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Von Boston nach Berlin in 14 Stunden

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"Tea” by Pexels

"Tea” by Pexels 

 

         “Es ist gut, eine kleine Pause zu machen,” sagte Groide während er langsam durch den Raum schritt und dann an einem der Fenster verharrte. Auch Claire war aufgestanden und hatte sich gestreckt. Ihre Schritte führten sie an eines der  Bücherregale aus dunklem Eichenholz. Langsam ließ sie ihre Blicke über die alten, in Leder gebundenen Bände streifen. Dann wanderte ihr Blick zu Groide hinüber.         
         Ferdinand Groide war, zumindest soweit sie es bis jetzt beurteilen konnte, schon rein äußerlich eine beeindruckende Person. Claire schätzte ihn auf Mitte 60 und sollte damit fast richtig liegen. Der 66 jährige, hoch aufgewachsene Mann stand kerzengerade vor dem Fenster und hatte seine Arme auf dem Rücken verschränkt. Er war mittelschlank und nicht muskulös, aber seine Bewegungen ließen darauf schließen, dass er sich für sein Alter körperlich fit gehalten hatte. Seine schwarzen, kurz geschnittenen Haare zeigten lediglich an den Schläfen graue Stellen. Seit dem ersten Moment ihrer Begegnung hatte die außergewöhnliche Form seines Gesichtes - man konnte es fast als rechteckig bezeichnen - Claires Aufmerksamkeit erregt. Die Art seines Auftretens und seines Benehmens strahlten Ruhe und eine Art positiver Autorität aus. Er trug einen schwarzen dreiteiligen Anzug aus Schurwolle, dessen Jackett er vor dem Essen abgelegt hatte. Die darunter zum Vorschein gekommene, zeitlos elegante Weste, aus deren kleiner Seitentasche eine goldene Uhrenkette ragte und die zum Einstecktuch seines Jacketts passende, dezente Krawatte aus dunklem italienischen Seiden-Jaquard kontrastierten das einfache, aber makellose weiße Hemd des Besuchers. Groide trug außer einer goldgerahmten, dickglasigen Brille, die auf Kurzsichtigkeit schließen ließ, einen einfachen goldenen Ehering  an der rechten und einen Siegelring mit einem dunkelblauen Stein an der linken Hand. Beim Essen waren Claire außerdem die rechteckigen, goldenen Manschettenknöpfe aufgefallen, die Groides Monogramm trugen. Alles an diesem Mann unterstrich Claires Eindruck, dass sie es hier mit einem Menschen zu tun hatte, der nicht nur genau wusste, wer er war, sondern auch was er tat.

         Augenblicke später öffnete sich die Tür und Jamie trat ein.

         “Der Tee kommt gleich. Möchtet Ihr vielleicht noch etwas anderes trinken?”

         Claire schüttelte den Kopf, Groide drehte sich zu Jamie um und sagte:

         “Danke. Jetzt noch nicht.”

         Wenig später zog ein Klopfen ihre Aufmerksamkeit auf sich.

         Nachdem Helene Ballin den Tee serviert und jeder eine Tasse getrunken hatte, fragte Groide:

         “Können wir fortfahren?”

         Claire nickte.

         Groide drückte die Aufnahmetaste des Rekorders und Claire fuhr fort zu erzählen:

         “Mein Mann hat den neuen Medien gegenüber immer eine gewisse Ablehnung gehegt. Natürlich hatten wir einen PC im Haus, der mit dem Internet verbunden war. Doch mein Mann benutzte ihn nur äußerst selten. Er besitzt selbstverständlich auch einen Laptop. Aber dieser durfte nie mit dem Internet verbunden werden. Frank hatte immer Angst vor Viren oder dass Hacker seine Arbeit stehlen würden. Vor dem Jahr 2015 hatte ich bei dem Begriff ‘Arbeit’ lediglich an seine Forschung und an die Manuskripte seiner Bücher gedacht. Aber seit jenem Gespräch im November 2015 fragte ich mich, ob es nicht auch um ganz andere Dinge gehen könnte. Mein Mann nahm seinen Laptop immer mit in die Universität. Aber das stellte kein Problem dar. Denn Frank war von dem Gedanken besessen, sein Laptop könnte verloren gehen oder - noch schlimmer - gestohlen werden. Aus diesem Grund …”

         “.... gab es Datenträger?” fragte Groide interessiert.

         “Nein,” antwortete Claire lächelnd, “Papiere.”

         Der Ausdruck höchsten Erstaunens war aus der Stimme des älteren Herrn zu entnehmen.

         “Ja, Papiere. Frank war der Meinung, dass nur das, was mit der Hand geschrieben wurde, sich bleibend im Gedächtnis verankern würde. Aus diesem Grund verfasste er alles, was er später in seinen Laptop eingab, erst handschriftlich.”

         “Und Sie hatten Zugang zu diesen handschriftlichen Unterlagen?” fragte Groide, der nun seine Arme auf den Tisch gelegt und mit seinem ganzen Körper etwas nach vorn gerückt war.

         “Nein,” antwortete Claire lächelnd.

         “Schade.” 

         Eine unverkennbare Enttäuschung breitete sich auf dem Gesicht des Deutschen aus.

         “Wieso?” fragte Claire und fügte hinzu: “Zugang kann man sich doch verschaffen.”

         Dabei legte sie ihren Kopf kokett zur Seite, lächelte und zuckte mit den Schultern.

         Erneut machte sich Verwunderung auf Groides Gesicht breit. Jamie musste sich derweil zusammenreißen, denn beinahe hätte er laut gelacht. Diese Frau war nicht nur intelligent und stark, sie hatte auch Humor. Es war köstlich, die sich schnell abwechselnden Gemütsregungen anzusehen, die sie auf das Gesicht von Ferdinand Groide zu zaubern im Stande war.

         “Sie haben sich also … Zugang … verschafft …” stellte dieser fest und bemühte sich dabei sachlich zu bleiben. 

         “Ja,” stelle Claire ihrerseits sachlich fest und nahm erneut einen Schluck aus ihrer Teetasse.

         “An einem Freitagabend, es war Anfang Februar 2016, war mein Mann sehr wütend von der Universität gekommen. Mir gegenüber behauptete er, er habe einen Streit mit der Universitätsleitung bezüglich seiner Forschungsgelder gehabt. Später sollte ich erfahren, dass es diesen Streit nie gab. Vielmehr war es so, dass ihn eine seiner Affären abserviert hatte. Aber das ist eine andere Geschichte. Wie immer, wenn er ärgerlich war oder nicht wusste, wie er mit einer Situation umgehen sollte, wurde er aggressiv und trank. So war es auch an diesem Wochenende.”

         Claire hielt einen Moment inne, sah auf den Tisch und atmete tief ein.

         “Am Sonntag dann ... begann er bereits nach dem Mittagessen damit, Whisky zu trinken. Er trank bis er schnarchend auf dem Sofa lag. Ich nutzte diese Gelegenheit, um einen Abdruck von dem Schlüssel seines Aktenschranks und von dem Schlüssel seines Schreibtischs zu fertigen.”

         “Woher wusstest Du, wie man soetwas macht?” fragte Jamie, der Claire jetzt erstaunt ansah.

         “Wie gesagt, ich bin sehr … nonkonformistisch … aufgewachsen und erzogen worden. In Hafenvierteln kann man … mit … Menschen in Kontakt kommen, … die einem bei … solchen Fragen … weiterhelfen. Ich hatte die Vorweihnachtszeit genutzt, um, naja, sagen wir, dorthin Kontakte zu knüpfen. Frank hasst es, shoppen zu gehen und so wusste ich, dass ich an diesen Tagen nicht damit rechnen musste, dass er mich begleiten wollte. In einer Bar erkundigte ich mich und die Bedienung hinter der Theke sagte mir, dass sie mir gegen die Zahlung von 100 Dollar einen Kontakt herstellen könnte. Ich gab ihr 50 Dollar und die Nummer meiner Abteilung im Klinikum sowie die Daten, zu denen ich Nachtschicht hatte. Zwei Tage später rief ein Mann an, der sich ‘Joe’ nannte. Wir verabredeten ein Treffen am Abend des nächsten Tages. Er versprach, mir zwei kleine Kästen mit einer Masse zu geben, mit denen ich Abdrücke anfertigen könnte. Dafür verlangte er 600 Dollar. Am nächsten Abend, kurz bevor die Nachtschicht begann, traf ich ‘Joe’ auf dem Parkplatz des Klinikums. Er gab mir eine braune Tüte, so, wie man sie bei Burger- und Fastfoodrestaurants bekommt. Darin waren die kleinen Kästen. Ich gab ihm einen Umschlag mit dem Geld. Wir verabredeten, dass ich mich wieder bei ‘Brenda’ in der Bar melden würde, wenn ich die Abdrücke hätte. Es dauerte einige Zeit, aber Anfang Februar hatte ich dann, wie gesagt, endlich Gelegenheit, meinen Plan auszuführen. Als Frank an jenem Sonntagnachmittag betrunken auf dem Sofa eingeschlafen war, nahm ich den Schlüsselbund aus seiner Jackentasche. Dann schloss ich mich im Bad ein und fertigte die Abdrücke. Als ich ins Wohnzimmer zurückkehrte, schlief Frank noch immer und es war ganz einfach, den Schlüsselbund wieder in seine Jackentasche gleiten zu lassen. Die Kästchen mit den Abdrücken hatte ich, in ein Handtuch eingewickelt, ins Schlafzimmer mitgenommen. Dort habe ich sie dann unter anderen Sachen in meinem Arztkoffer verstaut.”

 

“Medical Bag” by Raimundo Pastor

“Medical Bag” by Raimundo Pastor

 

         Claire hielt Jamie ihre Tasse hin und dieser schenkte ihr noch einmal Tee ein.

         “Einige Tage später suchte ich erneut die Bar auf, gab ‘Brenda’ weitere 50 Dollar, die Kästen und einen Zettel mit den Daten meiner nächsten Nachtdienste. Es dauerte ungefähr 10 Tage, dann meldete sich ‘Joe’ während meines Nachtdienstes und kündigte an, mir die Schlüssel am nächsten Abend vorbei zu bringen. Genauso geschah es dann auch. Er gab mir die Schlüssel und ich gab ihm weitere 600 Dollar. Am Tag darauf ging ich noch einmal in die Bar und gab ‘Brenda’ weitere 100 Dollar, wie ich es ihr versprochen hatte. Damit war das Geschäft beendet. Insgesamt habe ich 1400 Dollar gezahlt. Ich dachte, diese Investition würde sich bestimmt lohnen.”

         Jetzt nahm Claire einen großen Schluck aus der Tasse, die Jamie ihr hingestellt hatte.

         “Investition?” fragte Jamie.

         “Nun ja, ich war schon neugierig, ob Frank wirklich für den Geheimdienst arbeitete oder ob er nur angegeben hatte. Ehrlich gesagt hielt ich seine Geschichte immer noch für pure Angeberei und ich hatte nicht damit gerechnet, wirklich etwas zu finden das mit dem MI5 zu tun hatte. Aber ich hoffte, dass mir Beweise für seine Affären in die Hände fallen würden. Beweise, die ich im Falle einer Scheidung …”

         Claire hielt einen Moment inne.

         “Mit unserer Ehe war in den Jahren zuvor immer mehr bergab gegangen … ich hatte Gerüchte gehört, ich hatte auch immer ‘mal wieder einen Verdacht. Aber das Studium und die Arbeit … hatten mir keine Zeit gelassen ...”

         “Und dann haben Sie die Schlüssel eingesetzt?” fragte Groide, der sehr daran interessiert war, dass das Gespräch nicht auf Nebenthemen abglitt.

         “Ja, Mitte März bot sich die Gelegenheit dazu. Frank flog über ein Wochenende, angeblich, zu einer Tagung nach Edinburgh und ich nutzte die Gelegenheit, um mich in seinem Aktenschrank umzusehen. Ich war ehrlich gesagt erstaunt, wie gut die Schlüssel funktionierten. Als ich seinen Aktenschrank öffnete fand ich unter anderem 14 Akten, die die Männer der Führungsebene der ‘Neuen Jakobiten’ betrafen. Darin gab es detaillierte Angaben über jeden einzelnen dieser Männer. Lebensläufe, Stammbäume, Familienbeziehungen, Freundschafts- und Geschäftsbeziehungen, Beziehungen ins Ausland und mehr. In jeder dieser Akten gab es auch eine Mappe mit Bildern. Ich habe Jamie, ich meine, Herrn Fraser, in Boston, nicht erkannt. Denn auf den Bildern in der Akte, die Frank über ihn verwahrt, hat er rote Haare und keinen Bart …”

         Claire sah zu Jamie hinüber, dessen Haare und Bart einen schwarzen Farbton aufwiesen. Er lächelte und strich sich, leicht theatralisch durch die Haare und sagte:

         “Es geht doch nichts über ein gutes Make-up.”

         Alle drei schmunzelten, dann griff Claire erneut zu ihrer Tasse und trank. Dann fuhr sie in einem eher nonchalanten Ton fort: 

         “Es war sehr interessant, sich in das Leben dieser Männer einzulesen.”

         “Meinen Sie, dass Sie sich nach so vielen Jahren noch an das erinnern können, was sie in diesen Akten gelesen haben?”

         “An etwas?” fragte sie lächelnd.

         “Ich kann mich an alles so genau erinnern, als hätte ich ein fotografisches Gedächtnis.”

         Erneut griff sie in ihre Handtasche. Zur Überraschung der beiden Männer brachte Claires feingliedrige Hand drei silberfarbene USB-Sticks hervor, die sie zu Ferdinand Groide hinüber schob.

         “Jeder dieser Sticks enthält 1 Terrabyte an Daten. Ich habe alle Aktenseiten fotografiert und in Ordnern mit entsprechenden Namen abgelegt.”

         Die Männer sahen erst sie, dann einander einen Moment lang schweigend an. Ferdinand Groide nahm die Sticks an sich und betrachtete sie. 

         “Sie … sagten, … dass Sie diese … Nachforschungen … im Jahr 2016 angestellt haben, also vor sieben Jahren … Bedeutet das, dass die Akten auf dem Stand von 2016 sind?”

         Ihre Antwort kam schnell und überraschte weder Ferdinand Groide noch James Fraser:

         “Nein, die letzten Hinzufügungen habe ich vor drei Wochen vorgenommen. Damals war Frank - angeblich - zu einer Historikertagung in Canberra. Alle Akten müssten sich also auf einem fast aktuellen Stand befinden.”

         Groide verschlug es die Sprache. Jamie konnte sich nicht erinnern, dass er den alten Herrn je so gesehen hatte. Er war leicht in sich gesunken und sein Gesicht hatte die ihm eigene rosige Farbe verloren. Ganz offensichtlich war er sich der schweren Verantwortung, die der Besitz dieser Datenträger mit sich brachte, bewusst. Claires Informationen konnten das Schicksal mindestens dreier oder noch mehr Nationen nachhaltig verändern. Groide wusste es und auch Jamie wusste das. Aber war sich Claire dessen bewusst? Diese Frage konnte Jamie sich nicht beantworten.

         Sein Freund legte seine Brille mit den eckigen goldenen Rändern ab und wischte sich über die Augen. Ein langer Atemstoß entwand sich der Lunge des alten Herrn. Dann sah er Claire an:

         “Und Sie wollen mir, ich meine, uns, diese Informationen freiwillig übergeben?”

         Claire nickte:

         “Ja.”

         “Darf ich Sie fragen, ob Sie dies tun, um … sich an Ihrem Mann zu rächen?”

         “Nein, ich meine ja, Sie dürfen mich fragen. Aber die Antwort ist ‘nein’. Ich hatte daran gedacht, sie im Falle ein Scheidung gegen ihn zu verwenden. Doch nachdem ich so viel über die Geschichte Schottlands gelesen habe, bin ich der Meinung, dass so etwas wie in der Vergangenheit … oder etwas ähnliches … nie wieder geschehen darf. Und …”

         “Und?”

         Claire holte tief Luft.

         “Und nachdem ich heute Nachmittag zufällig erfahren habe, was ein Mitglied der Familie meines Mannes Herrn Fraser angetan hat, will ich auf keinen Fall, dass irgendeinem anderen Menschen auch nur etwas ähnliches geschehen könnte.”

         Groide sah zu Jamie hinüber, schwieg aber.

         “Ich bitte Sie nur, dass Sie die Informationen, die Sie von mir erhalten, so einsetzen, dass Schlimmes verhindert wird.”

 

China-usb / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

         Claire und Jamie hörten die Zeiger der großen Wanduhr, die hinter ihnen hing, ticken. Groide hatte seinen Blick auf die Tischplatte und die vor ihm liegenden USB-Sticks gerichtet. Einige Moment vergingen, in denen sie alle schwiegen.

         “Frau Beauchamp, ich möchte dass Sie wissen, dass ich großen Respekt vor Ihrer Entscheidung habe. Ich bin nur ein kleineres Rädchen in einer wesentlich größeren Maschine. Aber ich verspreche Ihnen, dass ich meinen ganzen Einfluss geltend machen werde, damit mit diesen Informationen nach Ihrem Wunsch verfahren wird. Ich möchte auch, dass Sie wissen, dass wir hier keine feindseligen Gefühle gegenüber ihrem Land hegen. Im Gegenteil. Der Brexit und seine Folgen werden in unserem Land von den meisten Menschen sehr bedauert. Und das nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen. Wir vermissen die Stimme und das politische Gewicht ihres Landes. Die älteste Demokratie der modernen westlichen Welt hatte in dieser Union immer ein wichtiges, ein großes Gewicht - auch um eine politische Balance herzustellen. Sie wissen, es gibt Mitgliedsstaaten, die mit dem demokratischen System noch nicht so lange vertraut sind. Bis jetzt ist es noch einigermaßen gut gegangen, doch der Verlust der britischen Stimmen im Europäischen Parlament könnte zu gefährlichen Dysbalancen führen …  Und dann darf man auch die menschlichen Beziehungen nicht vergessen. Ich selbst bin viele Jahrzehnte vor der Wiedervereinigung unseres Landes in einem Bundesland in Westdeutschland aufgewachsen, in dem britische Truppen stationiert waren. Die Briten waren Nachbarn für uns. Ein mittlerweile verstorbener Freund von mir hat eine Engländerin geheiratet, trat zur Anglikanischen Kirche über und wurde Militärkaplan für diese Truppen in seiner Stadt. Freunde von mir hatten geplant, im Südwesten Englands ein kleines Cottage zu kaufen und dort ihren Ruhestand zu verleben. Viele der Städte, in denen ich gelebt habe, hatten Städtepartnerschaften mit englischen Gemeinden. Wir alle bedauern die Entwicklung der letzten zehn Jahre sehr … und wir können nur hoffen, dass eine spätere Generation sie vielleicht rückgängig machen kann. Ich hoffe, Sie wissen, dass Sie uns sehr willkommen, nicht nur weil Sie uns diese Informationen geben oder als medizinische Fachkraft, sondern als Mensch. Und ich hoffe, Sie werden sich ein wenig einleben können.”

         Claire nickte. Dann streckte sie ihre Hand aus und legte sie auf die Rechte des alten Herrn.

         “Danke, Herr Groide, ich weiß das zu schätzen.”

         “Sie können Ferdinand zu mir sagen, wenn Sie möchten.”

         “Gern, Ferdinand, ich bin Claire.”

         “Danke, Claire.”

         “Na, nach diesem ereignisreichen Arbeitsgespräch sollten wir uns doch einen guten Schluck genehmigen, oder? Wie wäre es mit einem Whisky?” 

         Jamie sah sie erwartungsvoll an.

         Claire nickte.

         “Gern.”

         Groide schüttelte den Kopf.

         “Jamie, Du weißt doch, dass ich das Zeug nicht trinke. Für mich bitte einen Wodka.”

         “Siehst Du Claire,” sagte Jamie mit einem ironischen Unterton, “hier kannst Du gleich etwas über die Deutschen lernen. Was Alkohol angeht, haben Sie keinen Geschmack.”

         Er reichte ihr ein Glas mit Whisky.

         “Recht hat er, Claire. Und merken Sie sich noch eines: Wir haben auch absolut keinen Humor.”

         Die Männer begannen zu kichern und Jamie musste einen Moment inne halten, ehe er das Glas mit dem Wodka an Groide weiterreichte. 

         “Du kannst ruhig sagen, was Du sonst immer über meinen Alkoholgeschmack, sagst, Jamie,” sagte Groide dann scherzhaft.

         Jamie sah Claire grinsend an.

         “Er hat zuviel Zeit mit Russen verbracht, die haben seinen Geschmack verdorben.”

 

 Wodka / Vodka Rene1905

         “Sa sdarovje!” war alles, was Groide darauf zur Antwort gab. Dann wandte er sich noch einmal an Claire:

         “Sie sagten vorhin, dass Sie beabsichtigen, die Scheidung von Ihrem Ehemann einzureichen?”

         “Ja, das werde ich tun. Ich hoffe, dass das auch von hier aus möglich ist.”

         Groide sah sie nachdenklich an.

         “Hast Du gegen Claires Wunsch etwas einzuwenden, Ferdinand?”

         “Nein, ich verstehe das Anliegen sehr gut. Ich befürchte nur, dass wir dadurch den MI5 auf Deine Spur bringen könnten, Jamie.”

         Ein leichter Schock durchfuhr Claire und beinahe hätte sie sich an dem Schluck Whisky, den sie gerade genommen hatte, verschluckt.