartnern oder Familienangehörigen. Wie kommen Sie darauf, dass Ihr Ehemann im Dienst des MI5 steht?”

          Claire musste lächeln.

          “Mein Ehemann ist nicht nur von der Sache des, wie er es nennt, großen Britischen Empire und seiner Überlegenheit überzeugt, sondern auch sehr von sich selbst. Diese … Überheblichkeit und … der Alkohol … bewirkten oft eine gewisse Redseligkeit. Hinzu kam, dass er mich … insbesondere in den letzten Jahren … nicht als intellektuell ebenbürtig betrachtete. Er konnte sich wohl nicht vorstellen, dass das, was er mir erzählte, eines Tages gegen ihn verwandt werden könnte.”

         “Können Sie mir ein Beispiel geben?”

         “Ich bin bereit, mein Wissen mit Ihnen zu teilen. Aber Sie werden verstehen, dass ich gewisse Garantien brauche.”

         Jamie musste lächeln. Er hatte Claire nicht unterschätzt und es freute ihn, dass sie ihre Sache so klar vertrat.

         “An welche Art von Garantien denken Sie?”

         “Nun, zuerst einmal stellt sich für mich die Frage, ob ich hier, also hier im Land bleiben kann. Momentan darf ich dankbar die Gastfreundschaft der Familie Fraser in Anspruch nehmen. Aber wie Sie vielleicht wissen, bin ich ausgebildete Ärztin. Chirurgin, um genau zu sein. Und sobald ich meine Angelegenheiten in den USA geklärt habe, würde ich gern wieder in meinem Beruf arbeiten, ein eigenes Einkommen erzielen.”

         Ferdinand Groide nickte.

         “Ihrem Aufenthalt in unserem Land sollte erst einmal grundsätzlich nichts im Wege stehen. Sie haben, wenn ich richtig informiert bin, ein Visum, das für drei Monate gültig ist. Das kann ohne Probleme verlängert werden, denn Jamie, ich meine Herr Fraser, bürgt ja für sie. Und wenn Sie sich dafür entscheiden sollten, die Deutsche Staatsbürgerschaft zu erwerben … Ich sehe auch grundsätzlich keine Probleme, die gegen eine spätere Arbeitsaufnahme sprechen. Wie Sie sicher wissen, sucht unser Land seit Jahren ständig nach medizinischem Personal und Ärzte nehmen wir natürlich ganz besonders gern.”

         Er lächelte, dann fuhr er fort:

         “Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass wir sie als Chirurgin oder in einem Krankenhaus einsetzen könne, aber ich bin sicher, wir finden einen Arbeitsplatz, an dem Sie diese Kenntnisse und Fähigkeiten einsetzen und ihr eigenes Gehalt erwerben können. Aber sie sprachen von Garantien, Plural?”

         “Ja. Wie Sie vielleicht auch wissen, habe ich meinen Ehemann verlassen. Unsere Ehe bestand schon seit mehreren Jahren nur noch auf dem Papier. Ich werde die Scheidung einreichen, falls das von hier aus möglich ist. Trotzdem kann mir dieser … das Leben … dieses … sein Leben nicht egal sein. Ich bin Ärztin, ich habe einen Eid abgelegt. Wenn ich die Geheimnisse preisgebe, die ich erfahren habe … was werden Sie dann mit ihm tun?”

         “Wie meinen Sie das? Was werden wir mit ihm tun?”

         “Werden Sie ihm etwas antun, ich meine, werden Sie ihm etwas antun lassen?” 

         Ferdinand Groide und Jamie sahen einander erstaunt an. 

         “Frau Beauchamp, wir sind nicht die Mafia, wir dingen keine Auftragskiller.”

         “Aber Sie gehören zu einem Geheimdienst, Herr Groide.”

         Claire sagte diesen Satz mit derselben Ruhe und Sachlichkeit, als ob sie zu Jenny sagen würde: 

         “Wenn Du noch ein Ei mehr in den Teig gibst, wird er besser.”

         “Und Geheimdienste tun solche Dinge,” setzte sie ihrer Feststellung mit derselben Sachlichkeit hinzu.

         “Nun ja, vielleicht die CIA oder der KGB,” antwortete Groide lächelnd. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort:

         “Lassen Sie mich Ihnen so antworten: Nach meiner Überzeugung ist ein lebender Frank Randall für einen Geheimdienst wesentlich interessanter und auch wertvoller als ein toter Frank Randall.”

         “Das heißt, Sie garantieren mir, dass die Informationen, die ich Ihnen gebe, sein Leben nicht gefährden werden.”

         Erneut sahen Groide und Jamie einander an.

         “Versprechen Sie es.”

         Es war keine Frage, keine Bitte, es war eine Forderung und die Weise, in der sie diese Forderung vorbrachte, ließen keinen der Männer im Unklaren darüber, dass es für sie keine Alternative zu diesem Handel gab. 

         Groide schlug in die Hand ein, die Claire ihm entgegen streckte. 

         “Sie haben mein Wort, Frau Beauchamp. Sie kennen mich noch nicht und wahrscheinlich misstrauen Sie mir. Das ist nur verständlich. Aber Jamie, Herr Fraser, kann Ihnen bestätigen, dass ich mein Wort halte.”

         Claire sah zu Jamie hinüber. Dieser nickte.

         “Abgemacht.”

         Sie griff zu dem Glas mit Wasser, das Jamie ihr hingestellt hatte und leerte es in einem Zug. 

         Dann begann sie zu erzählen.